DDR 1989/90Brandenburger Tor


Fr. 15. Juni 1990


Die Kupferkumpel des Thomas-Müntzer-Schachtes stimmten am Freitagnachmittag auf einer Belegschafts mehrheitlich für Verhandlungen mit Vertretern der DDR-Regierung über die Perspektive ihrer Arbeitsplätze. Noch am Vormittag waren viele von ihnen eingefahren, um einen Hungerstreik zu beginnen. Gewissermaßen in letzter Minute erhielten sie jedoch von Staatssekretär Dr. Körber die telefonische Zusage, dass zumindest bis 30. September die produktionsgebundenen Subventionen weiter gezahlt wenden.
(Neues Deutschland, Sa. 16.06.1990)

Die am Freitag in der DDR festgenommene RAF-Terroristin Sigrid Sternebeck hat in ersten Befragungen ständige Kontakte zum einstigen Ministerium für Staatssicherheit (MfS) seit 1980 bestätigt. Unmittelbar nach ihrer Einreise in die DDR nahmen Mitarbeiter der Stasi Verbindung zu ihr auf und unterstützten sie bei der Beschaffung einer Wohnung sowie ihrer Arbeitsstelle in Schwedt. habe Frau Sternebeck geäußert. In der Folgezeit wurden die Verbindungen mit dem MfS ständig beiderseits aufrechterhalten Sigrid Sternebeck wird unter anderem die Beteiligung an der Ermordung eines US-Soldaten im August 1985 und an einem Sprengstoffanschlag auf den US-Luftwaffenstützpunkt in Frankfurt/Main zur Last gelegt.

Nach der Festnahme von drei mutmaßlichen Terroristen in der DDR am Freitag gab es am Wochenende nun auch Haftbefehle gegen Lotze, von Seckendorff und Helbing. Nachdem das Stadtbezirksgericht Berlin-Mitte es am Samstag wegen fehlender Beweismittel abgelehnt hatte, Haftbefehle zu erlassen, hatte die Generalstaatsanwaltschaft der DDR erneut die vorläufige Festnahme der drei angeordnet und Beschwerde gegen diese Entscheidung eingelegt. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ließ daraufhin per Hubschrauber "alle erforderlichen Aktenbestandteile und Beweismittel" überbringen.
(Berliner Zeitung, Mo. 18.06.1990)

Unterschiedliche Ansichten über Zukunft, Charakter und Funktion des Warschauer Vertrages konstatierte der Oberkommandierende der Vereinigten Streitkräfte, Armeegeneral Pjotr Luschew, am Freitag nach der 25. Sitzung des Komitees der Verteidigungsminister in Strausberg vor der internationalen Presse. Einig sei man sich dagegen gewesen, nach "neuen Wegen und Formen des Übergangs der Organisation in eine politische zu suchen". DDR-Minister Rainer Eppelmann hält den 1. September 1992 als realistisch für die politische Vereinigung Deutschlands und für die sicherheitspolitische Vereinigung Europas. Keine Meinungsverschiedenheiten hätte es darüber gegeben, dass man ein europäisches Sicherheitssystem, ein blockfreies Europa brauche.
(Neues Deutschland, Sa. 16.06.1990)

Die Generalstaatsanwälte der Bundesrepublik und Generalbundesanwalt Alexander von Stahl haben in einem Appell Straffreiheit für ehemalige Spione in beiden deutschen Staaten gefordert. Nach einer zweitägigen Beratung schlugen sie eine Amnestie für die meisten der anhängigen Verfahren vor.
(Neues Deutschland, Sa. 16.06.1990)