DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Religion - nur Opium für das Volk?

Herr de Maizière (CDU) hat sich in den letzten Tagen bereite mehrfach dafür ausgesprochen, die Verfassung der DDR vom 7. Oktober 1949 wieder in Kraft zu setzen. Die "Wende in die Zukunft" soll also mit einem Rückschritt von 40 Jahren beginnen. Freilich wäre nicht alles zurückgenommen, einige vom Stalinismus gestrichene Rechte auch wieder in Kraft gesetzt. Immerhin bekennt sich Herr de Maizière damit zum Wirtschaftsplan (Artikel 21, Absatz 1) und zu einem gewissen Schutz von Volkseigentum vor Reprivatisierung (Artikel 28) - da wir wohl annehmen müssen, dass er das von ihm propagierte Dokument auch gründlich studiert hat. Das betrifft auch Artikel 44, Absatz 1: "Das Recht der Kirche auf Erteilung von Religionsunterricht in den Räumen der Schule ist gewährleistet. Der Religionsunterricht wird von den durch die Kirche ausgewählten Kräften erteilt. Niemand darf gezwungen oder gehindert werden, Religionsunterricht zu erteilen. Über die Teilnahme am Religionsunterricht entscheiden die Erziehungsberechtigten."

Oder ist die CDU dafür nicht? Nach einer Rundfunkmeldung vom 21.2.90 hat sich der stellvertretende Bildungsminister Abend (CDU) dahingehend geäußert, dass er die Wiedereinführung des Religionsunterrichtes nicht für gut halte. Nun kann man in dieser Frage ganz bestimmt verschiedener Meinung sein, auch innerhalb derselben Partei. Das enthebt die gewendete CDU aber nicht der Pflicht, zu definieren, wie christlich sie denn nun sein will.

Natürlich muss auch die Vereinigte Linke dazu einen Standpunkt beziehen. Gerade als Marxist halte ich es für beschämend, dass Schüler bisher von der christlichen Religion nicht viel mehr erfuhren, als dass Lenin sie als "Opium fürs Volk" bezeichnet hat. Dabei hat diese Religion doch Geschichte und Kultur von Europa und der Welt entscheidend mitbestimmt, auch die Rolle von Christen in unserer "friedlichen Revolution" ist wohl hinreichend bekannt. Einige von ihnen wirken jetzt in der Vereinigten Linken und betrachten ihre Religion nicht als Vertröstung auf Jenseitiges, sondern als Verpflichtung, für ihre Nächsten tätig zu werden. Wäre ein Angebot der Schule, die Schüler fakultativ mit den ethischen Idealen verschiedener Weltanschauungen - je nach Wunsch der Eltern oder Schüler - vertraut zu machen, nicht akzeptabler als ein obligatorischer Marxismusunterricht für alle, gegen den die bisherigen Blockparteien offensichtlich nichts einzuwenden hatten?

H.-J. F(...)

aus: freie presse, Nr. 52, 02.03.1990, 28. Jahrgang, Karl-Marx-Stadt

[Genauso wie Karl Marx hat Lenin die Religion nicht als "Opium fürs Volk", sondern als "Opium des Volkes" bezeichnet. Lenin Werke Band 10, Seite 71]