Interview mit Uwe Liehr (Grüne Liga Berlin/DDR)

"Wir können alle Computertechnik gebrauchen"

Über den Aufruf zu Hardware Spenden für DDR-Computerclubs und politische Oppositionsgruppen sprachen wir mit Uwe Liehr von der "Grünen Liga" in Berlin/DDR.

UZ Es gibt einen Aufruf. gebrauchte Computer und Zubehör in die DDR zu schaffen. Was wollt Ihr mit dieser Technik machen?

Uwe Liehr: Da muss man unterscheiden zwischen den Computerclubs und den neuen Gruppen, die es in der DDR gibt. Da gibt es teilweise schon sehr konkrete Vorstellungen. Nehmen wir zum Beispiel mal die "Grüne Liga", in der ich mitarbeite. Wir organisieren uns jetzt bezirksweise, richten Geschäftsstellen ein. Die müssen irgendwie mit entsprechender Technik ausgerüstet werden, das fangt mit Telefonen und Vervielfältigungsgeräten an, aber wir brauchen auch Personalcomputer. Damit man wenigstens Disketten, selbst wenn sie mit einem berittenen Boten kommen, anschauen kann. Der nächste Schritt wäre dann Computerkommunikation, eine direkte Vernetzung dieser Geschäftsstellen. Man kann schon heute nicht mehr alles per Telefon oder Boten machen. Die Zeit ist momentan sehr schnelllebig, zum Beispiel auch durch unsere Teilnahme am "Runden Tisch". Da sind wir teilweise gefordert auch sehr kurzfristig etwas zusammenzustellen und da geht es manchmal nur um Stunden. Da brauchen wir Computerkommunikation, sonst sind wir völlig aufgeschmissen.

UZ Also ein internes Datennetz für Eure Arbeit?

Uwe Liehr: In Perspektive soll dieses Netz so erweitert werden, dass alle Bürger auf die Umweltinformationen zugreifen können. Die Computerclubs in der DDR haben heute das entsprechende Know-how, um solche Anlagen installieren zu können. Aber man sollte sich davor hüten, dass die jetzt wieder eine Monopolstellung bekommen. Sonst erreichen die eine Machtfülle, die noch gar nicht abzuschätzen ist.

UZ Gibt es denn bei euch die Verbindungen zwischen den Technikfreaks und den Leuten, die dieses neue Medium politisch nutzen wollen?

Uwe Liehr: Wir haben jetzt eigentlich eine große Chance. Beide sind daran interessiert diese Technik zu bekommen. Die Computerfreaks vielleicht nur, um damit zu spielen. Uns geht es darum, etwas für unser Land zu tun. Das heißt konkret: Arbeit für den Umweltschutz. Wir brauchen beide die gleiche Technik, das gleiche Know-how. Da liegt eine Zusammenarbeit nahe Wir haben Unterstützungsangebote von bundesdeutschen Umweltverbänden. Eine Möglichkeit wäre, dass die in der Bundesrepublik gebrauchte Technik billig aufkaufen oder als Spende sammeln und sie uns zur Verfügung stellen. Wir haben in unseren Reihen auch Computerfachleute, die werden allerdings nicht reichen. Da brauchen wir dann die Computerclubs, die helfen.

UZ Wie soll das technisch funktionieren?

Uwe Liehr: Vermutlich wird ein Datennetz über Telefon und Modem wegen der schlechten Leitungsqualität und der wenigen Telefonanschlüsse nicht funktionieren. Dann müssen wir das halt über Funk versuchen.

UZ Wer ist die "Grüne Liga"?

Uwe Liehr: Die "Grüne Liga" ist ein parteiunabhängiges Bündnis. Wir wollen vor allem die jetzt offen zugänglichen Umweltdaten allen Interessierten zur Verfügung stellen. Dazu haben wir auch einen Antrag beim "Runden Tisch" gestellt, wenn es jetzt offizielle Umweltgespräche zwischen dem Westberliner Senat 'und staatlichen Stellen bei uns gibt, wollen wir dabei sein.

UZ Wie sieht die Zusammenarbeit mit anderen politischen Gruppen in der DDR in dieser Frage aus?

Uwe Liehr: Die meisten werden sich damit noch gar nicht so intensiv beschäftigt haben. Die kämpfen jetzt erst mal darum, Büros zu kriegen und Telefone. An moderne Computertechnik denken da viele noch gar nicht. Wir als grüne Bewegung haben da vielleicht eine Vorreiterrolle.

UZ Wie sieht das rechtlich aus?

Uwe Liehr: Die Gesetzgebung zu den modernen Medien, zum Post und Fernmeldewesen, wird im Prinzip jetzt geboren. Heute ist in der DDR ein Vakuum da, kann man vorpreschen. Die Grenzen soweit wie möglich hinausschieben, ein Feld abstecken. Selbst wenn wir heute technisch vielleicht erst Ansätze verwirklichen können, kann das gesetzlich festgeschrieben werden. Jetzt ist ist alles erlaubt was nicht verboten ist. Früher war das genau umgekehrt. Verboten ist so gut wie gar nichts mehr. Nur man muss es jetzt mit sehr viel Phantasie ausfüllen.

UZ Was hältst Du von den Planungen bundesdeutscher Unternehmen zum Ausbau der Telekommunikations-Infrastruktur in der DDR? ISDN oder Mobilfunknetz?

Uwe Liehr: Am Horizont zeichnen sich da schon ganz schwach einige Gefahren ab. Wir versuchen jetzt, die Gesellschaft so offen wir möglich zu machen. Wir wollen die "gläserne Gesellschaft" und an alle Informationen rankommen. Die Privatsphäre muss natürlich geschützt werden, aber sonst darf nichts mehr geheim bleiben. Es muss eine gesellschaftliche Kontrolle geben. Von daher ist die Bundesrepublik, und auch die Datennetze und Datenbanken hier, kein Vorbild für uns. Wir wollen dabei auch mit Wissenschaftlern zusammenarbeiten, die die ganzen Jahre den Mund halten mussten und uns jetzt ihr Wissen zu Verfügung stellen. Da rollt im Moment eine Informationswelle auf uns zu, die wir gar nicht mehr verarbeiten können. Zum Beispiel haben wir jetzt rausgekriegt, dass die Wassergutachten von der Giftmülldeponie Schöneiche gefälscht wurden. Das wird heute zugegeben, und die Beteiligten würden uns jetzt auch die echten Daten liefern. Nur die müssen bearbeitet werden.

UZ Wie kann eine Unterstützung für Euch jetzt praktisch laufen?

Uwe Liehr: Wir brauchen alles Mögliche an Technik. Computer - auch wenn es ausgemusterte C 64 sind -, Drucker, Zubehör, Akustikkoppler, Modems, CB-Funkgeräte. In Berlin kann man die Sachen direkt beim Computerclub im "Haus der jungen Talente" in der Klosterstraße vorbeibringen oder bei der "Grünen Liga".

Das Interview führte Wolfgang Müller

unsere zeit, Fr. 05.01.1990

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