DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Aufruf zur Gründung eines Behindertenverbandes der DDR

An alle Behinderten der DDR, an alle, die mit ihnen leben, alle die sie pflegen und betreuen, an alle, die mit ihnen und für sie arbeiten! Geht die Politik der Erneuerung an den Behinderten vorbei? In dem jetzt in Gang gekommenen Dialog spielen die besonderen Erfordernisse und Bedürfnisse sowie die Interessen der Behinderten kaum eine Rolle.

Ja, der Dialog findet an Orten und in Räumen statt, die vielen Behinderten überhaupt nicht zugänglich sind.

In unserer Gesellschaft existiert ein mangelhaftes öffentliches Bewusstsein über die reale Lage der Behinderten und ihres fast vollständigen Ausschlusses aus allen wirklich wichtigen Entscheidungsbereichen staatlicher und politischer Macht sowie des gesellschaftlichen Lebens insgesamt.

Ja, Behinderte brauchen Hilfe und Unterstützung - auch Fürsorge aber die darf nicht zur Entmündigung führen!

Der Erfolg der m der DDR erstrebten Reformen wird sich auch an der Befriedigung der Bedürfnisse der Schwachen zu messen haben. Wir sind für den Leistungsanstieg! Aber jeder Bürger - auch der Schwerstbehinderte - muss seinen Beitrag leisten können; muss stimuliert, motiviert werden und Möglichkeiten zur Entfaltung seiner individuellen Fähigkeiten erhalten!

Dazu bedarf es konkreter Interessenvertretung und demokratischer Organisationsformen und -strukturen. Sie ermöglichen den Behinderten Entscheidungsbefugnisse über ihre eigenen Lebensbedingungen und - entsprechend ihrem hohen Bevölkerungsanteil - die Beteiligung an der Ausübung politischer und staatlicher Macht.

Ja, wir werden Probleme benennen - auch solche, über die man immer noch zu wenig oder gar nicht spricht!

Ja, wir werden Druck ausüben, wo Druck nötig ist.

Doch bevor der Verband im Namen der Behinderten Forderungen stellen und die Öffentlichkeit noch besser aufklären kann, muss er sich erst einmal konstituieren. Und zwar republikweit!

Eure Ideen und Vorschläge sind jetzt gefragt. Sprecht mit Euren Freunden und Helfern, mit Euren Kollegen und Lehrern, ob sie mitarbeiten wollen oder selbst Ideen haben. Es geht um folgende Fragen:

Welche Struktur soll der Verband haben?

Welche Grundsätze müssen in ein Statut?

Wie soll sich der Verband finanzieren?

Welche Arbeitsgruppen könnte er beinhalten?

Wir rufen dazu auf, in allen Orten, Kreisen und Bezirken zusammenzukommen und Interessengruppen zur Gründung eines Verbandes zu bilden und zu stärken!

Benennt die brennendsten offenen Fragen!

Stellt einen Katalog von Problemen auf, die kurz- oder langfristig zu lösen sind!

Wendet Euch schon jetzt mit konkreten Lösungsvorschlägen an die jeweils zuständigen staatlichen Organe oder gesellschaftlichen Organisationen!

Deshalb Initiativen und Aktionen für einen unabhängigen, demokratischen, solidarischen Behindertenverband, der auf der Grundlage der Verfassung der DDR wirkt!

Wir fordern alle Berliner Behinderten auf, informiert uns über die Arbeit Eurer Gruppen!

Wir wünschen uns auch die Verbindung und Zusammenarbeit mit allen Bezirksinitiativen!

Berliner Initiativgruppe
1040 Berlin PSF (...)
mit 19 Unterzeichnern

Neue Zeit, 45. Jahrgang, Ausgabe 282, 30.11.1989, Zentralorgan der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands

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