Chemiearbeitergewerkschaften auf Weg in die gewerkschaftliche Einheit

Mitglieder in Ost und West gleichwertig

Aus dem IG-Konzept: Ab Herbst neue Tarifrunde Berechenbarer Partner sein / Links und Rechts ohne Chance

DDR-Einzelgewerkschaften klagen über Mitgliederschund. — Die IG Chemie, Glas und Keramik aber hat seit November kaum Mitglieder verloren. Nach wie vor zählt sie eine gute halbe Million. Sie hat Ansehen, denn sie hat etwas erreicht. Das sind für mehr alt 400 000 Mitglieder Tarifabschlüsse: Erhöhung der Löhne und Gehälter um 35 Prozent.

Bei Kurzarbeit zahlen die Unternehmer Zuschüsse, so dass bis zu 90 Prozent des Nettoverdienstes erreicht werden. Umschulungen wurden vereinbart. Über den Weg in die gewerkschaftliche Einheit sprachen wir mit Hartmut Löschner, IG-Vorsitzender.

• Zusammenwachsen oder zusammenraufen - was ist es mehr?

Uns trat seit November des vergangenen Jahres klar, dass die Entwicklung zur deutschen Einheit führt. Ausgehend von der Erkenntnis, dass die Durchsetzung der Interessen der Arbeitnehmer nur durch eine starke und geschlossene Industriegewerkschaft gesichert werden kann, haben wir uns dafür entschieden, die Chemiearbeitergewerkschaften in Ost und West zusammenzuschließen.

Wir sehen keinen Sinn darin, dass zwei Gewerkschaften in einer Branche miteinander konkurrieren, sich also mit sich selbst beschäftigen. Das kann nur dazu fuhren, dass Arbeitnehmerinteressen auf der Strecke bleiben. Über diese Linie besteht seit Dezember '89 Übereinstimmung. Demzufolge haben beide Chemiegewerkschaften seither alle zentralen Punkte, die Arbeitnehmerinteressen berühren, gemeinsam in die Hand genommen. Wir wollen schon jetzt nicht zulassen, dass es zwei Sorten Mitglieder gibt. Alle sollen gleich behandelt werden. Also machen wir alles parallel, mit gleichen Positionen gegenüber beiden deutschen Regierungen.

• Und, wie sind die?

Wir sehen keine Notwendigkeit für die Aktion der blauen Briefe, die wir jetzt in der DDR erleben. Es ist eine große Fehlleistung von Unternehmensleitungen, Treuhand und Regierung, die sich da vollzieht. Es gibt genug Arbeit für jeden. Das in Gang zu setzen ist nicht nur eine Frage der Finanzen sondern auch der Konzeption. Denken wir nur an die Infrastruktur und den Dienstleistungsbereich. Dass dafür noch immer keine Umschulungsprogramme lauten, ist ein schwerwiegendes Versäumnis der Regierung. Den Arbeitnehmern wird dadurch die Chance einer beruflichen Perspektive vorenthalten. Der wirtschaftliche Aufschwung wird gefährdet.

Wir verwahren uns auch dagegen, dass ehemals "sozialistische Direktoren" sich wie Frühkapitalisten gebärden und mit den Beschäftigten umgehen, als seien sie Freiwild. Damit das nicht so weitergeht, werden wir die Bundesregierung nicht aus der Verantwortung entlassen.

• Eure Forderungen an die Regierung?

Eigentumsverhältnisse klären - Da hat sich schon etwas getan.

Kreditschulden der Unternehmen streichen. Dafür können die Betriebe nichts, und schon gar nicht die Arbeitnehmer, die dadurch ihre Arbeitsplätze verlieren.

Sanierung der Umweltaltlasten durch flankierende Maßnahmen des Staates unterstützen. Man kann nicht verlangen, dass Investoren für Ökologische Sünden der Vergangenheit aufkommen.

• Hat die DDR-Chemieindustrie überhaupt Überlebenschancen?

Sie sind nicht schlechter als in anderen Bereichen. Es gibt Unternehmen, für die schon jetzt klar ist, wie es weitergeht. In Buna fand kürzlich die 1. Sitzung des Aufsichtsrates statt. Wir sind dort mit zwei Plätzen vertreten. Es wurde eine brauchbare Konzeption vorgelegt. Das Unternehmen wird nicht sterben. - Der Protest beider deutscher Chemiegewerkschaften hat auch mitbewirkt, dass bei Entscheidungen der Treuhand der Erhalt der Arbeitsplätze Vorrang hat gegenüber der Lukrativität von Verkaufsangeboten.

• Hoffnung für die Betriebe heißt Hoffnung für die Menschen. Wie könnte es weitergehen mit den Tarifen?

Dafür haben wir einen exakten Fahrplan. Erster Schritt waren die Tarifgespräche. Da ging es darum, wenigstens die Realeinkommen einigermaßen zu sichern.

Im Oktober beginnen wir die Tarifrunde für 1991. Dabei geht es uns darum, die Tarifstruktur der BRD-Chemie zu übernehmen. Das ist eine gerechte Regelung, sie hebt die Unterschiede im Einkommen zwischen Arbeitern und Angestellten auf. Es wird einen einheitlichen Entgeltkatalog für alle geben. Doch das kann nicht heißen, dass wir gleichzeitig die Gehaltssätze der BRD einführen. Das wird nicht gehen. Hier gibt es eine Schrittfolge, gemessen an der Produktivität. Eines aber können wir sagen: Es wird uns nicht passieren, dass uns die Produktivität wegläuft und die Löhne hinterherhinken.

• Zusammenwachsen - wie spielt sich das ab?

Ich denke, wir haben einen vernünftigen Weg eingeschlagen, einen Weg, der uns bis zum Schluss unsere Eigenständigkeit lässt. Wir handeln bis zum Sommer nächsten Jahres (30. 6.) als eigenständige Organisation. Es gibt keine Eingriffe in unsere Souveränität. Auch gibt es in allen Fragen, die es gemeinsam zu beraten gilt, eine Parität. Die ganze Breite der Organisation vom Betrieb bis zum Hauptvorstand redet und entscheidet mit. Das war bisher ein sehr erfolgreiches Konzept, und so wird es bleiben.

• Du nanntest das in Bonn nur denn außerordentlichen Chemie Kongress einen schmerzhaften Prozess . . .

Hier ging es mir weniger um die Mitglieder als um die Funktionäre. Wenn über Jahrzehnte, wie das bei uns üblich war, in einer Gewerkschaft Parteipolitik gemacht wird statt Interessenvertretung, dann sind damit Denk- und Handlungsgewohnheiten verbunden. Wenn sie plötzlich verschwinden, neue Inhalte das Arbeitsfeld bestimmen, ist das eine große Umstellung und für manchen gar nicht mehr begreifbar.

• Die IG Chemie der BRD hat ein festes politisches Handlungskonzept. Fällt es schwer, sich da einzupassen?

Ich denke, dass jede Gewerkschaft ein Profil haben muss, ein inhaltliches und damit im Selbstverständnis, welchen Werten man sich verpflichtet fühlt. Wenn eine Organisation etwas bewegen will, geht das nur, wenn eine einheitliche Linie da ist. Eine in sich zerstrittene Organisation ist nicht handlungsfähig.

• Der Bonner Kongress hat ausdrücklich in einem Initiativantrag Kommunisten, Linke von der Mitarbeit in gewerkschaftlichen Leitungen ausgeschlossen. Trägst du diese Position mit?

Dieser Antrag beschäftigte sich ja nur mit einem Ausschnitt der Auffassung der IG Chemie, bezogen auf die Problematik PDS und die politischen Aktivitäten, die hier künftig zu erwarten sind. Gleichermaßen betrifft das, und auch das wurde in Bonn gesagt, das rechte Spektrum. Nach unserem Selbstverständnis muss eine Gewerkschaft erst einmal offen sein für alle und in ihrem politischen Profil eine Linie fahren, die auch für alle tragbar ist. Ich möchte zum Beispiel bei uns keinen Bezirksleiter oder Verwaltungsgeschäftsstellenleiter, der Nazi ist.

• Und aus der PDS?

Politische Außenpositionen können nicht den Kurs dieser Gewerkschaft bestimmen. Es soll ein berechenbarer, klarer Kurs sein. Das ist für meine Begriffe hier ein solider sozialdemokratischer Kurs, den man durchaus mittragen kann. Unsere Mitglieder sagen: Kommunistisch gelenkte Gewerkschaften haften wir 40 Jahre. Was es gebracht hat, wissen wir. Nun möchten wir es eigentlich anders haben.

• Wie verhält sich die IG Chemie der BRD zu den Funktionären aus dem Osten?

Das ist meiner Ansicht nach ein Bestandteil eines vernünftigen Konzepts, dass wir ein gleichberechtigtes Verhältnis zueinander auf allen Ebenen haben und nicht einer dem anderen diktiert, was er zu tun und zu lassen hat. So gibt es auch ein ganz normales Verhältnis zu den Dingen, wie sie nun einmal waren, und keine Gesinnungsschnüffelei und Hexenjagd. Entscheidend ist, wer bereit ist, einen neuen Weg zu gehen und sich dafür mit ganzer Kraft einzubringen, und ob er von den Mitgliedern akzeptiert wird.

• Wir wollen keine Radaugewerkschaft sein, hast du in Bonn gesagt, ist das eine Ergebenheitserklärung an den BRD Hauptvorstand?

Wir haben es nicht nötig, Ergebenheitserklärungen abzugeben. Das würde alles auf den Kopf stellen. Es geht uns dabei um das eigene Selbstverständnis, um die ersten Erfahrungen. Es ist wichtig für das Ansehen einer Gewerkschaft, dass sie sich in jeder Situation bewusst ist über die Wahl der Mittel. Sonst kommt man schnell in den Ruf, kein solider Partner zu sein, und wird nicht ernst genommen.

Marktwirtschaft hat zwei Elemente, Kapital und Arbeit. Beide müssen ihren Spielraum haben. Demzufolge muss es möglich sein, mit Arbeitgebern sachbetont umzugehen und gemeinsam einen Kurs zu steuern, der Arbeitnehmerinteressen sichert.

Die Tarifverhandlungen waren in dieser Hinsicht ein Schlüsselerlebnis, was Sozialpartnerschaft zustande bringen kann. Wir haben, ohne dass dafür ein Mensch auf die Straße gehen musste, keineswegs schlechtere Ergebnisse erreicht als die IG Metall.

Das heißt aber nicht, dass wir Sozialpartnerschaft so verstehen, dass wir uns damit die Hände binden. In der Kautschukindustrie hatten die Arbeitgeber nicht begriffen, wie man miteinander umgeht, und erst sehr spät eingelenkt. Dort hatte es durchaus zum Streik kommen können. Sozialpartnerschaft schließt Konsequenz nicht aus. Aber wir glauben, dass man erst einmal einen gemeinsamen Weg suchen muss.

• Was bringt ihr in die Partnerschaft mit der IG Chemie der BRD ein?

Wir bringen erst einmal eine intakte Organisation ein, in der Kolleginnen tätig sind mit Wissen und Erfahrung, aber auch mit Herz und Gefühl für die Sache. Beide Vorstände sind sich einig, dass es Unfug ist, eine handlungsfähige Organisation zu zerstören und dann mühsam wieder aufzubauen. Das ist für die Mitglieder und die Interessenvertretung gleichermaßen schädlich. Wir wollen keinen Millimeter unseres Terrains verlieren. Dafür brauchen wir eine funktionierende Organisation und keinen Trümmerhaufen.

• Es werden also alle hauptamtlichen Funktionäre übernommen?

Ja, alle. Wir sind davon ausgegangen, wer in der IG Chemie beschäftigt sein will, muss demokratisch gewählt sein, und er muss Wissen und Können besitzen, um seine Aufgabe zu meistern. Wer von den Mitgliedern akzeptiert wurde, der bleibt.

Ingrid Aulich

Hartmut Löschner
war viele Jahre BGL-Vorsitzender in, ehemaligen VEB Lacke und Farben. 1982 kam er in den Hauptvorstand der IG Chemie, Glas und Keramik. Seit Ende '89 ist er Vorsitzender.

Tribüne, Nr. 183, 21.09.1990

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