Hermann Lutz, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, beim 1. Ordentlichen Gewerkschaftskongress der Gewerkschaft der Volkspolizei (GdVP) am 31. März/1. April 1990 in Aschersleben

Die Einheitsgewerkschaft bedeutete die Überwindung politischer oder religiöser Richtungsgewerkschaften und eine Bündelung der Macht der Arbeitnehmer. Eine derartige Bündelung kann und darf unserer Auffassung nach nur soweit reichen, wie sich die Beteiligten auf einem demokratischen Grundkonsens zusammenfinden. Wieweit Ihr bei der Organisierung von Mitgliedern diesen Grundkonsens als gegeben erachtet, ist allein Eure Sache. Ihr solltet dabei aber die demokratische und humane Ausrichtung der Gewerkschaftsbewegung nicht aus dem Auge verlieren. Polizeiliche genauso wie gewerkschaftliche Arbeit kann nur dann Erfolg bringen, wenn die Handelnden von den Bürgerinnen und Bürgern akzeptiert und unterstützt werden. Ich glaube, wir waren in der Bundesrepublik gut beraten, dass wir unser Ansehen in der Bevölkerung nicht um höherer Mitgliederzahlen willen aufs Spiel setzten. Uns sind in den vergangenen 40 Jahren viele schwierige persönliche Entscheidungen erspart geblieben, wie sie Euch beispielsweise von der SED oder der Staatssicherheit abverlangt worden sind. Ich will nicht richten. Wer wie tief in den Fängen der Staatssicherheit verstrickt war, kann jeder nur für sich selbst in vollem Umfang ermessen. Ich appelliere an eine solche Selbstprüfung, die auch zum Ergebnis haben kann, dass manch einer im Interesse des Neubeginns und der gemeinsamen Sache sich für exponierte Funktionen nicht zur Verfügung stellt. Eine solche persönliche Gewissensentscheidung wäre einer der größten Dienste an einer neuen und demokratischen Arbeitnehmerbewegung. Ihr selbst wisst am besten zu beurteilen, wer geeignet ist, diesen demokratischen Weg mitzugehen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich habe mit vielen unserer Polizeibeschäftigten in der Bundesrepublik gesprochen, die bereits in engen Kontakten mit Euch stehen. Ich darf Euch unserer Hochachtung über Euer Engagement und Euren festen Willen für einen gewerkschaftlichen und polizeilichen Neubeginn versichern. Es ist beileibe nicht so, und dies ist nicht nur mein Eindruck, als ob Herablassung das Verhältnis der Menschen der Bundesrepublik gegenüber den Menschen der DDR bestimmen würde. Alle in unserem Land haben den Mut zur Freiheit bewundert, die die Triebfeder des Aufbruchs war. Ich verhehle auch nicht unsere tiefe Sympathie gegenüber den oppositionellen Persönlichkeiten und Gruppen in der DDR, die über all die Jahre vorher durch ihre Unbeugsamkeit und ihren festen Glauben an Veränderung diese Veränderung letztlich bewirkt haben. Wenn sie auch heute nicht zu den parteipolitischen Mehrheiten Eures Landes zählen, so sollten wir alle ihnen für das Geleistete ein Andenken bewahren und alles ermöglichen, dass sie auch in Zukunft ihre kritischen Stimmen erheben können.

Gewerkschaftliche Monatshefte 1990-12

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