Lieber Herr Eppelmann!
Wir hatten Anfang Dezember ein interessantes Gespräch miteinander, im Ergebnis veröffentlichte die Junge Welt am 9. Dezember ein ganzseitiges Interview. Sie werden sich vermutlich nicht nur deshalb daran erinnern, weil wir eine der ersten DDR-Zeitungen waren, die Ihnen soviel Aufmerksamkeit schenkte, sondern wohl auch, weil andere Zeitungen und Agenturen Sie daraus zitierten. Zum Beispiel: Wir brauchen so schnell wie möglich eine große Koalition der innenpolitischen Vernunft und keine weitere kapitalistische Republik. Oder: "Es kann uns Linken nicht gleichgültig sein, was 70 Prozent der DDR-Bevölkerung bewegt. Sonst sorgen sich die anderen um sie." Nicht nur, weil Sie von "uns Linken" sprachen, waren mir Ihre Aussagen sehr sympathisch. Sie überzeugten mich auch durch die Logik und Seriosität Ihrer Argumente und durch Ihre moralische Integrität.
Zu jener Zeit war weder der Wahltag im März bekannt (Sie selbst nannten den 30. September 1990 als Vorschlag), noch die "Allianz für Deutschland" gegründet - jenes Bündnis an CDU, DSU und Demokratischem Aufbruch (DA); wir konnten uns also nicht über die Alibifunktion Ihrer Partei in dieser Allianz unterhalten. Bekanntlich ist der DA darin die einzige in der Verwendezeit entstandene Oppositionspartei. Damals hatten Sie zur CDU (Ost und West) eine andere Haltung als heute. Aber der Mensch kann sich ja ändern.
Zum Zeitpunkt unseres Gespräches war auch Ihr Parteivorsitzender Schnur noch kein Thema, er sorgte noch nicht für Schlagzeilen. Insofern überrascht es mich jetzt, in der WELT vom 9. März im Zusammenhang mit der jüngsten Anschuldigung gegenüber dem "künftigen Ministerpräsidenten" Schnur folgendes zu lesen: "Das FDJ-Blatt 'Junge Welt' (habe) schon im Dezember ´89 angekündigt, man habe 'einen dicken Fisch', der Mitte März aufgetischt werden solle. Eppelmann: 'Das es es, was uns zusätzlich misstrauisch macht.'"
Ich weiß nicht, lieber Herr Eppelmann worauf Sie dieses Misstrauen gründen. Im erwähnten Interview kam dieser "dicke Fisch" nicht vor, und solcherart Verlautbarungen standen nie in unserer Zeitung. Ich erlaube mir, daran zu erinnern, dass von Herrn Schnur im Dezember '89 in der JW nur noch zweimal, am 20. und am 23. Dezember, die Rede ging. Sie wissen schon: diese leidige Wohnungsgeschichte. Ihr Parteivorsitzender währte sich als Opfer einer üblen Verleumdungskampagne" und erstattete Anzeige gegen einen unserer Mitarbeiter. Hinterher war Herr Schnur ein wenig ruhiger in dieser Angelegenheit, denn auch das wissen Sie, es stand ja am 10. Februar in der Jungen Weit: die Anzeigenprüfung durch die Berliner Kriminalpolizei und die Generalstaatsanwaltschaft ergab, "dass sich der Verdacht einer Straftat nicht bestätigt hat", die von uns genannten Tatsachen entsprachen der Wahrheit. Also keine Verleumdung durch die JW.
Könnte es sein, dass Ihrer Partei dieser Fisch noch immer schwer im Magen liegt?
Ich werde mich jedenfalls freuen, wenn Sie nicht nur der WELT, sondern auch einmal der Jungen Welt Aufklärung zuteil werden ließen, was Sie von uns aufgetischt haben möchten. Man sollt, in solcher Angelegenheiten nicht über Dritte verkehren, bekanntlich verderben viele Köche den Brei. Lassen Sie uns also bitte wissen, ob die WELT Sie falsch wiedergab oder ob Sie Ihre eigene Erinnerung hinsichtlich der JW-Veröffentlichungen im Dezember trog. Wir sollten die Leser nicht im unklaren lassen.
Und was Herrn Schnur betrifft: Da werden wir alle am Montag klüger sein, wenn das Berliner Bürgerkomitee die Stasi-Akten lüftet. Nur Herr Schnur selbst könne, so ließen Sie am Freitag die Presse wissen, die politischen Konsequenzen ziehen. Warten wir es ab.
Mit freundlichen Grüßen
Frank Schumann
Junge Welt, Linke Sozialistische Jugendzeitung, Nr. 59 B, 44. Jahrgang, Sa./So. 10./11.03.1990
