Entscheidung fiel in einem Kopf-an-Kopf-Rennen
Fragen an HARTWIG BUGIEL, Vorsitzender des Zentralvorstandes der IG Metall
• Du kommst aus Jena, wo wohnst du in Berlin?
Das weiß ich noch nicht, wahrscheinlich zuerst möbliert. Es wird sich erst nach der zentralen Delegiertenkonferenz entscheiden. In Jena habe ich eire Drei-Raum-Wohnung mit meiner Frau und drei erwachsenen Töchtern. Ich habe keine Datsche und fahre einen 15 Jahre alten Wartburg.
• Zwei Kandidaten standen für die Funktion zur Wahl. Warum hast du das Rennen gemacht?
Weil ich eine Konzeption vorlegen konnte, ich hatte zehn Minuten Zeit, sie vorzutragen. In wesentlichen Punkten entsprach sie dem Programm, das der Zentralvorstand in seinen Arbeitsgruppen erarbeitet hatte, das ich aber bis zur Wahl nicht kannte.
• Welche Punkte waren das?
Vor allem Vorstellungen zur innergewerkschaftlichen Demokratie. Die Wahl war ein Beispiel dafür. Beide Kandidaten hatten Chancengleichheit. Während der Rede des einen musste der andere den Saal verlassen. Danach stand ich im Kreuzverhör der Fragen. Nichts wurde ausgespart. Leistungsprinzip, Verhältnis zur Sowjetunion, zur BRD, zu Privilegien, zum Programm. Die geheime Wahl ergab 63 zu 17 Stimmen für mich.
• Eine gute Basis für die Arbeit im Zentralvorstand. Was willst du verändern?
Der Zentralvorstand Ist arbeitsfähig, das haben mir auch die Beratungen mit den Vorsitzenden der Bezirksvorstände gezeigt. Sie sehen, wie ich, den Ernst der Lage. Wir wollen, dass die IG Metall eine größere Rolle spielt, fordern volle Tarifautonomie und ein eigenes Statut, wollen keine Unterordnung unserer Leitungen unter die Bezirks- und Kreisvorstände des FDGB.
• Es wird weitreichende Wirtschaftsreformen geben. Wo sieht die Gewerkschaft da ihre Verantwortung?
Wir wollen die Interessen der Arbeiter bei der Tarifpolitik, Arbeitszeitregelungen, Arbeits- und Lebensbedingungen mit dem Schwerpunkt des Arbeitsschutzes, in Urlaubsfragen durchsetzen. Die Tarifpolitik war bisher unser schwächster Punkt.
• Wie wollt ihr jetzt Tarifpolitik machen?
Wir brauchen eigene Fachleute, die ökonomische Prozesse analysieren: die Gewinne der Betriebe, die Inflationsrate, die Realeinkommen, die Preispolitik. Auf dieser Grundlage können wir unsere Schutzfunktion und Interessenvertretung realistisch wahrnehmen. Wir brauchen auch eine rechtliche Grundlage, um an die entsprechenden Unterlagen heranzukommen.
• Da sind wir beim Gewerkschaftsgesetz?
Ja, das muss schnell her, die Rechte der Gewerkschaftsfunktionäre in den Betrieben müssen sehr genau bestimmt werden. Die Leiter werden mehr Entscheidungsfreiheit bekommen. Sie werden das Leistungsprinzip energisch durchsetzen, damit wird Gewerkschaftsarbeit wichtiger und interessant für die Kollegen. Wir werden auch vor der Frage stehen, sind wir Interessenvertreter für alle Werktätigen oder nur für uns Mitglieder.
• Wie stellst du dir Unterstützung für ehrenamtliche Gewerkschaftsfunktionäre vor?
Sie dürfen vor allem keine Nachteile dadurch haben, dass sie sich für Interessen der Kollegen einsetzen. Durchschnittslohn für diese Zeit reicht nicht. BGL- und AGL-Versammlungen und Anfragen an den Vertrauensmann müssen innerhalb der Arbeitszeit möglich sein. Gewerkschaftsmitgliederversammlungen nicht.
• Wie stehst du zur Subventionspolitik?
Veränderungen sind nötig. Viele fordern das auch, aber es darf keine Entscheidungen ohne die Gewerkschaft geben. Ich habe in Polen beobachtet, dass in einigen sozialen Schichten bittere Armut entstand.
• Was hältst du von Betrieben mit kapitalistischer Beteiligung?
Es wird sie sicher auch bei uns geben. Und es wird eine schwierige Aufgabe werden, unter diesen Bedingungen soziale Sicherheit zu garantieren. Aber wir stellen uns dem. Darum noch einmal, das Gewerkschaftsgesetz ist notwendig.
Uta Alexander
Tribüne, Di. 28.11.1989
