DDR 1989/90Brandenburger Tor


So. 3. Dezember 1989


In der Berliner Volksbühne gründet sich der Unabhängige Frauenverband unter dem dem Motto: "Wer sich nicht wehrt, kommt an den Herd". Es wurde beschlossen eine politische Vereinigung zu bilden und das Grundsatzpapier "Manifest für eine autonome Frauenbewegung" wird vorgetragen.

Am Sonntag traten in Berlin das Zentralkomitee der SED und das Politbüro zurück. Zur weiteren Vorbereitung des außerordentlichen Parteitages formierte sich ein Arbeitsausschuss.
(Neues Deutschland, Mo. 04.12.1989)

Nach Abschluss der ersten Sitzung des Arbeitsausschusses zur Vorbereitung des Außerordentlichen Parteitages der SED informierte Vorsitzender Herbert Kroker am Sonntagabend Vertreter der DDR-Presse über die vorläufigen Ergebnisse. Über die Medien wende er sich an alle Mitglieder der SED und alle Bürger der DDR. "Die Situation in unserer Deutschen Demokratischen Republik verlangt entschlossenes Handeln. Sie ist entstanden durch das Versagen der Parteiführung, die von der Parteibasis zum Rücktritt gezwungen wurde, durch die Unfähigkeit der früheren Parteiführung, eine konstruktivere Politik zur Erneuerung des Sozialismus zu entwickeln und durch ihr Versagen bei der Aufklärung des Machtmissbrauchs früherer Politbüromitglieder und weiterer Funktionäre unserer Partei", sagte er. In Verantwortung für die Partei und für das Land, legitimiert durch die Sorge um die Zukunft des Sozialismus in der DDR nehme der Arbeitsausschuss, bestehend aus gewählten Delegierten zum Außerordentlichen Parteitag und weiteren Persönlichkeiten, mit sofortiger Wirkung die Aufgaben zur Vorbereitung dieses Parteitages wahr.
(Berliner Zeitung, Mo. 04.12.1989)

Zu einer Kundgebung vor dem ZK-Gebäude am Sonntagnachmittag hatte die SED-Kreisdelegiertenkonferenz der Akademie der Wissenschaften aufgerufen. Wie am Vorabend Genossen der Berliner Bezirksorganisation manifestierten Tausende Bürger ihren Willen nach völliger Erneuerung der Partei. Berliner Kunst- und Kulturschaffende verlasen einen zuvor im Friedrichstadtpalast angenommenen Forderungskatalog. Mehrmals wurden die Kundgebungsteilnehmer aber den Stand der Beratungen im Haus des ZK informiert. So überbrachte der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin, Heinz Albrecht (auf unserem Foto vorn in der Mitte), die Mitteilung, dass noch am Nachmittag ein Arbeitsausschuss zur Vorbereitung des außerordentlichen Parteitages, dem keine ehemaligen Politbüromitglieder angehören, gebildet werde. Dr. Gregor Gysi informierte am Abend die Demonstranten über die Zusammensetzung des Ausschusses, die mit großem Beifall aufgenommen wurde.
(Neues Deutschland, Mo. 04.12.1989)

In der "Wende" traten diese Gruppen [die Reformsozialisten in der SED] mit diversen Reformkonzepten auf, vor allem in der ersten Phase. Unter den Bedingungen einer aktiv werdenden Bürgerbewegung und einer gegen die SED demonstrierenden Bevölkerung waren sie innerhalb der SED die Kraft, die die Stabilisierung der Krenz-Führung nach dem Sturz von Honecker verhindert und den Rücktritt des gesamten Zentralkomitees erzwungen hat.
(Rainer Land: Reformbewegungen in der SED in den 80er Jahren, Seite 137, in Detlef Pollack, Dieter Rink (Hg.): Zwischen Verweigerung und Opposition, 1977)

Eine Generalamnestie, bessere Haftbedingungen, demokratisches Mitspracherecht und eine höhere Vergütung ihrer Arbeit forderten am Sonntag die Vertreter eines Sprecherrates der Strafgefangenen in der Berliner Vollzugsanstalt Rummelsburg.

Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, hatten die Inhaftierten am Sonnabend die Niederlegung der Arbeit verkündet.
(Berliner Zeitung, Mo. 04.12.1989)

Ihre Entschlossenheit zur demokratischen Erneuerung des Landes bekundeten am Sonntag unzählige Bürger der DDR mit einer Menschenkette durch die Republik. Einem Aufruf der. Aktion Sühnezeichen, des Neuen Forums und anderer Organisationen folgend, formierten sie sich von 12.00 Uhr und 12.15 Uhr entlang der F 96, der F 2 sowie der F 6, der F 173 und der F 7. Mit brennenden Kerzen sowie auf Transparenten und Plakaten bekräftigten sie ihre Sorge um die Zukunft des Landes; brachten ihre Forderung nach Erneuerung sowie nach Bestrafung all jener zum Ausdruck, die des Machtmissbrauchs und der Korruption schuldig sind. Teilnehmer verlangten mehr Demokratie und wesentlich besseren Schutz der Umwelt sowie einen aktiven Friedensbeitrag beider deutscher Staaten durch gute Nachbarschaft. Friedlich wie sie gekommen, gingen die Menschen nach Abschluss der Aktion wieder auseinander.
(Neues Deutschland, Mo. 04.12.1989)

Die republikweite Menschenkette wird an manchen Grenzübergangsstellen auf der bundesdeutschen Seite fortgesetzt. Als CDU-Mitglieder SED-Mitglieder in der Kette entdecken, kommt es zu einem Wortgefecht. CDU-Mitglieder, die jahrelang den Mund nicht aufgemacht haben, werfen SED-Mitgliedern vor, sie hätten nicht genug Scham und beschweren sich, dass die SED-Führung nicht schon früher festgenommen wurde.

Nach dem Ausschluss Erich Honeckers aus der SED fährt Egon Krenz zu Honecker, um im die Nachricht persönlich zu überbringen. Honecker soll den Beschluss nicht aus den Nachrichten erfahren, so Krenz später.

Am 18.10.1989, den Tag der Absetzung durch das ZK der SED, sagte Erich Honecker in seiner Erklärung: "Meiner Partei werde ich auch in Zukunft mit meinen Erfahrungen und mit meinem Rat zur Verfügung stehen."

Einblick in den Jagdsitz Erich Honeckers am Drewitzer See verschafften sich rund 500 Personen. Gegen Abend verließen sämtliche Personen das Gelände. Auch dem Jagdsitz von Willi Stoph, in der Nähe des Ortes Speck (Müritz), statteten Bürger einen Besuch ab. Ebenfalls besucht wird das Objekt "Glashütte" des Politbüro-Mitglieds Günther Kleiber im Kreis Waren.

Am Gründungsort des Neuen Forum in Grünheide bei Berlin versammelt sich eine erweiterte Initiativgruppe des Neuen Forum. Die Nachricht, Alexander Schalck-Golodkowski vermeidet es das Territorium der DDR zu betreten, erreichte die Versammelten. Es wird ein Aufruf verfasst, indem zur Bildung von Kontrollgruppen aufgerufen wird.

Der Bezirksverband Berlin des Demokratischen Aufbruch wird gebildet. Als Vorsitzender wird Andreas Apelt gewählt.

Auf der Vorstandssitzung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR wird die Wahl der Volkskammer am 06.05.1990 gefordert. Der Vorstand verabschiedet eine Erklärung zur "Deutschen Frage". Darin wird sich zur Einheit der deutschen Nation bekannt.

Demonstranten erzwingen den Zugang zum Brockengipfel. Aufgerufen haben mehrere Bürgerinitiativen. Der Brockengipfel ist bis dahin militärisches Sperrgebiet.

In der Nähe von Brüssel trifft Bundeskanzler Helmut Kohl mit den Präsidenten der USA, George Bush, zusammen. Während des Gesprächs meinte Kohl, es wäre ein wirtschaftliches Abenteuer, wenn die Wiedervereinigung schon in zwei Jahren erfolgen würde, wie das Henry Kissinger vorausgesagt habe. Das wirtschaftliche Gefälle sei zu groß. Erst müsse ein gewisses Gleichgewicht hergestellt werden.

Der Informationsstand über die weltpolitische Entwicklung in der DDR sei niedrig. Sie habe 40 Jahre praktisch in Quarantäne gelebt. Das westdeutsche Fernsehen erreiche Teile der DDR erst seit wenigen Jahren. So sei z.B. der Begriff der freien Marktwirtschaft dort nicht verwendbar, weil er diffamiert sei.

Wenn die DDR nicht eine ähnliche Wirtschaftsreform wie Ungarn durchführe, habe sie keine Chance. Wenn sie dies tue, werde sie in 3-4 Jahren "auf den Beinen" sein.

Er habe vorgeschlagen, dass nach Wahlen in der DDR konföderative Strukturen geschaffen werden. Dies bedeutet nicht die Schaffung einer Konföderation.

Er wolle Michail Gorbatschow nicht in die Ecke drängen. Unser Interesse müsse es sei, dass Gorbatschow im Amt bleibt.

In Manfred Stolpes Büro findet ein Treffen von Lothar de Maizière (DDR-CDU) und Wolfgang Schäuble (BRD-CDU) statt.

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