ND-Gespräch mit JOCHEN LEZOCH, ehemaliger Generaldirektor des Weißenfelser Schuhkombinat
Wir laufen uns die Hacken ab, um wieder auf den Markt zu kommen
Herr Lezoch, es scheint, dass sich die Schuhindustrie dieses Landes auf leisen Sohlen aus dem Wirtschaftsgefüge der DDR verabschiedet . . .
Es ist eine Frage der Zeit, wann die aus dem Kombinat hervorgegangenen 130 Schuh-GmbH ihre Werkstore schließen müssen. Bisher wurden rund 8 000 Mitarbeiter vor allem in kleineren Produktionsstätten, die zudem in einer strukturschwachen Region liegen, entlassen. Die anderen 37 000 Beschäftigten arbeiten seit kurzem fast durch die Bank weg kurz.
Es gibt also kein Entrinnen?
Selbstverständlich kämpfen die Unternehmen fieberhaft um die Arbeitsplätze und darum, dass es auch noch in ein paar Jahren DDR-Schuster gibt. Da bin ich jetzt sehr froh, dass zu den mit der UdSSR abgeschlossenen Verträgen über mehrere Millionen Paar Schuhe ein weiterer großer Posten von 6,5 Millionen Paar gekommen ist. Ferner zeigen natürlich auch unternehmenseigene Verkäufer, dass es im Einzelhandel noch Absatzmärkte gibt.
Wo sehen Sie die Gründe, dass den Schuhfirmen der Einstieg in die Marktwirtschaft bislang nicht gelang?
Die Marktwirtschaft, mit der wir konfrontiert wurden, ist doch in Wahrheit keine freie Marktwirtschaft. Es ist doch eine Marktwirtschaft der Absprachen, der großen Interessenteilung. Da gibt es . . .zig Beispiele. Sehen sie, die Existenz der treuhandverwalteten Industrie der DDR ist in erster Linie eine Frage des Zugangs zum treuhandverwalteten Handel und damit zum Binnenmarkt. Diesen haben und hatten wir nicht. Ich war im März bei der Treuhandanstalt vorstellig geworden mit der Forderung, man möge uns bitte unterstützen bei der Zusammenfassung spezialisierter Fachschuhgeschäfte mit dem Schuhgroßhandel und unserer Industrie. Kein DDR-Unternehmen verfügt nun heute über ein eigenes Vertriebssystem.
Wie sah denn ihr Konzept aus, Zugang zu den Kunden zu finden?
Etwa 40 Schuhfabriken, fünf Großhandelslager sowie 500 Fachgeschäfte der HO sollten eine große Schuh-Produktions- und Vertriebs-GmbH gründen. Deren Hauptaufgabe wäre, 60 Prozent Schuhe aus der DDR und 40 Prozent aus Importen zu vertreiben. So bin ich zu Felde gezogen.
Warum hat der von der Treuhandanstalt verwaltete Handel nicht mitgespielt?
Das Handelsministerium sorgte dafür, dass unser Konzept abgelehnt wurde. Es seien administrative Eingriffe in demokratische und freie Entscheidungen der Händler. Eine Monopolisierung werde nicht zugelassen, doch das hat damit wenig zu tun. In der DDR gibt es 5 000 Stellen, wo Schuhe verkauft werden. An dieser großen Zahl haben wir kein Interesse. Uns interessierte allerdings die Frage, wie ein Mindestumsatz zu sichern ist, damit Arbeitsplätze erhalten bleiben. Vergleichen Sie unsere Lage mit der der Firma Salamander in der BRD. Dieses Unternehmen besitzt 170 eigene Geschäfte und hat zudem noch 1 700 Vertragshändler . . .
Haben Sie das Konzept einer eigenen Ladenkette nun aufgegeben?
Nein wir laufen uns die Hacken ab, um wieder auf den Markt zu kommen. Wir werden 53 eigene Läden aufbauen. Sie werden ihren Platz in alten Gebäuden und Verkaufsstellen, finden müssen und möglichst in Stadtzentren liegen. Da ein Schuhgeschäft unter 100 Quadratmeter bald Pleite machen wird, sollen es große, moderne Einrichtungen werden. Mit unseren 53 eigenen Läden werden wir natürlich insgesamt nicht viel erreichen können. Deshalb sind wir nach wie vor an einer Zusammenarbeit mit HO-Fachgeschäften interessiert und würden gern in einer gemeinsamen Kapitalgesellschaft zusammenwirken. Wir haben inzwischen ein Know-how-Paket und Software für einen niveauvollen Schuhfachhandel erworben.
Wie steht es nun um Qualität und Preis der DDR-Schuhe?
Beides durchaus attraktiv. Nehmen wir einen von uns produzierten Salamander-Schuh. Betriebspreis Ost und West liegt bei 68 DM. Uns wollten die Händler 35 DM geben, damit sie noch 100 Prozent draufschlagen können und den Qualitätsschuh für 70 DM verschleudern können wie jeden x-beliebigen Billigschuh.
Wie beurteilen Sie nun die mittelfristigen Chancen der Schuhindustrie der DDR?
Gemeinsam mit einem Kollektiv der Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst wurde jetzt eine Studie zur Lage der europäischen und insbesondere der gesamtdeutschen Schuhindustrie abgeschlossen. Daraus geht hervor dass sich die Schuhunternehmen insgesamt in einem komplizierten Überlebenskampf befinden. Unter dem Druck von Billigproduzenten schrumpft auch die Schuhindustrie der BRD weiter. Allein für 1992 wird der Konkurs - so eine EG-Prognose - von 40 weiteren Betrieben vorausgesagt. Und so richten wir mit den bundesdeutschen Unternehmen unseren Blick vor allem in Richtung Sowjetunion. Wir sollten uns zum Hauptlieferanten entwickeln. Mit Kapazitäten, Wissen und Können sind die deutschen Firmen in der Lage, Qualitätsschuhe entsprechend den besonderen Anforderungen der UdSSR zu produzieren und zu liefern. Das sollte zu einem gemeinsamen Anliegen werden, wobei auch staatliche Unterstützungen erforderlich sind. In jedem Fall ist das der günstigere Weg, als gegenwärtig die Schuhindustrie in unserem Lande so kurzsichtig zu vernichten.
Es fragte
MANFRED JÄGER
Neues Deutschland, Mi. 1. August 1990, Jahrgang 45, Nr. 177, B-Ausgabe
