DDR 1989/90Brandenburger Tor


Fr. 01. Juni 1990


Alle vier Blöcke des Kernkraftwerkes Nord bei Greifswald werden abgeschaltet.

Diese Entscheidung gab am Freitag in Berlin der Minister für Umwelt, Naturschutz, Energie und Reaktorsicherheit, Karl-Hermann Steinberg, bekannt. Er zog damit die Konsequenz aus dem 2. Zwischenbericht der deutsch-deutschen Regierungskommission zur Sicherheitsüberprüfung des KKW. In die Prüfung wurden auch sowjetische und französische Experten einbezogen. Auf einer Pressekonferenz, an der auch Bundesumweltminister Klaus Töpfer teilnahm, begründete Steinberg die Abschaltung. In den Blöcken wurden "erhebliche sicherheitstechnische festgestellt. Es kam auch in jüngster Zeit wiederholt zu "gravierenden Verstößen gegen Betriebsvorschriften". So wurde noch im Februar bei einem Leck im Primärkreislauf der betreffende Reaktor nicht abgeschaltet.

Die Blöcke 2 und 3 des KKW Greifswald sind schon seit Bekanntwerden des 1. Zwischenberichts im Februar außer Betrieb. Block 4 wird jetzt abgefahren. Der Block 1 muss dagegen vorerst noch weiter betrieben werden, um die Versorgung von Greifswald mit Fernwärme und des Kraftwerks selbst mit notwendiger Prozesswärme zu sichern.

Spätestens im Dezember sollen diese Aufgaben dann von einem 300-MW-Ölheizwerk übernommen werden, das so schnell wie möglich mit bundesdeutscher Unterstützung gebaut werden soll.
(Neues Deutschland, Sa. 02.06.1990)

Berliner Schüler hat die Jugendgruppe "Terra" für heute, 16 Uhr, zu einer Demonstration gegen die Nutzung der Atomkraft aufgerufen. Mit dieser Aktion will die Gruppe auf das Unglück aufmerksam machen, "von dem besonders die Kinder in den verseuchten Gebieten um den Ort der Reaktorkatastrophe im sowjetischen Tschernobyl betroffen sind". Von der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz soll sich der Zug zum Friedrichshain bewegen. Gleichzeitig wollen die Initiatoren die Aktion des Neuen Forum unterstützen, Mädchen und Jungen aus dem Unglücksgebiet einen Ferienaufenthalt in der DDR zu ermöglichen.
(Berliner Zeitung, Fr. 01.06.1990)

Ab dem 1. Juni wird es auch in der DDR einen Radio-Reiseruf geben, der eng mit der BRD-Reiserufstelle in Frankfurt zusammenarbeitet. Dann können auch DDR-Bürger, die in westeuropäischen Staaten unterwegs sind, über Radio zur Rückreise oder zu einem Anruf veranlasst werden, teilte die Pressestelle des Hessischen Rundfunks am Freitag mit.
(Berliner Zeitung, Di. 22.05.1990)

Ab 1. Juni können DDR-Bürger ohne Visum in die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein reisen, sofern die DDR ihrerseits die Visapflicht für Eidgenossen abschafft. Das gab das Justizministerium in Bern bekannt.
(Neues Deutschland, Fr. 25.05.1990)

Die DDR-Regierung hebt ab 1. Juni den Visazwang, für Bürger Belgiens, Frankreichs, Luxemburgs und der Niederland auf der Grundlage der Gegenseitigkeit auf. Bürger dieser Länder können mit Reise-, Dienst- oder Diplomatenpass, mit Personalausweisen und Kinderausweisen visafrei einreise und sich dort bis zu drei Monaten aufhalten.
(Neues Deutschland, Sa. 19.05.1990)