DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Ist das Israel-Bild in der DDR real?

Interview mit Sprecherin der Jüdischen Gemeinde

Dr. Irene Runge vom Bereich Ethnografie der Sektion Geschichte an der Humboldt-Universität, Presseverantwortliche der Jüdischen Gemeinde in Berlin, war kürzlich zu einem sechswöchigen Studienaufenthalt in Jerusalem, um Material für ein Buch über diese Stadt zu sammeln. Wir befragten sie zu ihrer Reise.

BZ: Für wie real halten Sie das in der DDR vermittelte Israel-Bild?

Dr. Runge: Ich habe den Eindruck, es wurde ein falsches Bild verbreitet, einseitig und ungenügend problematisiert.

Berichterstattung über Intifada war einseitig

BZ: In der Berichterstattung über Israel ging es in der letzten Zeit vor allem um die Intifada. den Aufstand der Palästinenser in den israelisch besetzten Gebieten. Dazu gehört auch Ostjerusalem. Wie wirkt sich die Intifada im Alltag aus?

Dr. Runge: Ich muss korrigieren. Die Berichterstattung über die Intifada war auch einseitig, man berichtet nur vom Standpunkt der "Intifadisten". Es ist meiner Meinung nach so gut wie nie über die Ursachen der Intifada und über den israelischen Standpunkt nachgedacht worden.

Für die Juden besteht gesamtgesellschaftlich das Problem einer Kriegswirtschaft, die offenbar sehr viele Mittel an das Militär bindet. Weiterhin gilbt es für die Juden das Problem der internen Diskussion über Recht und Unrecht, darüber, wie man damit umzugehen hat - und es gibt sehr unterschiedliche Auslegungen dessen.

Soweit ich das überblicke, ist für die Palästinenser die Intifada, wie sie es ja auch selbst erklären, der Versuch der Selbstdefinition als Nation.

Die Auswirkungen des Aufstandes sind für die Juden und auch für die Palästinenser bis in alle Bereiche des Alltags spürbar. Es gibt eine Ungeheure Angst zum Beispiel vor extremistischen Übergriffen.

BZ: Welche Möglichkeiten der Lösung des Konflikts stellt man sich in Israel auf jüdischer Seite vor?

Dr. Runge: Vor allem stellt man sich vor, dass die Existenz Israels als jüdische Heimstatt garantiert wird.

Die PLO ist ein Zusammenschluss von vielen verschiedenen Organisationen. Dabei wird Arafats gemäßigte Position von Extremisten unterlaufen, die noch immer zum heiligen Krieg mit dem Ziel der Vernichtung Israels aufrufen.

Es gibt zwei Bevölkerungen auf einem Territorium, die beide Rechte haben, und die Frage ist wie da eine Lösung zu finden ist. Ich bin kein Gegner vernünftiger palästinensischer Forderungen, aber es geht auch um die Juden in dieser konkreten geographischen Situation mit ihrer konkreten Geschichte. Darüber, beispielsweise über den Holocaust, herrscht auf palästinensischer Seite große Unwissenheit. Diese Dinge müssen aber offen diskutiert werden.

Religiosität ist großes Thema im Lande

BZ: Da wäre es doch aber wichtig, dass sich Israel mit der PLO direkt an einen Tisch setzt ...

Dr. Runge: Die Arbeitspartei sagt ja auch, wir müssen reden. Ich glaube, es muss verhandelt werden, und beide Seiten müssen Entgegenkommen zeigen. Dazu gehört auch die Rückgabe von Westbank und Gazastreifen mit allen Garantien.

Eine Angst der Juden besteht darin, dass sich innerpalästinensische Konflikte auf das Territorium Israels verpflanzen könnten. Hier wird es wahrscheinlich ganz starke Sicherheitsgarantien durch die UNO geben müssen.

BZ: In Israel sind Staat und Kirche nicht getrennt. Das bedeutet, dass das gesamte gesellschaftliche Leben religiösen Rücksichten verpflichtet ist. Welche Konflikte ergeben sich daraus?

Dr. Runge: Die Problematik der Religiosität ist neben der Intifada und der Arbeitslosigkeit eines der großen Themen im Lande. Hier stehen sich einander ausschließende Prinzipien gegenüber. Es geht dabei um die Frage, ist Israel ein Volk wie alle anderen oder - wie es die Orthodoxie sieht - ein durch Gottesbeschluss auserwähltes Volk. Für orthodoxe Juden gibt es 613 religiöse Ge- und Verbote, die, wenn sie den Alltag dominieren, zum Problem für alle anderen werden können. Beispielsweise gibt es in Israel nur das religiöse, kein ziviles Familienrecht.

BZ: Welchen Spielraum haben die linken Kräfte?

Dr. Runge: Links ist heute nicht ganz einfach zu definieren. Es gibt ja auch linke Orthodoxe, es ist ja nicht so, dass links anti- oder areligiös ist.

Ich war aber auch bei der KP Israels, die in Jerusalem 150 Mitglieder hat. Das ist bei einer Einwohnerzahl von 380 000 verschwindend wenig. Die KP ist, wie auch die MAPAM - eine engagierte linkssozialistische Partei legal und in der Knesset vertreten. Es gibt die CHADASCH-Front einen linken Block, in der die KP Israels, die "Peace now"- Bewegung und andere linke Gruppen vertreten sind.

BZ: Die israelische Bevölkerung hat steh dahin entwickelt, dass mittlerweile die Zahl der sephardischen (orientalischen) Juden überwiest, während der Anteil der Ashkenasim (aus den USA und Europa eingewanderte Juden) auf zirka 40 Prozent zurückgegangen ist. welche Probleme und sozialen Differenzierungen ergeben sich daraus?

Dr. Runge: Vor dem Gesetz sind alle gleich, was natürlich nicht besagt, dass jeder jeden gleich behandelt. Sicherlich gibt es da Diskrepanzen, wie in allen ethnisch oder kulturell unterschiedlichen Gruppen.

Große Unterschiede gibt es noch in der älteren Generation, in der die ashkenasischen Juden ihre Geschichte sehr stark über den deutschen Faschismus definieren, während die sephardischen Juden in den arabischen Ländern zwar zum Teil bittere Erfahrungen hatten, aber nicht dieser Art von Verfolgung ausgesetzt waren.

Die sozialen Unterschiede derart, dass ashkenasische Juden meist höher qualifiziert waren als die Sephardim, scheinen in der jüngeren Generation geringer zu werden.

Beziehungen zu Israel sind erneut zu prüfen

BZ: Es ist nicht alltäglich, dass DDR-Bürger nach Israel reisen welche Beziehung hat man dort zu unserem Land?

Dr. Runge: Ich glaube, es ist an der Zeit, dass wir eine Normalisierung des Verhältnisses zwischen beiden Staaten erneut prüfen.

Die jüdische Gemeinde hier hat gute Kontakte zu amerikanischen jüdischen Organisationen, die sich sowohl in Israel aktiv beteiligen als auch uns unterstützen. Wir bemühen uns zunehmend, in unserer Gemeinde über Israel zu berichten, unsere Standpunkte zu qualifizieren.

Das alles hebt aber nicht die dringende Notwendigkeit der Medienarbeit auf.

BZ: Welche Vorstellungen hat man über die DDR?

Dr. Runge: Es gibt zwei Hauptthemen. Die erste Frage lautet: Wie geht die DDR wirklich um mit der deutschen Geschichte und mit der Geschichte der Juden. Es gibt eine große Achtung vor allen, die aktiv am antifaschistischen Widerstand beteiligt waren, aber offen ist die Frage nach dem übergroßen Rest der Bevölkerung, nach der Mitverantwortung.

Man hat in Israel den Eindruck, und ich glaube, der Eindruck ist richtig, dass es Zeit ist, in der DDR über dieses Thema erneut nachzudenken.

Zum zweiten ist die Unkenntnis über die DDR genauso groß wie die Unkenntnis bei uns über Israel. Es herrschen da stabile Klischees.

Leute, mit denen ich sprach, haben große Angst vor einer Wiedervereinigung, Angst vor einem deutschen Neofaschismus. Ich gehe davon aus, dass die DDR ein antifaschistisches Land war und bleiben muss. Jedoch sollte sich nicht nur die Historiografie erneut die Frage nach dem Versagen der Volksmassen stellen.

Das Gespräch führte
Kerstin Etzold

aus: Berliner Zeitung, 08.11.1989, Jahrgang 45, Ausgabe 263, Die Redaktion wurde mit dem Karl-Marx-Orden, dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold und dem Orden "Banner der Arbeit" ausgezeichnet.

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