DDR 1989/90Brandenburger Tor

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In der Rolle des ehrlichen Maklers

NEUE ZEIT-Gespräch mit OKR Martin Ziegler, Moderator am Runden Tisch

Der Runde Tisch hat sich zu einer festen und anerkannt kompetenten Einrichtung in diesem Land entwickelt. Die Moderation seiner Arbeit liegt von Anfang an bei Vertretern der Kirche: Oberkirchenrat Martin Ziegler, Bund der Evangelischen Kirche in der DDR, Monsignore Dr. Karl-Heinz Ducke, Berliner Bischofskonferenz, und Pastor Martin Lange, Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der DDR. NEUE ZEIT sprach mit Martin Ziegler über diese Moderatorentätigkeit:

Wie verstehen Sie als Vertreter der Kirchen Ihre Rolle beim Runden Tisch?

Ausgangspunkt war für uns die Frage, ob wir in den schnell voranschreitenden Veränderungsprozessen in unserer Gesellschaft nicht einen gewissen eigenen Beitrag zu leisten hätten. Hierzu gab es unterschiedliche Auffassungen. Die einen sagten, wir müssten auch von der Sache her Stellung nehmen, so wie wir ja zuvor die Sachgespräche ständig angemahnt haben. Die anderen sagten - und dies ist auch meine Meinung -, unsere Aufgabe ist es jetzt vordringlich zu vermitteln und dafür zu sorgen, dass die unterschiedlichen Sachanliegen, vertreten von unterschiedlichen Gruppierungen und Parteien, auch wirklich ins Gespräch miteinander kommen. Wir haben deshalb also ganz bewusst auch die Bitte, dass wir zum Runden Tisch einladen sollen, in dem Sinne entschieden und verstanden, dass wir als Einladende und Moderatoren eine Vermittlerrolle haben, die Rolle eines ehrlichen Maklers. Das hat für uns von vornherein auch bedeutet, dass wir z. B. nicht mit abstimmen. Wir enthalten uns eigener Sachbeiträge.

Aber schon in der Eröffnungsansprache habe ich gesagt, Interesse haben wir auch, unsere Sache einzubringen. Das sollte aber durch Beteiligung an den Arbeitsgruppen geschehen. So ist es dann auch verwirklicht worden.

Ich habe jetzt immer vom "wir" gesprochen. Dazu ist zu sagen, dass wir uns sofort, als die Aufforderung an das Sekretariat des Bundes und an das Sekretariat der Berliner Bischofskonferenz erging, miteinander in Verbindung gesetzt und auch die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen mit einbezogen haben. In dieser Dreiergruppe versehen wir nun diesen Moderatorendienst.

Stellt diese Aufgabe, die ja kurzfristig und zusätzlich auf Sie zukam, nicht auch eine erhebliche Belastung dar?

Die Belastung beschränkt sich nicht allein auf die sichtbare Tätigkeit am Runden Tisch. Da sind die Stunden, die vorangehen, die Konzentration, die man da einbringen muss. Im Hintergrund steht aber noch sehr viel mehr Arbeit. Wir erhalten von Anfang an eine Fülle von Briefen und Zuschriften. Es ergeben sich die Notwendigkeiten von Vorgesprächen vor den Sitzungen. Vieles für den Ablauf des Runden Tisches muss vorbereitet worden. Das ist in den ersten Zeiten hier im Sekretariat abgewickelt worden. Und die Belastung ging zeitlich, aber auch kräftemäßig so weit, dass der Vorstand der Konferenz der Kirchenleitungen schon den Antrag vorliegen hatte, mich völlig freizustellen bis zum 6. Mai. Das habe ich aber aus innerkirchlichen Gründen abgelehnt. Denn ich habe natürlich Interesse, hier diese, meine Arbeit weiterzumachen. Und es ist jetzt auch dadurch etwas erleichtert worden, dass wir das Arbeitssekretariat des Runden Tisches einrichten konnten. Dafür haben wir einen unserer Fachreferenten freigestellt, Herrn Reichelt. Aber heute früh war dort eine Besprechung, die zeigte, dass auch dieses Arbeitssekretariat schon an die Grenze der Belastbarkeit gekommen ist, einfach durch das große Interesse, das dem Runden Tisch entgegengebracht wird.

Dieses große Interesse am Runden Tisch hat sicherlich etwas damit zu tun, dass sich dieser Runde Tisch zunehmend profiliert und Anerkennung gefunden hat. Wie sehen Sie diese Entwicklung des Runden Tisches?

Anfangs ging es schlichtweg zunächst darum, die alten Parteien, wie man jetzt immer sagt, und die neuen Gruppierungen, die die Initiative für die Einrichtung des Runden Tisches ergriffen haben, miteinander ins Gespräch zu bringen. Es ging zunächst darum, dass eine Plattform geschaffen wurde, über Fragen unseres Landes, der Gestaltung unseres weiteren Weges miteinander sprechen zu können. Das hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Es wurde mehr und mehr deutlich, dass der Runde Tisch zum Gesprächspartner der Regierung geworden ist. Und damit ist eine starke Gewichtigkeit des Runden Tisches hervorgetreten. In den letzten Sitzungen ist das ja durch die Anwesenheit von Ministerpräsident Modrow zum Ausdruck gekommen und dadurch, dass nun auch eine ganze Reihe von Ministern dort die Position der Regierung vorgetragen haben und befragt wurden. Und ich denke, der Runde Tisch selbst hat auch an Sachlichkeit gewonnen, indem er sehr intensiv einging auf die einzelnen Fragen und Probleme, die dabei zur Debatte standen.

Wir bekommen immer, nach jeder Sitzung, viel Echo, wir bekommen negatives Echo, wenn wir bei Verfahrensfragen, wie in den ersten Sitzungen einfach unvermeidlich, lange verweilen. Und wir bekommen positives Echo, wenn das Gefühl da ist, dass jetzt zur Sache geredet wurde, zu Dingen, die für unser Land geklärt werden müssen. Ich denke, in der Entwicklung des Runden Tisches ist festzustellen, dass diese Tendenz, zur Sache zu sprechen, weiter zunimmt.

Hat es Ihnen in Ihrer Moderatorentätigkeit geholfen, dass die Kirche schon in der Vergangenheit in ihren synodalen Strukturen demokratische Verfahrensweisen zumindest in einem wesentlich höheren Maße geübt hat, als es im gesellschaftlichen Raum bisher der Fall war?

Das ist eine Frage nach der Moderatorentätigkeit. Und das zu beurteilen, ist immer ein bisschen schwierig, wenn man selber der Betroffene ist. Aber natürlich waren wir durch synodale Geschäfte und durch die Form des Umgangs, die wir innerkirchlich in unseren Leitungsgremien geübt haben - auch in kontroversen Diskussionen, auch in Gesprächsführung und dergleichen - etwas vorbereitet. Das ist uns zugute gekommen. Wir haben ja eine Menge Echo im Blick auf diese Frage bekommen; es ist anerkannt worden, dass diese Übung vorhanden war. Ich glaube, dass das auch der Dienst ist, den wir leisten können.

Können Sie sich vorstellen, dass ein solcher Dienst, möglicherweise auf einer breiten Basis, auch nach dem 6. Mai geleistet wird?

Dass es gelernt werden muss, in Kontroversen miteinander umzugehen, denke ich, ist eine Notwendigkeit. Denn anders kann Demokratie nicht funktionieren. Aber, ob wir da weiterhin notwendig sind, auch personell, das hoffe ich, ist nicht der Fall. Denn wir haben so viele eigene Aufgaben, dass wir eigentlich dazu unsere ganze Kraft brauchen. Solange wir gebeten werden, werden wir uns dem nicht entziehen. Aber ich hoffe doch sehr, dass nach dem 6. Mai staatliche Organe und Gremien zustande kommen, die das dann auch gelernt haben und das auch können.

Welches sind die eigenen Aufgaben, die jetzt vielleicht ein bisschen liegen bleiben in der Kirche?

Sie bleiben ja nicht liegen, sondern sie werden hier im Sekretariat durch mein Engagement am Runden Tisch vielleicht zeitweise nur etwas weniger intensiv betrieben, und die Aufgaben der Kirche nach ihrem Selbstverständnis gehen kontinuierlich weiter. Wir werden auch weiter nach dem 6. Mai Stellung nehmen zu all den Fragen, die innerhalb unseres Landes die Bürger umtreiben und beschäftigen. Wir haben natürlich auch unsere eigenen Dinge zu ordnen. So z. B. die Pfarrerausbildung, und uns stellen sich sicher auch neue Fragen: Wie gehen wir z. B. in einer pluralistischen Gesellschaft mit der Öffentlichkeit um. Hier müssen wir klar machen, was Anliegen der Kirche ist, klarer, als es In vielleicht manchen Äußerungen bisher der Fall gewesen ist. Und wir haben unsere Jugendarbeit neu zu ordnen, auch mit den Möglichkeiten, die sich hier neu öffnen. Wir haben den Unterricht neu zu bedenken unter den veränderten Gegebenheiten. Ganz selbstverständlich muss die normale gemeindliche Arbeit die Gottesdienste, die gemeindlichen Kreise - weitergeführt werden.

Noch ein Wort zu den Ergebnissen der jüngsten Klausurtagung zwischen Bund und EKD. Zeichnen sich schon Folgerungen für die Arbeit im Sekretariat des Bundes ab?

Nein, sie zeichnen sich nicht ab, denn die Erklärung von Loccum ist eine kirchenpolitische Erklärung. Und sie ist in manchen Medien leider nur auszugsweise zitiert worden. Die beiden Hauptsätze waren ja, dass wir einerseits das Zusammenwachsen der beiden Staaten wollen aber andererseits haben wir auch mit Nachdruck gesagt: in einem gesamteuropäischen Verständigungsprozess. Zu unserem Bedauern ist aber nur der erste Satz zitiert worden.

Weiterhin wurde erklärt: Wir wollen unserer besonderen Gemeinschaft auch eine organisatorische Gestalt in einer Kirche geben. Dieser Satz ist viel missdeutet worden. Er ist so gedeutet worden, als kehrten wir sozusagen zurück in den Schoß der EKD. Das beinhaltet der Satz keineswegs, sondern auch hier kann es nur um ein Zusammenwachsen gehen. Und das geht auch aus dem Gesamttext hervor. Dort betonen wir, wir wollen mit Erfahrungen, die wir gemacht haben, sorgsam umgehen, und wir haben auch gesehen, dass Interessen und Einsichten an manchen Stellen widersprüchlich und kontrovers sind Also wird es einen längeren Prozess erfordern, und es ist von vornherein nicht klar, in welcher Form wir diese neue organisatorische Gestalt haben werden. Darüber wird erst geredet, wenn die zweiseitige Kommission gebildet ist.

Mehr können wir im Augenblick sowieso nicht sagen. Denn nun geht es erst an die Leitungsgremien, die Bundessynode bei uns und die Konferenz der Kirchenleitungen. Und von dort wird gesagt, wer in diese Kommission soll und wie die ganzen Einzelschritte kommen sollen, so dass es ein längerer Prozess sein wird. Das Missverständnis, ist dadurch gekommen, dass manche meinten, hier hätten wir schon die Vereinigungserklärung abgegeben.

(Die Fragen stellte
Dr. Peter M. Bräuning)

aus: Neue Zeit, Jahrgang 46, Ausgabe 24, 29.01.1990, Tageszeitung der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands

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