Fr. 11. August 1989


Die Grenze zwischen Ungarn und Österreich ist für DDR-Bürger weiterhin zu. In einem Bericht in der Wochenzeitung "Die Zeit" ist über die ungarische Grenze u.a. zu lesen:

"Von solch schier unglaublicher Nachlässigkeit der ungarischen Grenzer kann freilich nicht die Rede sein. Immer noch müssen zwei dicke, eisenverstärkte und Lkw-sichere Schranken passiert werden. Immer noch wird zweimal kontrolliert: zuerst der Pass, dann das Auto. Geändert hat sich nur die bürokratische Prozedur. Zur Hauptreisezeit üben sich die ungarischen Beamten im westeuropäischen Zoll-Usus, nur stichprobenartig Grenzgänger genau zu untersuchen und den Rest nonchalant durch die zweite Kontrollstation zu winken. Und abseits der Übergänge ist die Grenze ohnehin weiter gut bewacht. Zwar wurden auf weiten Strecken die Drahtverhaue schon abgebaut, die Wachtürme aber stehen noch."

Für nicht DDR-Bürger erschwert sich der Grenzübertritt wie es im Bericht weiter heißt:

"Der Marsch über die jetzt wieder imaginäre Linie gleicht immer noch mehr einem Abenteuer denn einem Spaziergang. In der breiten Schneise, die von dem Eisernen Vorhang geblieben ist, wird nun verstärkt patrouilliert. Auch auf der österreichischen Seite übrigens, wo man mit der bisherigen Praxis gebrochen hat und ungarische wie polnische Asylbewerber zurückschickt, denen man eine politische Verfolgung nicht mehr glauben mag. Wien handelt aus derselben Furcht heraus, die ja auch die Bundesrepublik bewegt: die Furcht vor dem sozialen Sprengstoff 'Asylanten'."

Flucht gibt es nicht nur über Ungarn, sondern auch nach Ungarn:

"Auch Ungarn kennt dieses Problem seit geraumer Zeit. Erst unter der Hand, dann aber in aller Öffentlichkeit ist darüber debattiert worden, wie man auf die Massenflucht der Rumänen - meist ungarischer Nationalität - reagieren sollte: Anerkennung als politisch Verfolgte oder den programmierten Konflikt mit dem Nachbarn vermeiden? Mittlerweile ist diese Frage geklärt. Aus Schulen und Kasernen wurden Behelfsquartiere. Dann wurde ein großes Auffanglager in der Nähe von Debrecen errichtet, das jetzt schon wieder zu klein ist. Immerhin an die 17 000 Flüchtlinge befinden sich zur Zeit offiziell in Ungarn. In Tahitöfalu, wenige Kilometer nördlich von Budapest, wird jetzt ein großangelegtes Lager aufgebaut, das auch für die Aufnahme von Flüchtlingen 'aus anderen Ländern' zur Verfügung stehen soll. Ungarn hat achtzehn Millionen Mark für die unmittelbare Flüchtlingsbetreuung ausgegeben. Weitere zehn Millionen sollen heuer noch folgen."
(Die Zeit, Fr. 11.08.1989)

Zwischen 300 und 400 DDR-Bürger sollen inzwischen nach Informationen ungarischer Oppositionsgruppen in Ungarn leben. Zumeist sind ihre Fluchtversuche in den Westen gescheitert, und sie fürchten die Heimkehr in die DDR. Das wurde am Freitag auf einer Pressekonferenz der Helsinki-Menschenrechtsgruppe und des neu gegründeten oppositionellen Ungarischen Flüchtlingsgremiums Journalisten in Budapest [mitgeteilt]. Die Oppositionsgruppen forderten staatliche Hilfe für die Flüchtlinge.
(Frankfurter Rundschau, Sa. 12.08.1989)

Im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten in Berlin findet ein Gespräch mit BRD-Vertretern über die sich in der Ständigen Vertretung in Berlin befindenden DDR-Bürger satt, die über die Ständige Vertretung eine Ausreise aus der DDR erreichen wollen.

Von DDR-Seite wurde erklärt, ein Sonderweg zur Ausreise könne nicht hingenommen werden. DDR-Bürger, die die Ständige Vertretung verließen wird Straffreiheit zugesagt.

Die Wochenzeitung "Die Zeit" berichtet über die Tätigkeit von Bauarbeitern aus der DDR auf Westberliner Baustellen.

"Tag für Tag kommen die DDR-Werktätigen in Minibussen der ungarischen Marke Ikarus über die Grenzübergänge und fahren abends wieder zurück."

"Ein DDR-Bauarbeiter, der etwa am Neubau eines Laborgebäudes für den Pharmakonzern Schering mitwirkt, erhält seinen heimatlichen Lohn von rund sieben DDR-Mark und je Tag fünfzehn bis zwanzig D-Mark als Auslösung.

"Zwar müssen Bau- und Montageleistungen von DDR-Firmen genehmigt und dem Bundesamt für Wirtschaft (BAW) gemeldet werden, aber ob dies immer geschieht, wenn westliche Baufirmen Unteraufträge an DDR-Betriebe vergeben, ist sehr die Frage. Nach der Statistik des BAW erbrachten DDR-Firmen in der Bundesrepublik 1988 Bau- und Montageleistungen von insgesamt 26 Millionen Mark, davon in West-Berlin rund 11 Millionen Mark. Das gesamte Bauvolumen in der Bundesrepublik betrug 1988 rund 266 Milliarden Mark, in Berlin[-West] 10 Milliarden Mark."