Blühende, aufregende DDR

Interview mit K.T., Mitarbeiter der "Kirche von unten", Ost-Berlin / Wer bleibt, muss sich nicht rechtfertigen

INTERVIEW

taz: Auf die jüngste Auswanderungswelle hat die Kirchenleitung ratlos reagiert und hilflose Bleibeappelle abgegeben. Wie diskutiert ihr dieses Phänomen?

K.T.: Auch wir haben ein gestörtes Verhältnis dazu. Die meisten Aktiven distanzieren sich von den Ausreißern, unterstellen ihnen fragwürdige Motive und moralisieren. Dabei kann das bei jedem umkippen. Ich habe schon Leute erlebt, die innerhalb von Tagen von notorischen Dableibern zu Ausreißern wurden.

Sind auch bei euch Lücken gerissen durch die Abgehauenen?

Von den Engagiertesten sind keine weg. Aber im Freundes oder Verwandtenkreis fehlen welche. Es hat aber keinen Zweck, den Geflüchteten Vorwürfe zu machen. Produktiv werden kann hier sowieso nur, wer von sich aus bleiben will, und nicht wegen moralischer Appelle. Es gibt genügend Gründe zu gehen. Es gibt aber auch Gründe zum Bleiben. Fast jeder denkt darüber nach und entscheidet autonom.

Diskutiert ihr in euren Gruppen darüber?

Kaum. Es gibt kein reflektives Verhältnis dazu. Die meisten von uns sind genauso intolerant gegenüber den Ausreißern wie der Staat. Zum Teil übernehmen Kirche und Gruppen sogar dessen herabwürdigendes Vokabular, wenn sie über die Fluchtwelle reden. Meiner Meinung nach schreckt das aber alle Leute von uns ab, die überlegen, ob sie bleiben oder gehen sollen, und noch zögern, sich uns anzuschließen, um Reformen zu befördern. "Die sind ja genauso dogmatisch wie die Partei", heißt es bei denen.

Wie siehst du in diesem Zusammenhang die Perspektive der "Kirche von unten"?

Wir haben in unserer offenen Jugendarbeit schon vor Jahren begriffen, dass man den Leuten hier eine persönliche und politische Heimat geben muss, damit sie hierbleiben wollen. Uns war klar, wenn der Staat so weitermacht, laufen ihm große Teile der aufmüpfiger werdenden Bevölkerung weg. Leider hat er so weiter gemacht. Wir erreichen mit unserer Arbeit noch zu wenige Leute. Wir haben es bis jetzt nur geschafft, auf dem untergehenden Schiff ein Notsegel zu setzen. Aber das ist wenigstens etwas.

Wie ist das bei dir persönlich? Warum willst du jetzt nicht weg aus der DDR?

Man stelle sich einmal vor, das staatliche Kontroll- und Bevormundungsverhalten hätte in den letzten 15 Jahren nicht zigtausende kritische und aufmüpfige Menschen, Schriftsteller, Maler, Schauspieler und unzählige Talente außer Landes getrieben, welch eine blühende, an- und aufregende Kulturlandschaft existierte heute möglicherweise in der DDR. Wer geht, muss sich nicht rechtfertigen, wer bleibt, auch nicht.

die tageszeitung, Ausgabe 2914, 19.09.1989

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