DDR 1989/90Brandenburger Tor

Der erste Schritt

Runder Tisch des Sports beriet in Berlin neue Wege

In einer Beziehung erwies sich der Runde Tisch wirklich als runde Sache: Der Sport als Bestandteil unserer Kultur verdient es, erhalten und allen zugängig gemacht zu werden. Das allerdings auf Grundlage eines erneuerten Konzepts, wie der einladende Staatssekretär Dr. Wilfried Poßner ergänzte. Er schloss einen Dank an alle jene an, die in diesen schweren Stunden oft unter komplizierten Bedingungen den Sportbetrieb aufrechterhalten. Er stellte kurzfristige Maßnahmen in Aussicht, um zu verhindern, dass die jetzt noch heile Basis kaputt geschlagen wird. Kombinate, Betriebe und Institutionen, die derzeit die Mittel für den Sport streichen und damit oft kurzsichtig handeln, weil sie nämlich nicht selten damit die Freizeitmöglichkeiten ihrer eigenen Belegschaft, mit Sicherheit aber die von Kindern und Jugendlichen einschränken, werden auf die Einhaltung der bestehenden Gesetze und Vorschriften verwiesen. Allerdings: Jedes Stück Sportpolitik, so Poßner, müsse neu durchdacht und auf einem breiten demokratischen Konsens konzipiert werden.

Das Gremium, das der Staatssekretär im Amt für Jugend und Sport in Berlin am Donnerstag erstmals zusammengerufen hatte, hatte sich als ersten Schritt eine kritische Bestandsaufnahme des DDR-Sports vorgenommen. Wie nicht anders zu erwarten, fiel sie - bei aller Anerkennung des Erreichten - durchaus nicht nur positiv aus.

Zu ernüchternd ist die Tristesse, die man in großen Teilen des Landes vorfindet und die in einem eklatanten Widerspruch zu den strahlenden Siegern aus der DDR in internationalen Arenen steht. Missbrauch des Leistungssports als Prestigeobjekt, mangelnde Transparenz seiner Förderung. Unterdrückung einzelner Sportarten zugunsten der Medaillenintensität anderer sowie Vernachlässigung des Massensports wurden als Hauptsünden der Vergangenheit benannt.

Daraus ergibt sich eine Neubewertung unserer Sporttraditionen. Als Angebot für die Zukunft unterbreitete Poßner folgende Gesichtspunkte:

- Schaffung der Voraussetzungen, damit jeder entsprechend seinen Neigungen Sport treiben kann;

- ein Mindestangebot an Sportartikeln und -stätten;

- Beachtung des Wechselverhältnisses Sport-Natur;

- konsequente Symbiose zwischen Massen- und Leistungssport;

- neue Überlegungen zum Sport als Therapeutikum;

- Hochleistungssport als kulturelle Errungenschaft, Teilnahme an internationalen Meisterschaften in angemessener Größenordnung und in Abhängigkeit vor den Möglichkeiten der Republik, jedoch kein Medaillen-Maximalismus.

- schließlich und endlich die materielle Absicherung des leistungssportlichen Trainings, wobei der Staatssekretär nicht hinter dem Berg hielt, dass Illusionen auf diesem Gebiet völlig fehl am Platze sind. Eine Umverteilung der Mittel - so zugunsten bisher diskriminierter Sportarten und des Massensports - hieße, dass einige Bereiche sich Beschränkungen auferlegen müssen, jedoch mancher Wunsch erfüllbar würde durch die effektivere Auslastung des Vorhandenen.

Nachzudenken gelte es dabei über die Eigenfinanzierung (so über höhere Eintrittspreise und Mitgliedsbeiträge) und die Förderung von Privatinitiative.

Eingangs der beinahe zweistündigen Diskussion stellte Dr. Harold Tünnemann (Neues Forum) mit Befriedigung fest, dass viele Auffassungen seiner Arbeitsgruppe, die diese in den letzten Wochen in die Öffentlichkeit gebracht hatte, nunmehr auch in die Einschätzungen des Amtes eingeflossen wären. Völlig zu Recht meinte er aber auch in einer Pause, dass eine kritische Analyse noch relativ einfach wäre im Vergleich zu der Schwierigkeit. unter weit komplizierteren Bedingungen als früher neue Wege zu finden. In der Tat! Es war nicht zu erwarten, dass diese Wege schon am Donnerstag gefunden wurden. Einige interessante Ideen gab's aber mit Sicherheit.

So schlug Ralf Rühmann (SED-PDS) vor, den Sportgemeinschaften jetzt die Möglichkeit zu schaffen, Kredite aufzunehmen, um das Vorhandene erst einmal zu sichern.

Norbert Kulik (FDJ - und als Wasserballer in Magdeburg ehemals selbst ein geschasster Leistungssportler) regte an, Spartakiaden zukünftig gemeinsam für Behinderte und Nichtbehinderte auszurichten.

Prof. Dr. Hans-Georg Herrmann (DTSB-Arbeitsausschuss) kündigte an, den Sportverbänden in der Perspektive eine völlig neue Rolle zu geben.

Eigenverantwortung hieße schließlich auch, dass die ehrenamtlich tätigen Gremien demokratisch Beschlüsse fassen, die dann vom Apparat ausgeführt werden müssen - und nicht wie bisher umgekehrt!

Allerdings: Einige Parteien (CDU, Grüne, SDP) glänzten durch Abwesenheit, und manche Initiative hatte nicht mal eingeladen werden können, weil das Amt nicht wusste, wohin mit der Einladung. Sich zu verstecken spricht auch Bände, wie sich einer für den Sport engagiert.

Vielleicht ändert sich das bei der zweiten Runde, die Ende Januar ansteht.

Volker Kluge

Junge Welt, Fr. 05.12.1989