"Man muss deutlich die Grenzen zeigen"

Nachtrag zu einer nicht gehaltenen Rede / Interview mit dem Mitbegründer von Demokratie Jetzt, Konrad Weiß, zum ersten Gesamtberliner Ostermarsch

I N T E R V I E W

taz: Haben Sie Sonntag am Ostermarsch mitdemonstriert?

Weiß: Nein, ich war nicht dabei.

Wann haben Sie sich entschlossen, Ihren Redebeitrag zurückzuziehen?

In dem Augenblick, als ich gemerkt habe, dass die Veranstalter ihre ursprüngliche Zusage, keine der belasteten Vereinigungen und Parteien der DDR als Mitaufrufende zuzulassen, nicht einhalten. Als dann auf der Veranstalterliste die PDS und der Friedensrat der DDR, die FDJ, die Bauernpartei und der Demokratische Frauenverband auftauchten, widersprach das den Zusagen, die Demokratie Jetzt gemacht worden sind. Ich persönlich habe dann auch keine Möglichkeit für mich gesehen, daran teilzunehmen.

Angenommen, Sie wären doch vor das Mikro getreten, was hätten Sie den Leuten gesagt?

Ich hätte eine ganze Menge zu sagen gehabt - vor allem darüber, dass es in der Vergangenheit nicht möglich gewesen ist, in der DDR den Ostermarsch durchzuführen. Und zwar aufgrund der Politik der SED. Auf jeden Fall hätte ich Litauen angesprochen. Was Gorbatschow da im Augenblick macht, widerspricht seiner eigenen Politik und seiner eigenen politischen Doktrin, wie er sie zu Beginn der Perestroika aufgestellt hat. Selbstverständlich hat das litauische Volk ein Recht auf Selbstbestimmung, wie auch alle anderen Völker in der Sowjetunion. Das Thema Litauen hat mir auch in dem Aufruf gefehlt. Ansonsten hätte ich auch gesagt, dass viele der von den Veranstaltern formulierten Ziele auch meine Ziele sind.

Aber solche Bündnisse, wie sie zu dieser Demonstration geschlossen worden sind, bleiben für Sie trotzdem inakzeptabel . . .

Zunächst einmal ja. Man muss wirklich ein bisschen Geschichtsbewusstsein haben. Es geht nicht darum, dass die genannten Vereinigungen und Parteien für alle Zeiten in Sack und Asche herumlaufen sollen. Aber zur Aufarbeitung der Geschichte der DDR gehört es nun mal, dass man sich damit auseinandersetzt, was man selbst angerichtet hat. Es gibt sicher viele in der PDS, die ehrlich gewillt sind, etwas Neues zu beginnen. Ich hätte keinerlei Probleme gehabt, wenn die PDS dort nur mit teilgenommen hätte. Aber man muss auch deutlich die Grenzen zeigen. 1985 wurde mein Film über Carl von Ossietzky verboten, weil darin das Wort "Pazifist" vorkam. Wenn die gleichen Leute nun zum Ostermarsch mit aufrufen, dann kann ich das nicht mit denen zusammen machen - über diesen Schatten kann ich nicht springen.

In der AL können sich manche die PDS als möglichen Bündnispartner nicht nur für Ostermärsche vorstellen . . .

Ehrlich gesagt, habe ich meine Rede auch deshalb zurückgezogen, um den Linken in der AL etwas deutlich zu machen. Es geht nicht an, nun mit diesen aus der Vergangenheit belasteten Kräften in der DDR zu koalieren. Man sollte schon mal nachfragen: Was sind das für Leute, wo kommen die her? Ich will die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in der DDR fördern - und ich will, dass man es sich nicht so einfach macht. Zum Versöhnen und zum Verzeihen gehört auch die Erinnerung. Und die Erinnerung ist im Augenblick in Gefahr, verloren zu gehen.

Gespräch: Andrea Böhm

die tageszeitung, Di. 17.04.1990

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