DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Programmierter Katzenjammer nach den Wahlen

Die Illusion über die Allheilkraft der Wahlen, der sozialen Marktwirtschaft, der sofortigen Wiedervereinigung und die Illusion, dass wir schon vor einem Scherbenhaufen stünden, dass es uns nicht ähnlich wie den Polen oder Ungarn ergehen kann (schließlich sind wir ja Deutsche!) - sie bergen tiefe Enttäuschung, wenn sie der Konfrontation mit der Zukunft nicht standhalten können.

Nach dem warmen Herbst der Hoffnung, der Toleranz und Gewaltlosigkeit kam ein kalter November. Im Januar/Februar stand das Wetter auf Sturm. Als zu schwach erwiesen sich die Keime des Neuen, keiner fand sich, sie zu behüten. Die Tragik besteht darin, dass viele der Akteure noch meinen, die Situation zu überblicken. Die Alliierten meinen, noch immer jederzeit die Notbremse ziehen zu können. Die DDR-Regierung meint, den Ausverkauf verhindern zu können. Die BRD-Regierung glaubt, am Ziel ihrer politischen Wünsche zu sein. BRD-Unternehmen und DDR-Monopole haben ihre Chancen entdeckt. Unterdessen demonstrieren einige mündige Bürger weiter in dem Glauben, nach wie vor Subjekt und nicht Objekt der Politik zu sein. Andere meinen, dass die Härten sie selbst nicht treffen werden.

In Wirklichkeit werden die ausgelösten Prozesse nicht mehr beherrscht. Das Unvermögen der Parteien, behutsam mit dem mehrfach verbogenen Nationalgefühl der Deutschen umzugehen, hat eine Welle entfacht, die schon mit der Massenpsychose von 1914 oder Ende der 30er Jahre vergleichbar ist. "Wir sind ein Volk", "Deutschland einig Vaterland", "Währungsumtausch 1:1" - wissen die Politiker eigentlich, dass sie es hier nicht mit BRD-Wählern zu tun haben, denen es relativ egal ist, ob nun der Kohl oder der Gärtner Kanzler ist, sondern mit sensiblen Menschen, die noch alles glauben, was man ihnen sagt?

Und was, wenn z.B. nach den Wahlen "Deutschland einig Vaterland" nicht schnell Realität werden kann? Gehen die Leute dann alle friedlich wieder nach Hause? Was machen sie mit den gepackten Koffern, mit denen laufend gedroht wird, packen sie die wieder aus? Und wenn sie gehen, weil sich zeigt, dass die "anstehenden Probleme" auch noch ZEIT für ihre Lösung brauchen? Viele vertrauen auf die "Vernunft des Kapitals". Doch dies gründet sich wohl mehr auf Optimismus, denn auf reales Wissen. Sicher kennt jedes Unternehmen schon "seine Marktlücke" und die "Anlagemöglichkeiten"? Wer aber kann bei der Komplexität der Prozesse alle Verflechtungen übersehen? Wenn Wirtschaftswissenschaftler hier wie dort versuchen, wenigstens eine isolierte logische Kette aufzubauen - stets landen sie im Widerspruch. Gleichzeitig aber läuft der Prozess der Wiedervereinigung längst ab - ökonomisch selektiv, dort, wo es sich lohnt. Die sozialen Folgen sind schwer abschätzbar: drohende Massenarbeitslosigkeit, mögliche Inflation, Zerstörung bestehender Kooperationsbeziehungen, fehlende soziale Überlebensgarantien, weitere Auswanderungen, Schwarzarbeit zum Billiglohn in der BRD, Unterlaufen der Tariffront in der BRD durch Niedriglöhne in der DDR usw.

Wenn wir nicht schleunigst sagen, dass die Reihung "schnelle Wiedervereinigung - soziale Marktwirtschaft - alles gut! - der Onkel macht das schon!" nicht aufgeht, die Wirklichkeit komplizierter ist, so kann das unangenehme Folgen für alle Beteiligten haben. (gekürzt)

U. K(...)

aus: freie presse, Nr. 43, 20.02.1990, 28. Jahrgang, Karl-Marx-Stadt