Einige Ausführungen befremden
Kollegen äußern sich zum Diskussionspapier der Gewerkschaftshochschule
Wir haben das Diskussionspapier der Gewerkschaftshochschule, veröffentlicht in der TRIBÜNE vom 1. November 1989, in unserer Gewerkschaftsgruppe diskutiert und möchten zu einigen Aspekten unsere Meinung äußern.
Uns befremden in erster Linie die Ausführungen, in denen zur Sicherung der Eigenständigkeit der Gewerkschaften im Konfliktfall die Arbeitsniederlegung als legitimes Mittel vorgeschlagen wird. Haben Professoren und Doktoren, die als Verfasser dieses Diskussionspapier unterzeichnet haben, dabei die Folgen, die eine Arbeitsniederlegung in unserer Volkswirtschaft nach sich sieben wurde, bedacht? Die Mitglieder unserer Gewerkschaftsgruppe lehnen Zustände, wie die in Polen für alle sichtbar sind und die zum überwiegenden Teil durch die stattgefundenen Arbeitsniederlegungen hervorgerufen wurden, in unserer DDR ab.
Die Teilnehmer des Dialogs am 29. 10. 1989 vor dem Roten Rathaus in Berlin haben, als sie den Streik als Mittel für die vorzunehmenden Veränderungen verneinten, weitsichtiger gedacht. Es darf nicht dazu kommen, dass infolge der Durchsetzung egoistischer Gruppeninteressen mittels Arbeitsniederlegung die soziale Sicherheit der gesamten Bevölkerung aufs Spiel gesetzt wird. Es Ist deshalb unserer Meinung nach richtiger, dem Sozialismus arteigene Methoden und Mittel zur Lösung von Arbeitskonflikten zu entwickeln.
Wir teilen auch nicht die im Abschnitt II, Unterabschnitt "Inhalte der Eigenständigkeit der Gewerkschaften" unter Punkt 2 enthaltene These vom "... bestimmenden Einfluss auf eine leistungsorientierte und leistungsgerechte Lohn- und Gehaltspolitik, auf Arbeitsnormung und Leistungsbewertung ..." Weiter unten ist gar von der Selbstgestaltung von Normung, Leistungsbewertung und materieller Anerkennung die Rede. Sollen die Arbeitskollektive ihre Norm selbst erarbeiten beziehungsweise ihre Leistungen selbst einschätzen? Wozu sind dann noch die Leiter erforderlich, die im Gegensatz zur Gewerkschaft die gesamte Verantwortung für die Erfüllung der Aufgaben tragen? Wir sollten uns in der heutigen Zeit keinen neuen Illusionen hingeben und bei allen Vorschlägen für notwendige Veränderungen von den augenblicklichen Realitäten ausgehen.
Im 1. Punkt der Grundsatzüberlegungen heißt es: "... humanistischen Werten christlicher Ethik und Moral ..." Hieraus leitet sich für uns die Frage ab: Einem Atheisten werden wohl diese Wertbegriffe abgesprochen? Ein ähnlicher Eindruck entsteht beim Lesen des Satzes: "Eine demokratisch-erneuerte Gesellschaft braucht den engen Kontakt von Arbeit und Kunst, von Arbeitern und Künstlern." Soweit davon wahre Kunst betroffen ist, findet das unsere Zustimmung. Für die menschlichen Gruppierungen, die sich in der gegenwärtigen Zeit unter dem Deckmantel der Kunst über den normalen Durchschnittsbürger erheben und diesem noch vorschreiben möchten, was er als Kunst zu verstehen und zu deuten hat, darf das doch wohl nicht gelten. So wie sie nicht bevormundet werden möchten, lehnen wir es umgekehrt auch ab.
Wir treten dafür ein, dass in unserer Gesellschaft jeder Mensch den Stellenwert einnimmt, der ihm entsprechend seiner Leistung für die Gesellschaft zukommt. Das gilt auch insbesondere für die Künstler. Das ist unserer Meinung nach Bestandteil des Leistungsprinzips. Weshalb liegt das Einkommen eines Künstlern weit über dem eines anderen Angehörigen der Intelligenz?
Ansonsten wird von den Mitgliedern unserer Gewerkschaftsgruppe die Hoffnung ausgesprochen, dass sich der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund den herangereiften Problemen stellt und an der Lösung tatkräftig mitarbeitet, und das mit Mitteln und Methoden, die den Idealen des wissenschaftlichen Sozialismus entsprechen.
i. A. Ernst, Vertrauensfrau
Brigade "Juri Gagarin",
Chemiewerk Kapen
Tribüne, Do. 09.11.1989
