DDR 1989/90Brandenburger Tor


Fr. 22. Juni 1990


Die Befürchtungen der vergangenen Wochen haben sich bestätigt: Rund 1 200 Rundfunkmitarbeiter der in Berlin ansässigen Sender werden in den kommenden Wochen entlassen. Fürs 2. Halbjahr fehlen 31,1 Millionen Mark zum angemeldeten Bedarf. Die Reduzierung betrifft alle Bereiche. Allein die Hauptabteilung Funkdramatik wird von 118 Mitarbeitern auf 35 verkleinert, Jugendradio von 143 auf 80, für Radio DDR gibt es offenbar gar keine Perspektive mehr. Sämtlichen Berliner Rundfunk-Klangkörpern wird unter Einhaltung der gesetzlichen Frist aufgekündigt. Ein Kahlschlag sondergleichen. Der kommissarische General-Intendant Manfred Klein beantwortete mit diesem Konzept auf der gestrigen öffentlichen Vertrauensleutevollversammlung die lange anstehenden Fragen der Belegschaft. Er erntete heftigen Widerspruch. Rundfunk und Fernsehen wollen sich mit der Gewerkschaft gemeinsam zur Wehr setze. Am kommenden Donnerstag wird demonstriert.
(Neues Deutschland, Sa. 23.06.1990)

In der DDR kann man gegenwärtig von über 200 000 Arbeitslosen ausgehen, erklärte der Präsident des Arbeitslosenverbandes des Landes, Dr. Klaus Grehn, gegenüber der "Berliner Allgemeinen". Zu den 130 000 offiziell registrierten Erwerbslosen müsse man auch jene 40 000 Menschen zählen, die zum Beispiel "zwangsweise" in den Vorruhestand geschickt wurden. Hinzu kämen 50 000 Zeitjobber in der BRD und Westberlin, "die lieber stundenweise drüben arbeiten, als dass sie hier Bittsteller auf Arbeitsämtern sind".

Anzeichen für einen "heißen Herbst" gibt es nach Grehn bereits heute. Beispielsweise beginnt es im Mansfelder Revier mit Morddrohungen gegen die Leiter "zu brodeln". "Ohne Panik zu machen, sollte man politisch motivierte Arbeitskämpfe durchaus ernst nehmen. Zur Zeit können wir nur sachlich nachweisen, dass auf Grund von Entlassungsankündigungen im Monat Juli die Arbeitslosigkeit rasant ansteigen und schnell die halbe Million überschreiten wird." Hauptgründe für einen solchen Anstieg sieht der Präsident in den angekündigten Betriebsstilllegungen. Für Umschulungsmaßnahmen fehle bisher jegliches wirtschaftliche Konzept. Der abrupte Wechsel von der Plan- zur Marktwirtschaft kann nach Meinung Grehns zu einer echten psychischen Krankheit derer führen, die plötzlich ins soziale Abseits gestoßen werden. "Wir registrieren jetzt schon bei den Erwerbslosen zunehmend Lethargie, Depression und Selbstaufgabe, sogar schon erste Suizidfälle."
(Neues Deutschland, Sa. 23.06.1990)

Die Fraktion von Bündnis 90/Grüne hat gestern der Volkskammer in Ostberlin 203 000 Unterschriften für einen Volksentscheid zum Verfassungsentwurf des Runden Tisches übergeben. Der Abgeordnete Werner Schulz erklärte dazu, nach Lösung der nationalen Frage müsse jetzt die konstitutionelle Frage gelöst werden. Weiter haben sich rund 50 000 Bürger mit ihrer Unterschrift für die Beibehaltung der Fristenlösung beim Schwangerschaftsabbruch ausgesprochen. Nach Angaben des Unabhängigen Frauenverbandes der DDR (UFV) wurden die in allen Bezirken der DDR gesammelten Listen Familienministerin Christa Schmidt zugesandt.
(Berliner Zeitung, Sa. 23.06.1990)

Die Gründung eines CSU-Landesverbandes Sachsen ist in der Nacht zum Samstag im sächsischen Klingenthal nach fünfstündiger Debatte gescheitert. Bereits eine Woche zuvor hatte in Hirschau im bayerischen Landkreis Amberg/Oberpfalz ein Treffen von bayerischen und sächsischen CSU-Anhängern stattgefunden, das ebenfalls ohne Ergebnis blieb. Dieses Treffen war von Befürwortern der CSU-Ausbreitung in die DDR veranstaltet worden. In Klingenthal vereinbarten die Interessenten einer Sachsen-CSU mit Generalsekretär Erwin Huber anstatt der Gründung eines Landesverbandes die Bildung eines Sprecherrates.
(Berliner Zeitung, Mo. 25.06.1990)

Westliche Spitzentechnologie statt "Trabi" und Wartburg - so präsentierte sich die erste Automobil-Ausstellung der DDR, die in Leipzig zu besuchen ist. Gestern hatten allerdings zuerst nur Fachbesucher Gelegenheit, sich bei der "Autovision 1990" auf dem Leipziger Messegelände zu informieren. Von heute an rechnen die Veranstalter dann mit dem gewaltigen Ansturm von bis zu einer Million Besuchern bis zum Ende der Schau am 1. Juli.
(Neue Zeit, Sa. 23.06.1990)

Ein weiteres Symbol der deutschen Teilung und des kalten Krieges im Herzen Berlins wurde gestern Vormittag abgebaut. In Anwesenheit der Außenminister der vier Siegermächte und beider deutscher Staaten erlebte der Checkpoint Charlie an der Friedrichstraße seine letzte Stunde, ehe ein riesiger Baukran das weltberühmte alliierte Kontrollhäuschen vom Sockel hob.
(Neue Zeit, Sa. 23.06.1990)

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