DDR 1989/90Brandenburger Tor


Sa. 18. November 1989


Die Potsdamer Arbeitsgruppe Umweltschutz und Stadtgestaltung beim Kulturbund, "ARGUS", hat dem ADN einen Gründungsaufruf für eine "Grüne Liga" übermittelt. Sie soll das gemeinsame Dach zur Rettung der natürlichen Lebensgrundlagen, zur Stimulierung alternativer Denk- und Verhaltensweisen und zur Überwindung des ökologischen Handlungsdefizits in der Gesellschaft sein.

"Alle bereits bestehenden und die sich neu bildenden Gruppen sowie alle Bürgerinnen und Bürger, die sich diesem Anliegen verpflichtet fühlen, rufen wir auf, sich bei Bewahrung ihrer Eigenständigkeit und ihrer Identität dieser Initiative anzuschließen", heißt es in dem Aufruf.
(Neue Zeit, Mi. 22.11.1989)

Die Bürgerbewegung "Demokratie Jetzt" hat in einer ADN übergebenen Stellungnahme für 1990 einen Volksentscheid über den Artikel 1 der Verfassung gefordert. Vertreten wird die Position, dass Sozialismus auf dem Mehrheitswillen der Bürgerinnen und Bürger und nicht auf der festgeschriebenen Führungsrolle der SED beruhen sollte. Sozialismus höre mit dem Ende solcher Vorherrschaft nicht auf, er fange mit lebendiger Demokratie erst richtig an. Gefordert werde eine demokratische Willensbildung ohne festgeschriebene Führungsrolle der SED.
(Neues Deutschland, Mo. 20.11.1989)

Rund 30 000 Bürger Leipzigs und aus der Umgebung kamen am Sonnabend auf dem Dimitroffplatz zur ersten genehmigten Kundgebung des Neuen Forums zusammen. Etwa zwei Dutzend Frauen und Männer - rund 200 Anträge zum Reden lagen vor - ergriffen auf der rund dreistündigen Manifestation das Wort. Sie forderten unter anderem freie Wahlen, den Verzicht auf die Führungsrolle der SED, eine gleichberechtigte Zusammenarbeit aller Parteien sowie Organisationen, die Reduzierung der Sicherheitsorgane, besonders der Staatssicherheit, eine stärkere Einbeziehung von Frauen in die Politik und Wirtschaft, die Abschaffung jedweder Zensur, freie Presse und Verlage, die öffentliche Kontrolle der Medien und Sofortmaßnahmen zur Verbesserung der Umweltbedingungen im Ballungsraum Leipzig. Neben Arbeitern, Hausfrauen, Künstlern und Akademikern vom Neuen Forum traten auch Vertreter der Bewegung "Demokratischer Aufbruch", der neu gegründeten sozialdemokratischen Partei, der vereinigten Linken, der Initiative "Frieden und Menschenrechte" und von Behinderten an das Mikrofon. Tausende Unterschriften auf ausliegenden Listen drückten Sympathien für die geforderte Möglichkeit eines Volksentscheides aus, der wieder verfassungsrechtlich sanktioniert werden müsse.

Weitere Kundgebungen fanden unter anderem statt in Berlin, Dresden, Frankfurt/Oder, Gera, Eberswalde-Finow, Karl-Marx-Stadt, Suhl und Plauen.
(Neues Deutschland, Mo. 20.11.1989)

Leipzig. Zu einer vom Neuen Forum angemeldeten Kundgebung trafen sich am Samstagvormittag rund 30 000 Bürger auf dem Leipziger Dimitroff-Platz. Vor dem Museum der bildenden Künste machte die Menge auf mitgeführten Transparenten und Spruchbändern ihre Forderungen nach Neuwahlen, gleichberechtigtem Meinungsstreit und gegen Gesinnungsterror deutlich. Viele Familien kamen mit ihren Kindern, junge wie ältere Bürger erhoben in Sprechchören ihre Stimme: "Wir sind das Volk!" - dieser Ruf wurde immer wieder laut.

Eberswalde-Finow. Die Forderung nach mehr Mitsprache in allen Bereichen erhoben am Sonnabend in Eberswalde-Finow mehr als 7 000 Bürger mit einer Demonstration, zu der das Neue Forum aufgerufen hatte. Auf Transparenten und Spruchbändern ging es um Umweltschutzprobleme und gegen eine führende Rolle der SED. Dazu sprachen auf der abschließenden Kundgebung auch Vertreter von Parteien und Bürgerbewegungen sowie der evangelischen Kirche.

Plauen. Vor dem Plauener Rathaus versammelten sich am Sonnabend, wie schon an vorangegangenen Wochenenden, rund 10 000 Einwohner aus der Vogtlandstadt und aus umliegenden Orten. Sie forderten unter anderem freie Wahlen und sprachen sich gegen eine führende Rolle der SED aus.

Suhl. Teilnehmer eines "Gebetes für unser Land" in der Suhler Kreuzkirche und eines Sternmarsches aus allen Wohngebieten der Thüringer Bezirksstadt beteiligten sich am Sonnabend vor der Stadthalle an einer Kundgebung der Bürgerinitiative Neues Forum. Vor etwa 5 000 Menschen traten zwölf Redner ans Mikrofon und sprachen sich unter anderem für eine allseitige demokratische Erneuerung des Lebens in der DDR aus, vor allem für eine Wirtschaftsreform, ein neues Mediengesetz und den Schutz der Umwelt.
(Neue Zeit, Mo. 20.11.1989)

Auch in Finsterwalde wird an diesem Tag demonstriert.

In der NVA und den Grenztruppen der DDR werden künftig die Verantwortung und die Kompetenzen der SED-Parteiorganisationen und der staatlichen Führungsorgane klar voneinander getrennt. Diese Feststellung traf am Sonnabend das Sekretariat der Politischen Hauptverwaltung der NVA. Die Entscheidung beruht auf dem Aktionsprogramm der SED und der Regierungserklärung. Im Mittelpunkt der Beratung im Verteidigungsministerium standen Fragen der Erneuerung der politischen Arbeit in den Streitkräften und in den Grenztruppen. Wie Wolfgang Herger, Mitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees der SED, unterstrich, gebiete der Prozess der Reformen in den Streitkräften die Erneuerung der SED und die Formierung staatlicher Organe zur staatspolitischen Erziehung und Bildung.
(Neues Deutschland, Mo. 20.11.1989)

Die DDR sei und bleibe ein sozialistischer Staat, trotz der angestrebten Zusammenarbeit mit den Europäischen Gemeinschaften und der in Gang gesetzten Reformen. Auch die Bündnistreue werde nicht in Frage gestellt, erklärte DDR-Staatsoberhaupt Egon Krenz am Sonnabend in einem Interview des amerikanischen Kabelfernsehkanals CNN in Atlanta (USA-Bundesstaat Georgia), über das auch die Nachrichtenagentur AP berichtete. Er wandte sich gegen Spekulationen, dass die Öffnung der deutsch-deutschen Grenzen eines Tages zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten führen könne. Zu den Rufen nacn einer Wiedereröffnung des Brandenburger Tors sagte er, wer das fordere, wolle "eine Symbolhandlung, an der ich im Augenblick nicht interessiert bin". Aber in der Zukunft könnte das Tor zu einem "Symbol der Zusammenarbeit" werden.
(Berliner Zeitung, Mo. 20.11.1989)

Im Gemeindesaal der Evangelischen Altstadtgemeinde in Magdeburg wird der Stadt- und Regionalverband der SDP gegründet.

Link zur Gründungsurkunde

Auch in Halberstadt gründet sich ein örtliche SDP-Verband.

Aus dem Ministerium für Staatssicherheit wird das Amt für Nationale Sicherheit.

Auch an diesem Wochenende wieder ein Besucheransturm aus der DDR nach Westberlin und der BRD. Der Einzelhandel meldet erneut ein starkes Umsatzplus.

Δ nach oben