DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Welche Ziele hat der Helmholtz-Verband?

Interessenvertretung von nichtmedizinischen Berufsgruppen im Gesundheitswesen

Am 26. Januar findet in der Berliner Charité (Hörsaal der Hautklinik, 10.30 Uhr) die Gründungsversammlung eines Verbandes der im Gesundheits- und Sozialwesen tätigen Natur-, Geistes-, Ingenieurwissenschaftler und Ingenieure (Helmholtz-Verband) statt. Über das Anliegen des Verbandes sprach ND mit Vertretern der Initiativgruppe.

ND: Herr Dr. Wernecke, Sie sind Mathematiker in der Augenklinik der Charité. Andere Mitglieder Ihrer Initiativgruppe sind Physiker, Informatiker, Biochemiker, Psychologen, Pädagogen und Soziologen, Herr Dr. Rüstow neben Ihnen ist Chemiker. Ohne die Mitarbeit dieser Disziplinen kann keine moderne Medizin wirken. Dennoch - ist medizinisches Wirken nicht in erster Linie Angelegenheit der Mediziner?

Dr. Wernecke: Sie widersprechen sich in Ihrer Frage selbst. Die naturwissenschaftlichen Berufe sind Teil der Medizin, sagen Sie, bezweifeln aber gleichzeitig die gleichberechtigte Mitwirkung der nichtmedizinischen Berufe in der Medizin. Das ist eine weitverbreitete Auffassung, die aber nicht mehr gültig sein kann. Jeder Arzt, gleich, ob Allgemeinmediziner oder Spezialist, braucht, sobald er röntgenologische oder computer-tomographische Ergebnisse von Blut- und Urinuntersuchungen haben muss, das Wissen und Können von medizinisch-technischen Assistentinnen, von Informatikern, Chemikern, Physikern, Biologen usw. Aber unter welchen Bedingungen arbeiten sie? Mit welchen Geräten? Zu welchen Tarifen?

Dr. Rüstow: Allein daraus ist ersichtlich, dass diese Berufsgruppen im Gesundheitswesen spezifische Probleme haben.

ND: Hat nicht jeder Beruf seine spezifischen Probleme?

Dr. Rüstow: Selbstverständlich. Aber Berufsgruppen sollten die Möglichkeit haben, ihre spezifischen Interessen selbst vertreten zu können, ihre Belange in Übereinstimmung mit den Nachbardisziplinen selbst entscheiden zu können.

Dr. Wernecke: Sehen Sie, im Unterschied z. B. zu westlichen Industrieländern arbeiten in den verschiedenen Einrichtungen des Gesundheitswesens der DDR eine große Zahl von Naturwissenschaftlern, Ingenieuren usw. Das hat den Vorteil, dass bestimmte Anforderungen der Medizin an die Industrie fachkompetent vertreten oder medizinische Forschung naturwissenschaftlich geplant und durchgeführt werden können. Dieser Vorteil wurde und wird nach unserer Auffassung nicht genügend genutzt.

ND: Und dafür wird sich der künftige Verband einsetzen?

Dr. Flügel: Der Verband will Einfluss nehmen auf die Schaffung gesetzlicher Regelungen und will, dass seinen Mitgliedern Verantwortung für eine permanente Qualitätssicherung und -kontrolle technischer Einrichtungen und naturwissenschaftlicher Methoden übertragen wird. Des weiteren wollen wir bei der Ausarbeitung von Ausrüstungs- und Verfahrensempfehlungen für spezielle medizinische Aufgaben mitarbeiten sowie bei Importempfehlungen für medizinische Ausrüstungen ein Wort mitzureden haben. Schließlich geht es uns darum, die Aus- und Weiterbildung sowie die Ausbildungs- und Prüfungsinhalte, die Hilfe bei der Organisation von Wissenschaftler- und Erfahrungsaustausch mitzugestalten.

Wir wollen gehört werden bei der Verbesserung der Arbeitsbedingungen, bei der Gestaltung von Bildschirmarbeitsplätzen, beim Infektionsschutz, bei der Anerkennung von Berufskrankheiten und anderen Problemen der Arbeitsplatzgestaltung und Arbeitsorganisation.

ND: Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Für ND fragte Dieter Hannes

aus: Neues Deutschland, 45. Jahrgang, Ausgabe 20, 24.01.1990, Sozialistische Tageszeitung. Die Redaktion wurde 1956 und 1986 mit dem Karl-Marx-Orden und 1971 mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold ausgezeichnet.

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