Interview mit Soziologe Dr. Klaus Grehn

Arbeitslose pochen auf ihre Rechte

Für Freitag war die Gründung eines Arbeitslosenverbandes angekündigt. Gibt es nun eine solche Organisation?

Ja, Vertreter von Bezirksgruppen beschlossen die Bildung des Verbandes. In den nächsten Tagen melden wir ihn entsprechend den Bestimmungen an.

Welche Ziele verfolgen Sie?

Der Verband organisiert die Selbsthilfe der Arbeitslosen, Selbsthilfe in Form juristischer, sozialer und psychologischer Beratung. Wir wollen die Interessen der Arbeitslosen gegenüber dem Staat, den Unternehmern, den Kommunen wahrnehmen, ihre Vorstellungen zum Beispiel bei der Erarbeitung eines Arbeitslosenrechts einbringen. Mit Hilfe des Verbandes wird es auch möglich sein, alternative Arbeitsplatzbeschaffungsstrategien zu entwickeln. Wir werden Einfluss nehmen auf Umschulungsprogramme, damit Arbeitslose größere Chancen haben.

Wer kann dem Verband beitreten?

Jeder Bürger, vor allem aber Arbeitslose und Erwerbstätige, deren Arbeitsplatz gefährdet ist.

Erwarten Sie großes Interesse?

Mich erreichen sehr viele Briefe. Etwa 150 Frauen und Männer erklärten bereits ihre Bereitschaft, Mitglied zu werden. In den Bezirken außer Schwerin, Neubrandenburg und Gera bestehen schon Gruppen.

Wie geht es weiter?

Die Entwürfe für Programm und Statut werden noch einmal überarbeitet. Am 31. März planen wir ein DDR-weites Treffen.

Wie hoch schätzen Sie derzeit die Arbeitslosigkeit in der DDR, und welche Entwicklung steht in Aussicht?

Aus meiner Sicht gibt es rund 70 000 Arbeitslose. Dabei zähle ich nicht nur jene Bürger zu den Arbeitslosen, die auf dem Arbeitsamt ihre finanzielle Unterstützung abholen. Für mich gilt gleichfalls jeder als arbeitslos, der bereits seinen Kündigungstermin kennt, aber noch keine andere Arbeit gefunden hat. Stellt man alle Hinweise auf bevorstehende Strukturveränderungen in Rechnung, so sind bis zum Jahresende 400 000 bis 500 000 Arbeitslose zu erwarten - vorausgesetzt, dass die Betriebe ihre Einstellungsstopps beibehalten und, so wie bislang, keine Arbeitsbeschaffungsstrategien vorhanden sind. Meine Schätzungen sind wahrscheinlich tiefgestapelt, andere sprechen von 2,5 bis 4 Millionen Arbeitslosen.

Die Fragen stellte
KLAUS MORGENSTERN

Neues Deutschland, Sozialistische Tageszeitung, 45.Jahrgang, Nr. 53, B-Ausgabe, Sa. 03.03.1990

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