Lichtenstein war ein Lichtblick

Kulturhausleiter und Gewerkschafter berieten über die Frage: Was wird aus den gewerkschaftlichen Kulturhäusern?

Wer nicht kam, das war der Kulturminister. Zur Entschuldigung ein dringendes Telegramm aus Berlin: Die Sitzung des Ministerrates hat mehr Zeit in Anspruch genommen ... Das hätte man sich ausrechnen können.

Beim Eintreffen der Nachricht feilten die Teilnehmer des Forums bereits an einem Forderungskatalog für den außerordentlichen FDGB-Kongress. Kernfrage: Was wird aus den gewerkschaftlichen Kulturhäusern? Um sich darüber zu verständigen, waren Kulturhausleiter und Gewerkschaftsfunktionäre aus vielen Teilen der Republik dem Ruf besorgter Amtskollegen des Bezirkes Karl-Marx-Stadt am 9. Januar in der "Tribüne" gefolgt. Schon wenige Tage darauf diskutierten sie in Lichtenstein, um sich gemeinsam ihren Platz zu suchen.

In der DDR gibt es mehr als 380 gewerkschaftliche Kulturhäuser. Sie haben Jährlich über 23 Millionen Besucher. Zur Zeit stehen viele dieser Häuser am Scheideweg. Nicht wenige Betriebsdirektoren verstehen sie als finanziellen Ballast, wollen sie lieber heute als morgen abstoßen. Die Werktätigen aber wollen und können nicht mehr auf die Möglichkeiten der künstlerischen Ausbildung, der Freizeitgestaltung, Klubarbeit verzichten.

Die Regierung und Zentralvorstände der Industriegewerkschaften und Gewerkschaften haben sich bisher gar nicht oder nur ungenügend dazu geäußert.

Derweil macht jeder Kulturhausleiter seine ganz speziellen Erfahrungen. Mancher steckt in einer Zwickmühle. Klaus-Dieter A(...) aus Halle sprach für zwanzig Kollegen, als er vorschlug, den Punkt Kulturhaus ordentlich in den Betriebskollektivvertrag einzubeziehen: "Die Zeiten sind vorbei, zu beweisen, dass die Gewerkschaft die beste Kulturarbeit macht. Sie sollte von beiden Seiten, Betrieb und Gewerkschaft, getragen werden."

Christel Sch(...) vorn FDGB-Bezirksvorstand Erfurt sieht die Gefahr der Unterordnung der Kulturhäuser unter die staatliche Leitung und drängt auf Gesetzlichkeiten und ihre Kontrolle. Sie dankt unter anderem an einen Schutzverband für Volkskunstkollektive.

Meist gestellte Forderungen sind ein eindeutiges Unterstellungsverhätnis, ein klarer Standpunkt des FDGB. Viel Übereinstimmung gab es mit dem Entwurf des Aktionsprogrammes der Teilnehmer des 1. Bernauer-Basistreffens.

Des Forum machte keinen Bogen um knallharte materielle Fragen. Soll beispielsweise das Kulturhaus der Glasarbeiter in Weißwasser, das in den Zwanzigern mit Arbeitergroschen erbaut wurde, in einer einzigen Dienstberatung des Kombinatsdirektors zunichte gemacht werden? Eine üble Situation.

Übriges stand das Kulturhaus "7. Oktober" Lichtenstein an diesem Tag nicht von ungefähr für dieses Thema offen. Auch der Direktor des Trägerbetriebes Feinstrumpfwerke Oberlungwitz erschien und bekannte sich zu diesem Haus. "Wir verwalten mit dem Kulturhaus 6,5 Millionen Mark Grundfonds", so Dietmar V(...). "Es wäre eine Schande wenn es nicht bleibt, was es ist - ein Ort zum Wohlfühlen und Kraftschöpfen."

Eigene Wege sind schwer zu beschreiten, sagte eingangs Karl-Heins V(...), Chef des Hauses. Das Forum gab ihm recht. Lichtenstein aber war ein Lichtblick.

Christiane Pönisch

Tribüne, Mo. 22.01.1990

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