Zum Stichwort Privilegien für Künstler in der DDR

Von TAMARA DANZ

Privilegien? Ich hatte eher das Gefühl, mir elementare Rechte ertrotzt zu haben. Offensichtlich falsch! O.K., wenn es gewünscht wird, einigen wir uns auf den Begriff "Privilegien". In diesen denkwürdigen Zeiten der Vergangenheitsverdrängung komme ich wohl nicht umhin, daran zu erinnern, dass niemand in diesem Land mit abgeschlossener Ausbildung, Wohnung, Reisepass und einem Auto unterm Hintern zur Welt gekommen ist. Dies verhält sich auch bei Künstlern so.

Die Entscheidung, sich ausschließlich diesem Job zu widmen, bedarf eigentlich keiner weiteren Voraussetzungen, außer einigem Können, dem Glauben an die eigene Begabung und einer extremen Risikobereitschaft. Also nichts, was von königlichen Gnaden abhinge. Wenn man es dann mit mehr oder weniger Glück und Schweiß geschafft hat, über den Kreis der eigenen Verwandtschaft hinaus einen AHA-Effekt zu erzielen, ist man schon eine "öffentliche Person". Mit steigender Anzahl derer, die Gefallen an dem finden, was man sich da ausgeschwitzt hat, steigt auch die öffentliche Aufmerksamkeit an der Person. (Und die ist, nebenbei gesagt, nicht nur positiv.) Diesen Zustand nennt man "Popularität". Bitte nicht mit "Prominenz" verwechseln es gibt eine stattliche Anzahl "Prominenter", die gänzlich unpopulär sind, und trotzdem privilegiert.

Popularität ist eine Waffe, die erstaunlich vielseitig ist: Man kann sie für sich und/oder für andere zum Abschuss bringen; man kann sie auch auf Leute anlegen, die aus irgendeinem Grunde Störfaktoren im eigenen Dunstkreis sind. (Dass man sie gelegentlich gegen sich selbst gerichtet sieht, ist unangenehm, aber schwer zu beeinflussen.) Was man nun mit dieser Waffe anstellt oder anrichtet, ist keine künstlerische Kategorie, sondern eine moralische und ist darüber hinaus von der Öffentlichkeit in den meisten Fällen zu überprüfen. Ich bin der Überzeugung, dass zwischen den sogenannten Fans und uns eine Art "Pakt" besteht. Die Übereinstimmung zwischen uns hat uns schließlich zu dem gemacht, was wir sind, und wir haben in gewisser Weise ihren Schutz. Dies wiederum verpflichtet uns geradezu, uns für ihre Interessen und Probleme einzusetzen. Ich weiß nicht genau, wie weit diese Ansicht verbreitet ist - ich drücke es mal positiv aus: Ich weiß, dass ich damit nicht ganz alleine bin. Dieser Pakt ist übrigens äußerst labil: Ist diese Übereinstimmung weg - ist auch der Pakt über den Jordan.

Machen wir uns nichts vor: Selbst die schärfsten Stasi-Schergen der Welt können keine Sau zwingen, Konzertkarten, Bücher, Platten oder Bilder zu kaufen. In diesem Zusammenhang mal ein nettes Wort an die ewigen "Künstler-Anpisser": die von den Medien, aus der Politik, sogar die aus den eigenen Reihen, aus dem Westen, dem Osten und anderswo: Unterlasst es doch endlich, den Leuten einzublasen, dass jeder, der vor dem "Tag des Herrn" auch nur halbwegs erfolgreich war, mindestens einmal auf Honeckers oder Mielkes Schoß gesessen hat. Zugegeben, diese Sorte ist real existent und stirbt nie aus. Aber alle? Sogar Christa Wolf? Wann ist eigentlich Kurt Masur dran? Und was ist mit de Maizière? Wie ist der wohl an seinen Studienplatz rangekommen? Wie sind eigentlich Journalisten zu Journalisten geworden? War da nicht schon vorher "Gesinnungs-Check" angesagt? Oder hat da am Ende auch hin und wieder die simple Leistung eine Rolle gespielt? Das wäre ja nicht auszudenken! Dann wäre ja das Ost-Volk nicht ganz so ein nutzloses, verblödetes Herdenvieh! Dabei hatten wir sie ja gerade mühsam zu dieser Einsicht gebracht! O Gott, mach, dass sie demütig bleiben und nicht wieder die Köpfe heben ...!

Zurück zum Thema: In den eigenen Reihen der jeweiligen Kunstgenres haben Neid und Missgunst schon immer höchst exotische Blüten getrieben. Während diverse Kollegen noch mit der Trommel um den Weihnachtsbaum gerannt sind, hat unsereins schon mehrmals auf der Schnauze gelegen und sich wieder hochgerappelt. Der Fäkalienstrahl von dieser Seite geht mir, offen gesagt, am Arsch vorbei. Den "Meinungsbildnern" (auch Kunst!!) nehme ich es übel: den Ossis, weil sie es besser wissen und den Wessis, weil sie irgendwas aufschnappen und es ohne zu recherchieren oder zu hinterfragen einfach hinschmieren bzw. es sich vollends aus dem Daumen lutschen. Wie auch immer - auch daran werde ich mich gewöhnen (müssen). Immer nach dem Grundsatz: Any press is good press, Hauptsache mein Name wird richtig geschrieben!

Und noch eins: Es gibt niemanden, der sich ohne Fehleinschätzungen und Fehlentscheidungen durchs Leben schlägt, c'est la vie!

Wer da allerdings glaubt, ich plädiere für Straffreiheit - weit gefehlt! Wer auch nur einem seiner Mitmenschen ohne Notwehr das Rückgrat gebrochen hat, gehört vors Tribunal!

(Berliner Zeitung, Do. 29.11.1990)