Nach Tiananmen mussten wir unser Schweigen brechen
BZ mit Walter Janka im Gespräch
BZ: Herr Janka, Sie sind Kommunist und Spanienkämpfer. Vor und nach 1945 waren Sie inhaftiert. Mit welchen Gedanken und Gefühlen verfolgen Sie die gegenwärtigen Ereignisse in diesem Land?
W. Janka: Zuerst einmal eine Korrektur. Ich bin nicht mehr der Kommunist, zu dem ich vor 50 Jahren von Haus aus erzogen wurde. Ich glaube heute, dass der Kommunismus eine schöne Utopie ist, die sich nicht mehr realisieren lässt in der modernen Industriewelt. Das müssen wir abschreiben. Das heißt aber nicht, dass wir den historischen und dialektischen Materialismus auch abschreiben müssen. Auf diesem wissenschaftlichen Fundament kann sich früher oder später eine Gesellschaft entwickeln, die wir als sozialistisch verstehen.
Was die jetzige Entwicklung betrifft, so bin ich im höchsten Maße befriedigt, dass endlich sich unser Volk wieder besinnt. Dass sich neues Selbstbewusstsein durchsetzt. Dass eine Bewegung eingeleitet wurde, von der wir alle hoffen, dass sie zu Ergebnissen führt. Welche Ergebnisse das sein werden, das bleibt noch abzuwarten. Ich weiß das auch nicht.
BZ: Empfinden Sie heute auch so etwas wie Schadenfreude und Genugtuung, weil die, die Sie zu Unrecht verurteilt und lange Zeit aus dem öffentlichen Leben verbannt haben, nun selbst zur Rechenschaft gezogen werden?
W. Janka: Es gibt weder Schadenfreude meinerseits noch Rachegefühle. Sondern, wenn ich es in einem Wort sagen würde, höchstens Befriedigung, dass dieser Machtmissbrauch, der sich über Jahrzehnte erstreckte, beendet wurde. Und mit der Rehabilitierung meiner Person muss auch die Rehabilitierung all der anderen verbunden sein, die in diesen Jahren unschuldig und ungerechtfertigt in die Zuchthäuser geworfen oder anders benachteiligt wurden.
BZ: Haben Sie im Herbst '89 schon erahnt, dass die Existenz der DDR so schnell in Frage gestellt werden könnte?
W. Janka: Nein, ich habe im Gegenteil im Juli/August vergangenen Jahres mit dem Rowohlt-Verlag in Hamburg über die Herausgabe der "Schwierigkeiten mit der Wahrheit" einen Vertrag abgeschlossen. Das waren nur drei Kapitel meiner Erinnerungen, die im Herbst oder Ende 1989 erscheinen sollten. Meine Frau und ich wollten ursprünglich dass zu unseres Lebzeiten überhaupt nicht veröffentlichen. Weil wir uns nicht den Vorwurf einhandeln mochten, dass wir durch unser Tun eine Destabilisierung der DDR herbeiführen. Aber als wir auf einer Auslandsreise beobachten konnten, was sich auf dem Plato des himmlisches Friedens (Tiananmen) in Peking abspielte, da haben wir gesagt, nun ist es zu Ende, nun dürfen wir nicht mehr schweigen. Obwohl uns gute Freunde in der DDR und auch in der Bundesrepublik gewarnt und gefragt haben, willst du denn riskieren, noch mal nach Bautzen zu gehen? Das war gute drei Monate vor der Wende. Ich habe gesagt, nein, das will ich nicht. Ich glaube nicht, dass sie es noch einmal wagen werden. Aber selbst wenn sie es tun, müssen wir jetzt das Schweigen brechen.
BZ: Viele Hoffnungen und Träume des vergangenen Herbstes sind bereits verblüht. Das Tempo und die Dramatik der Ereignisse sind atemberaubend geworden. Die Losung des Tages heißt jetzt: Deutschland, einig Vaterland. Enttäuscht Sie dieser Verlauf der Ereignisse?
W. Janka: Ich würde nicht sagen, dass er mich enttäuscht. Er befriedigt mich nicht. Weil wir auch die Problematik der Einigung, ich sage absichtlich nicht Wiedervereinigung, so behutsam wie möglich angehen sollten. Und wir dürfen uns überhaupt nicht einbilden, dass das nur eine Angelegenheit der Bürger der DDR und der BRD ist. Auch wenn das der Herr Kohl hundertmal sagt, hat er unrecht. In jedem Falle ist das eine Angelegenheit, die unsere Nachbarvölker, insbesondere auch die Siegermächte, interessieren muss und die da mitsprechen müssen. Denn die Geschichte des großdeutschen Reiches ist ja hinlänglich bekannt. Wir haben sie leider unseren Nachfolgegenerationen nicht genügend erklärt und begreifbar gemacht. In keinem Falle sollten wir zulassen, dass der sogenannte Wiedervereinigungsprozess auf dem Rücken der Normalverbraucher in der DDR ausgetragen wird. Und diese Angstpsychose, die bereits eingesetzt hat, darf keinesfalls noch größer werden. Natürlich wird dieser Prozess nicht schmerzlos abgehen. Nur darf das eben nicht so gehandhabt werden, dass man nur fordert, dass die Investitionen des Kapitals gewinnbringend sind. Natürlich weiß ich, dass jeder Kapitalist, wenn er eine Mark investiert, zwei zurückhaben will. Und ich weiß auch, wo die zweite Mark herkommt. Aber diese Attraktivität muss in solchen Grenzen gehalten werden, die noch mit der Moral der Menschen zu vereinbaren sind.
BZ: Welche Vision haben Sie von einer einheitlichen deutschen Nationalkultur?
W. Janka: Da möchte ich zunächst darauf aufmerksam machen, dass es hierbei zwei Dinge zu beachten gibt. Das eine ist die Staatentheorie, und das andere ist die Kultur. Nach meiner Meinung hat es immer eine einheitliche deutsche Kultur, Literatur und Filmkunst gegeben. Genauso wie früher, wo es eine Linke und Rechte gab, aber dennoch eine einheitliche deutsche Nationalkultur bestand. Ich bin der Auffassung, dass die Intellektuellen, die Geisteschaffenden sich nicht auf das Eis der Theoretiker des sozialistischen Realismus begeben dürfen. Die uns immer einreden wollten, dass es zwei Kulturen gibt, zwei Literaturen usw. Es gab auch in den schlimmsten Zeiten immer nur eine deutsche Kultur, Literatur und Kunst. Das war der einzige Konsens. Und an diesem Konsens müssen wir anknüpfen. Man muss sich also über diese Frage gar nicht streiten.
BZ: Ihnen wird wiederholt vorgeworfen, Sie hätten mit Ihrem Buch den Lack des bisherigen Bildes über Anna Seghers und Johannes R. Becher allzu arg zerkratzt. Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?
W. Janka: Es ist mir sehr recht, dass Sie dieses Thema ansprechen. Ich habe hier eine Erzählung von Frau Seghers liegen, die wahrscheinlich in naher Zukunft im Aufbau-Verlag erscheinen wird. Diese Erzählung, die ich bekommen habe, hat mich zutiefst erschüttert. Deshalb, weil mir immer wieder der Vorwurf gemacht wird, ich hätte Frau Seghers durch meine Kritik in eine schwierige Situation versetzt. Ich erkläre hier wiederholt, meine Kritik richtet sich nicht gegen die Schriftstellerin. Sie richtet sich nur gegen die Genossin, die zur falschen Zeit eine falsche Parteidisziplin geübt hat. Sie hätte damals nicht mehr schweigen dürfen. Sie hätte sich auch den Luxus des Sprechens leisten können, weil sie zu den Persönlichkeiten zählte, die Ulbricht ganz bestimmt nicht angerührt hätte. Vielleicht hätte der Aufbau Verlag ein paar Bücher weniger gedruckt. Aber um so mehr hätten sie ihre Bücher im Westen gedruckt. Also finanziell und materiell hat sie keine Sorgen gehabt. Sie aber hat damals geschwiegen. Und jetzt hat man mir eine Erzählung gebracht. Der Titel lautet "Der gerechte Richter". Diese Erzählung ist für mich ein ganz furchtbares Problem. Denn sie ist mit das Beste, was Anna Seghers in der Zeit nach meinem Prozess geschrieben hat. Soweit ich ihre Arbeiten kenne. Man hat sie jetzt erst aus dem Nachlass herausfischen können. Sie wurde damals nicht gedruckt, weil nicht sein durfte, was nicht sein soll. In dieser Erzählung setzt sich Frau Seghers damit auseinander, dass ein alter Spanienkämpfer - für den ich wahrscheinlich Modell stehen musste, aber auch andere noch - von einem Richter verurteilt werden sollte, der es abgelehnt hat, diesen Mann zu verurteilen. Weil er wusste, er ist unschuldig. Aber die Partei hatte vom Richter das Urteil verlangt. Und weil er es nicht erfüllt hat, wurde der Richter angeklagt und selbst ins Zuchthaus geschickt. Diese Erzählung ist nicht nur gut geschrieben, sondern sie ist vom Inhalt her so bedeutsam, dass ich glaube, sie ist weit schwerwiegender als die letzten Romane, die Frau Seghers hier in der DDR geschrieben hat, "Das Vertrauen" usw., wo sie doch weitgehend Schönfärberei in der Zeit des Stalinismus literarisch gestaltet hat.
BZ: Und wie verhält es sich mit der Kritik an Becher?
W. Janka: In Ergänzung zu dem, was ich zu dieser Erzählung von Frau Seghers gesagt habe, möchte ich dazu einen Brief erwähnen, den die Freunde im Aufbau-Verlag mir zugeschickt haben. Es ist ein Brief von Becher, den er an das Zentralkomitee zu Händen von Walter Ulbricht nach dem Prozess, der gegen mich und meine Mitangeklagten im Juli 1957 geführt wurde, schickte. Dieser Brief zeugt von einer Erbärmlichkeit, die noch weit über das hinausgeht - ich meine jetzt charakterlich, politisch, Verantwortung eines Ministers, eines Mitgliedes des Zentralkomitees, eines Präsidenten der Akademie der Künste, und was man dem alles noch hinzufügen könnte - , was ich schon bisher versucht habe anzudeuten. Dieser Brief ist in Heft 2 von "Sinn und Form" veröffentlicht. Und ich kann nur allen Leuten, die da noch Zweifel angemeldet haben, ob denn meine Kritik berechtigt ist, raten, diesen Brief mal zu lesen, damit sie erfahren, wie das in Wirklichkeit ausgesehen hat. Es ist sehr bedauerlich, wie so große Persönlichkeiten durch die Politik der damaligen Parteiführung zerstört wurden, auf ein Niveau herabgedrückt wurden, wo sich einer, der sich zum Marxismus bekennt, nur schämen muss.
Das Gespräch führte
Horst Lange
Berliner Zeitung, Nr. 88, Sa./So. 14/15. April 1990
