TRIBUNE sprach mit dem Schriftsteller Stefan Heym

Wenn die Kinder nicht gehorchten, bekamen sie einen Klaps

• 1959 lag das erste Manuskript dieses Romans vor. Inzwischen sind "5 Tage im Juni" auch in der DDR erschienen. Können Sie sich darüber freuen?

Natürlich freue ich mich über die Veröffentlichung. Ich habe übrigens die erste Fassung dieses Romans, die "Der Tag X" betitelt war, in den sechziger Jahren noch mal umgeschrieben, Dokumententeile beigefügt, das Ganze ein wenig mehr auf den Punkt gebracht und dann "5 Tage im Juni" genannt.

Das Bedauerliche an dieser Verzögerung ist, dass das Buch seither schon gewirkt haben könnte Schade, dass erst jetzt die Leser sich damit befassen können.

• Diesen für Sie so bitteren Wartejahren zum Trotz - was im Roman erzählt wird, mutet hochaktuell an. Sehen Sie Parallelen zwischen der Situation im Juni 1953 und gegenwärtigen Problemen und Entwicklungen?

Es gibt Parallelen, und es gibt Unterschiede. Der Grundwiderspruch war damals der gleiche wie heute, nämlich der Widerspruch, der sich entwickelt hatte zwischen der Arbeiterklasse, also dem Volk, und der Politik jener Partei, die sich als Partei der Arbeiterklasse verstand.

Aber: 1953 - das war nur acht Jahre nach der Nazizeit. In den Köpfen der Menschen war noch eine Menge faschistisches Gedankengut und wirkte sich auch in den Junitagen aus. Außerdem wurden die Ereignisse im Jahr 1953 in besonderem Maße durch ein gewerkschaftliches Versagen ausgelöst. Mit den Normerhöhungen war eine Maßnahme getroffen worden, die das Leben der Arbeiter direkt betraf, ohne dass der FDGB eingegriffen hätte. Das führte zu einem ersten großen Vertrauensbruch.

• Sie zitieren in den "5 Tagen im Juni" Walter Ulbricht, der Fehlentscheidungen daraus erklärt, dass Kritik lediglich von oben nach unten geübt wurde. Mich beunruhigt, dass ähnliches auch unlängst zu hören war. - Welche Ursachen sehen Sie für die Wiederholung von Fehlentwicklungen?

Wenn man die Reden von Walter Ulbricht und auch von Otto Grotewohl auf der Tagung des Berliner Parteiaktivs 1953 liest, dann muss man bedauern, dass offenbar beide - nachdem sie wieder fest im Sattel saßen - nicht die Lehren aus Ihren Einschätzungen zogen, sondern vier Wochen später dasselbe taten wie vorher.

Auch das ist nur zu erklären aus dem Widerspruch zwischen der Klasse und "ihrer" Partei. Je höher einer sitzt, desto mehr Macht kann er direkt ausüben. Ein englischer Lord hat nicht zu Unrecht festgestellt: Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut.

Das hat sich leider auch hierzulande bewahrheitet, wobei der Hauptteil der Korruption sicher nicht auf finanziellem Gebiet oder dem der Privilegien gelegen hat, sondern im Inneren, im Herzen dieser Leute. Sie vergaßen zu großen Teilen, dass sie eigentlich aus dem Volke kamen und eingesetzt waren, die Interessen des Volkes zu vertreten. Und selbst wenn sie das zu tun glaubten - ich könnte mir vorstellen, dass das bei Erich Honecker der Fall war -, erkannten sie nicht, dass sie mit einer Regierungsmethode, wie sie sich hier in der DDR durchgesetzt hatte, gegen die Interessen eines mündigen Volkes handelten.

Ich habe das einmal sehr deutlich eine Regierung von Gouvernanten genannt. Gouvernanten wissen generell, was gut ist für Kinder. Demokratie dulden sie nicht, sie geben Anordnungen. Wenn die Kinder nicht gehorchen, bekommen sie einen Klaps. So lief das Regierungssystem, und das kann nicht gutgehen, wenn man eine Wirtschaft entwickeln will, die modern ist, und eine Kultur, brauchbar für die Menschheit.

• Was macht ihnen Hoffnung, was bereitet Ihnen Sorgen?

Hoffnung macht mir heute, dass die Menschen selber die großen Veränderungen, die inzwischen erfolgt sind, herbeigeführt haben, Das wurde nicht irgendwo oben beschlossen, sondern durch die großen Demonstrationen geschaffen, allerdings auch durch die Massenflucht so vieler aus unserem Land, die leider immer noch nicht aufgehört hat.

Ich sehe darin durchaus eine Bedrohung. Wenn die DDR weiter ausblutet, dann hat das wirtschaftliche Folgen, die nicht wiedergutzumachen sind. Tun wir das Unsere, damit dieses Land nicht zur Kolonie der Bundesrepublik wird, nicht geschluckt wird oder sich schlucken lässt. Verhindern wir das, um jetzt, unter den neuen Bedingungen, in diesem deutschen Staat eine gerechte Ordnung herstellen zu können und einen Sozialismus zu schaffen, der diesen Namen verdient. Sich darüber klar zu werden, ist in diesen Tagen besonders wichtig, wo in der BRD Herr Kohl mit der Ouvertüre zur Vereinnahmung der DDR begonnen hat.

• Was ist Ihnen Historie?

Ich habe geschichtliche Themen genutzt, wo sie mir Interessantes auszusagen schienen für unsere Zeit und ihre Menschen. Und ich habe auch erlebt, dass ein Gegenwartsroman nach einiger Zeit ein historischer Roman war. Zum Beispiel geht es in "Kreuzfahrer von heute" um den zweiten Weltkrieg, und der ist heute bereits zum historischen Ereignis geworden. Man muss wahrscheinlich nur lange genug leben, um so etwas zu erfahren.

• Vor allem die vergangenen zwei Jahrzehnte waren für Sie Jahre des offiziell hierzulande Nicht-zur-Kenntnis-genommen-Werdens. Wie erträgt man dies als Schriftsteller?

In meinem Fall habe ich es bis auf einige durch unmittelbare Verfolgungen sehr schwierige Situationen ertragen können, weil die Welt ja größer ist als die DDR. Und da ich offenbar ein Autor bin, der auch jenseits der Grenzen seine Leser hat, konnte ich meine Bücher draußen drucken lassen. Es tat mir weh, dass sie hier nicht erscheinen konnten, aber sie waren da, kamen sogar stückweise hinein in die DDR, taten auch hier ihre Wirkung.

Für mich war es viel leichter als für längere Autoren, die meinen Ruf nicht hatten und hier wirklich ausgesperrt waren mit ihrer Literatur, weil sie auf dieses Land angewiesen waren. Von ihnen ist leider eine große Zahl ins Ausland gegangen, in den Westen, und ich weiß nicht, ob wir sie einmal zurückholen können oder endgültig verloren haben.

• Was hat Sie hier gehalten?

Die gleiche Frage wurde mir während der Signierstunde mit "5 Tage im Juni" von einem amerikanischen Reporter gestellt. Er hatte mit eigenen Augen die Menschen gesehen, die am 22. November in scheußlicher Kälte in der Rosenthaler Straße fast bis zum Rosenthaler Platz hin standen und zwei, drei Stunden lang darauf warteten, dass sie in den Laden hinein konnten und ihr Buch bekamen.

Als er mir diese Frage stellte, antwortete ich ihm: unter anderem, um diesen Tag zu erleben, Ich glaube, ich habe recht behalten.

• Immer wieder werden Sie ganz spontan auf der Straße angesprochen. Warum machen die Menschen da?

Sie wollen mir danken, sagen mir Komplimente wegen meiner Standhaftigkeit. Ich sage dann, dass sie davon nicht allzu viel halten sollten, ich hätte mich nur gegen Unterdrückungsmethoden zur Wehr gesetzt, das sei Selbsterhaltungstrieb. Wenn ich den nicht gehabt hätte, wäre ich verloren gewesen. So aber, indem ich auf übermäßigen Respekt vor Behörden verzichtete und mir klarmachte, was dort oft für dumme Leute sind, hätte ich überwintert. Außerdem konnte ich die Zeit zum Arbeiten nutzen, und Arbeit ist ein großer Helfer.

• Woher kommt dieser Mangel an Respekt vor der Obrigkeit?

Aus meiner amerikanischen Vergangenheit. Ich habe siebzehn Jahre in den USA gelebt. Das erste, was ich dort bei den jungen Leuten im Studentenheim zu meiner Überraschung erfuhr, war: Sie hatten vor Politikern, selbst vor denen mit den größten Namen, überhaupt keinen Respekt. Sie sagten "all politicans are crooks" (alle Politiker sind Betrüger), wobei crooks nicht unbedingt finanzielle Betrüger sind, sondern Leute, die vorgeben, etwas zu sein, was sie nicht sind. So die grundlegende Einstellung in den USA.

Als ich in der DDR mit SED-Politikern zu tun bekam, erwartete ich anderes, aber nach einer Weile stellte sich heraus, dass der Spruch gültig blieb - auch vor sozialistischen Politikern muss man nicht in die Knie gehen. Sie sind halt auch Menschen und manchmal sehr kleine Menschen.

Diese Erkenntnis hat mir genutzt. Im übrigen bin ich als Autor verpflichtet zu beobachten. Und da habe ich mir sehr oft meine Gedanken gemacht, wenn ich die Leute erlebte die oben und die unten.

• Gesellschaftliche Wirksamkeit lässt sich nicht darauf reduzieren, irgendwie zu überwintern. Wie wirkt Literatur, wie der Schriftsteller?

Jetzt, da hier langsam alle meine Bücher zur Verfügung stehen werden, kommen sehr viele Leute, um mir zu sagen: Herr Heym, dass Sie hier geblieben sind und das, was sie geschrieben und geredet haben, hat mir Mut gegeben, hat mich getröstet auch in schwerer Zeit.

Wenn ich das zu hören bekomme, beweist es mir, dass der Schriftsteller nicht nur ein Unterhaltungskünstler ist - obwohl er auch das sein muss, er kann sonst nicht wirken. Aber er nimmt außerdem auf Menschen Einfluss, lebt in ihren Herzen. Und das ist etwas sehr, sehr Großes.

• Weitere, bisher in der DDR nicht publizierte Bücher von Ihnen sind hierzulande angekündigt. Wann kommt was?

1990 sollen der Roman "Schwarzenberg" und "Nachruf", die Memoiren, erscheinen. Leider erst für 1991 - aber vielleicht lässt sich das noch korrigieren - ist "Collin" vorgesehen, mein Roman um die Gewissenskämpfe eines Schriftstellers in einer Zeit, die wir hoffentlich hinter uns haben. Außerdem sind noch kleinere Sachen im Gespräch, Märchen, Erzählungen und ähnliches.

• Können Sie derzeit schriftstellerisch arbeiten?

Im Monat November bin ich nicht dazu gekommen. In den letzten Wochen kamen dauernd Interviewer oder ich sollte Irgendwo reden. Ich hoffe, dass sich das ändert und ich an meinen Schreibtisch zurückkehren kann, um endlich wieder zu arbeiten.

Mit Stefan Heym sprach
Sybille Walter

Biografisches

Stefan Heym wurde am 10. April 1913 in Chemnitz geboren und kam früh zur Arbeiterbewegung. 1933 musste er Deutschland verlassen und emigrierte schließlich in die USA, wo er zunächst auf Einladung der Universität Chicago studieren konnte. Später arbeitete er in verschiedenen Berufen und war Ende der dreißiger Jahre Chefredakteur der deutschsprachigen antifaschistischen Wochenzeitung "Deutsches Volksecho". Als Offizier der US-Armee kämpfte er gegen den Faschismus, wurde nach Kriegsende jedoch wegen seiner prokommunistischen Haltung aus der Armee entlassen. Stefan Heym Übersiedelte 1952 in die DDR Mit Romanen wie "Kreuzfahrer von heute", "Der Fall Glasenapp", "Die Papiere des Andreas Lenz", "König David Bericht" und "Lassalle" wurde er in der Welt bekannt.

Bisher In der DDR nicht erschienen sind neben den jetzt veröffentlichten "5 Tagen im Juni" die Romane "Schwarzenberg" und "Collin" sowie seine Memoiren. Zusammen mit anderen DDR-Schriftstellern wurde Stefan Heym im Juni 1979 aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen. Der Beschluss wurde am 23. 11. 1989 annulliert.

Tribüne, Fr. 01.12.1989

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