Die Euphorie ist vorbei, die Aufbruchstimmung der Vor-März-Monate hat sich gelegt. Dies war auf der am Sonnabend durchgeführten Berliner Vollversammlung des Unabhängigen Frauenverbandes zu spüren. Dass von ca. 1 000 eingeladenen Frauen nur etwa 80 erschienen waren, dokumentierte recht deutlich die Ermüdung, schleichende Hilflosigkeit und Fast-Ohnmacht gegenüber der sich veränderten politischen Situation in unserem Land. Der Tiefpunkt einer Krise scheint erreicht; Zeit über Sinn oder Unsinn des UFV nachzudenken.
Unsinnig, so Ilsegret Fink aus der Frauengruppe der Christlichen Friedenskonferenz, sei der Anspruch, die Interessen aller Frauen vertreten zu wollen. Der UFV - als Organisation für Frauen nach wie vor wesentlich - müsse vor allem die Interessen der Frauen im Blickfeld haben, die mit einem gewissen emanzipatorischen Anspruch auftreten.
Die eigentliche Arbeit beginnt deshalb erst jetzt, mit einer kritischen Analyse des Erreichten und Versäumten. Der UFV hat u. a. großen Anteil daran, daß die Frauenfrage wesentlicher Bestandteil aller parteipolitischen Programme wurde, Gleichstellungsbeauftragte im Magistrat und auf Stadtbezirks-Ebene sind ebenfalls seinem Engagement zu verdanken. Doch zwischen parlamentarischer Vertretung und der Verbandsbasis kristallisierte sich zunehmend ein Kommunikationsvakuum heraus.
Um der immer größer werdenden Notwendigkeit einer starken Frauenbewegung gerecht werden zu können, müsse die Zersplitterung und Desorientiertheit, die mittlerweile alle linken Parteien und Organisationen ereilt habe, überwunden werden. So die einhellige Meinung aller Anwesenden. Es dürfe nicht zugelassen werden, dass der von rechts gestartete Versuch, wieder ein konservatives Frauenbild in die Köpfe einzupflanzen, Erfolg habe. Die Politisierung der Frauen müsse weitergehen, nicht allein des § 218 und der drohenden Massenarbeitslosigkeit von Frauen wegen.
Ein neuer Ansatz scheint gefunden, doch wie man ihn konkret ausgestalten will, das blieb für mich auch nach dieser Vollversammlung offen. Frau kann, Frau will, Frau muss - aber wie? Letztendlich doch Kampf oder Krampf ums Überleben?
Andrea Scheuring
(Berliner Zeitung, Mo. 09.07.1990)
Der Unabhängige Frauenverband sei am Schnittpunkt seiner Entwicklung angelangt, stellte Sprecherin Christiane Schindler am vergangenen Samstag auf einer Vollversammlung der Berlinerinnen fest und gliederte das bisherige Wirken des UFV in zwei Phasen.
In euphorischer Aufbruchstimmung hatten sich im 89er Herbst Frauen zusammengetan, den Verband gegründet und binnen kurzer Zeit zu einem Faktor werden lassen, mit dem man rechnen musste. Volkskammerplätze jedoch sollte nicht eine der UFV-Kandidatinnen besetzen können. Infolge eines Machtgerangels mit dem "Bündnispartner" Grüne Partei konnte der Verband sein Ziel, auf höchster parlamentarischer Ebene Fraueninteressen zu vertreten, nicht verwirklichen. Mit diesem (Ein-)Bruch begann die zweite Phase des UFV. in der es nach Enttäuschung und Depression nun darum geht, bereits Erreichtes zu halten. Denn mancherorts werden Gleichstellungsstellen bereits wieder beseitigt oder verkommen - vollgepackt mit weiteren Bereichen wie Behinderte, Ausländer. Soziales - zu Alibiämtern. Der Gleichstellungsbeauftragten des Ministerrates, Dr. Marina Beyer, so Christiane Schindler, wurden Kompetenzen entzogen. Sie besitzt nicht mehr das Recht, Vorlagen einzusehen, selbst einzubringen oder gegen Entscheidungen des Kabinetts ihr Veto einzulegen.
Die Frage nach dem Wie weiter? stand im Mittelpunkt der mehrstündigen Diskussion. Zurückziehen auf kommunale Projektarbeit, organisierten Schutz und Selbsthilfe oder beharren auf politisch-parlamentarischer Interessenvertretung? Fazit der Vollversammlung: Der Unabhängige Frauenverband muss auf allen Ebenen arbeiten. Seine Gruppen, Projekte, die Abgeordneten und Gleichstellungsbeauftragten sollte ein Netz verknüpfen, durch das alle Anregung und Inspiration erfahren. Wichtig fanden die Berlinerinnen das Vorhaben, einen Runden Tisch zu installieren.
Noch ist der Verband eine gesellschaftlich-relevante Größe. Will er es bleiben, ist neben funktionierenden Strukturen vor allem aber eine Programmatik gefragt, die dem galoppierenden Anschluss nicht hinterherhinkt sondern in diesem Prozess aktive Politik für Frauen betreibt.
CORINNA FRICKE
(Neues Deutschland, Mo. 09.07.1990)