DDR 1989/90Brandenburger Tor


Mo. 18. September 1989


Die traditionelle Friedensandacht in der Leipziger Nicolaikirche hatte nach Angaben aus Kirchenkreisen ganz unter dem Eindruck der Festnahmen vom Montag vergangener Woche gestanden. Pfarrer Adolf Führer hatte die etwa 1 500 Teilnehmer aufgefordert, sofort nach dem Ende des Gebets den Kirchhof zu verlassen. Eine halbe Stunde später war der Platz nach Angaben von Augenzeugen menschenleer.

Als danach die Polizisten, die den Platz umstellt hatten, abgezogen seien, seien die in den Nebenstraßen wartenden über 1 000 Menschen langsam wie der auf den Platz geströmt. Daraufhin sei nachdem die Polizeiketten wieder geschlossen worden seien, mit den Festnahmen begonnen worden, wobei die Festgenommenen offenbar wahllos aus der Menge herausgegriffen worden seien.

Die Ost-Berliner Zionsgemeinde verurteilte am Dienstag in einer Protesterklärung die Festnahmen scharf. Die "Übergriffe" seien als "vorsätzlich herbeigeführte allgemeine Verschärfung der innenpolitischen Situation" angeordnet worden. Die DDR-Regierung suche Zuflucht zur "rohen Faust".

Nach Angaben aus Leipziger Kirchenkreisen wurden am Montag vergangener Woche insgesamt 142 Personen, also 40 mehr als zunächst gemeldet, beim gleichen Anlass vorläufig festgenommen. Da von befinden sich noch immer mindestens elf Personen in Untersuchungshaft.
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Inzwischen finden, wie in Eisenach bekannt wurde, in mehreren Städten regelmäßig Fürbittandachten für die Leipziger Inhaftierten statt, so in Ost-Berlin, Dresden, Halle, Zwickau, Zittau, Altenburg Quedlinburg, Gera und Potsdam.
(Frankfurter Rundschau, Mi. 20.09.1989)

Nach einem Bericht der Staatssicherheit nahmen an dem montäglichen Friedensgebet in Leipzig 1 200 Personen teil. Im Anschluss wurden Handzettel verteilt. "Sie enthält eine tendenziöse Darstellung des Einsatzes der Sicherungskräfte am 11. September 1989 und eine 'Würdigung' namentlich genannter inhaftierter Personen. Außerdem beinhaltet sie Hinweise über weitere geplante Fürbittandachten für die Inhaftierten in Kirchen der Stadt Leipzig sowie Aufforderungen zum Versenden von Protestresolutionen an die Generalstaatsanwaltschaft bzw. an den Bezirksstaatsanwalt." 31 Personen werden laut Bericht zugeführt.

Im Pfarrgarten der Gemeinde Alt-Pankow kommt es zu einem Treffen von oppositionellen aus der DDR. Zwei SPD-Mitgliedern, die zu dem Treffen erwartet werden wird die Einreise verweigert.

Im Sprachenkonvikt in Berlin findet ein Treffen der Initiativgruppe zur Gründung einer Sozialdemokratischen Partei statt. Neben den vier Unterzeichnern des Aufrufs sind noch weitere Personen anwesend. Diskutiert wird über Programmatik und Strategie der zu gründenden Partei. Es wird sich auf einen Namen für die zu gründende Partei verständigt. Sie soll "Sozialdemokratische Partei in der DDR", abgekürzt SDP heißen. Es wird vereinbart, alle beteiligen sich an der beabsichtigten Gründung des Demokratischen Aufbruch am 01.10.1989.

"Brauchen wir eine Opposition?" steht als Frage über einer Veranstaltung in der Berliner Gethsemanekirche. Eingeladen dazu haben Demokratie Jetzt und Neues Forum.

5. Frauenseminar in Wilkau-Haßlau bei Zwickau vom 18.-21.09.

Beginn der montäglichen "Gebete für die gesellschaftliche Erneuerung" im Magdeburger Dom.

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