ÖTV-Ziel: Schnelle Einheit
Auf Fragen dazu antwortet WERNER RUHNKE, Leiter des Berliner ÖTV-Beratungsbüro
• Seit zehn Wochen ist die Kleine Auguststraße in Berlin-Mitte Top-Adresse für Gewerkschafter. Weshalb?
Weil wir im ÖTV-Beratungsbüro bieten, was sie suchen: Informationen und Hilfe bei tarifrechtlichen und sozialpolitischen Fragen. Wie läuft Gewerkschaftsarbeit in der Bundesrepublik? Die Vereinigung Deutschlands erreicht ein schnelleres Tempo als wir uns je gedacht haben und verunsichert den einen, motiviert den anderen.
• Im ÖTV-Büro wird nicht nur beraten. Hier laufen auch die Fäden für den Aufbau einer einheitlichen Gewerkschaft ÖTV in einem vereinigten Deutschland zusammen . . .
Das stimmt. Ich bin sozusagen der Koordinator. Ziel ist, möglichst schnell die einheitliche starke ÖTV im vereinten Deutschland zu erreichen.
• Das ist bei den bestehenden Strukturen keine einfache Sache. Wo liegen die Schwerpunkte der Arbeit?
Die ÖTV hat zur Zeit zehn vergleichbare Partnergewerkschaften in der DDR. Neben der erwähnten Gewerkschaft Öffentliche Dienste sind das unter anderem die IG Transport und die Gewerkschaften Gesundheitswesen sowie Wissenschaft. Mit der IG Transport gibt es seit den 10. Mai eine Vereinbarung zur Zusammenarbeit mit dem Ziel, den Erneuerungsprozess zu unterstützen und zu passfähigen Strukturen zu kommen. Die zweite Variante besteht für uns darin solche neu begründeten ÖTV-Abteilungen wie die der Feuerwehr in der DDR zu sammeln, um eins Zersplitterung vorzubeugen.
• Wäre es da nicht das Leichteste gewesen, einfach die Satzung der ÖTV zu ändern und die entsprechenden Gewerkschaften der DDR kurzerhand anzugliedern?
Gerade dieses Überstülpen wollen wir vermeiden. Wichtig ist, dass wir in unserer gesamten Gewerkschaftsarbeit die spezifischen Probleme der DDR-Gewerkschaften beachten.
• Da wäre sicher als erste der enorme Informationsbedarf zu nennen. Wie hilft da das Büro?
Wir bieten den hiesigen Betrieben und Gewerkschaftsorganisationen ein umfangreiches Bildungskonzept an. Besonders gefragt sind Kurve zur Arbeit von Betriebs- und Personalräten, aber auch zum Aufbau einer ordentlichen Tarifpolitik und zum Rechtsschutz. Das alles ist auch bitter notwendig, wenn man das Verhalten vieler Arbeitgeber hier sieht. Ehemalige Betriebsdirektoren gebärden sich wie "Westentaschenkapitalisten".
Ch. Fischer
Tribüne, Nr. 94, Do. 17.05.1990
