DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Für die Vereinigte Linke antwortet:

Ingo (Harry) K(...), 23, Jahre Student der Pädagogik, Mitglied des Sprecherrates

Erstens: Wir sind für eine soziale Perspektive, die allen Menschen garantiert sein soll und nicht für gut bezahlte Arbeitslose. Eine Wirtschaftsreform muss einhergehen mit einer umfassenden Demokratisierung. Wir plädieren für starke Betriebsräte und Gewerkschaften, die die Interessen der Werktätigen als demokratischen Gegenpol zu den kommerziellen Interessen einbringen müssen.

Zweitens: Wir halten eine staatliche Rahmenplanung für notwendig. Tausende für unseren Bezirk typische Arbeitsplätze im Schiffbau dürfen nicht dem freien Markt überlassen werden. Man muss um einen großen Aderlass bangen. Statt dessen sollten Umstrukturierungen erfolgen, beispielsweise wäre der Stahlbau, Brücken und Großkräne eine Möglichkeit. Selbstverwaltete Betriebe, in denen die Belegschaft sowohl über Produktionsstrategie, Wahl des Direktors als auch über alle sozialen Fragen wie Arbeits- und Gesundheitsschutz, Ökologie, Umschulung bis hin zur flexiblen Arbeitszeit mit entscheidet, sind für die Zukunft vorstellbar. Den z. Z. freigesetzten Akademikern könnten durch wirtschafts- oder rechtsberatende Betriebe eine Möglichkeit eröffnet werden, eine Marktlücke zu schließen und neue Arbeitsplätze zu schaffen. Der Staat müsste dazu Kredite gewähren.

Drittens: Die wirtschaftliche Belebung durch den Tourismus muss sehr abgewogen geschehen. Unsere Landschaftsschutzgebiete brauchen weiterhin allen Schutz, deshalb sind Urlauberzentren vor allem für die Entsorgung genau zu prüfen; dürfen wir nicht zulassen, dass sie vom Tourismus überlaufen werden. Wir vertreten den Standpunkt, wer eine Belastung der Natur hervorruft, muss dafür zur Verantwortung gezogen werden, d. h., er muss für die Beseitigung aufkommen.

Viertens: Die Zukunft gehört den selbstverwalteten Kommunen, die über die materiellen und finanziellen Fonds bestimmen. Eigene Entwicklungskonzepte werden dazu umzusetzen sein. Die Selbstständigkeit der Kommune darf jedoch keine Verselbständigung der Parlamente hervorbringen. Deshalb ist die Mitbestimmung durch Bürgerschaftsräte als ständige Interessenvertretung in den Stadtteilen unumgänglich. Ihre rechte sollten künftig in einer Kommunalverfassung festgeschrieben werden.

Fünftens: Grundsätzlich sind wir für die Gleichberechtigung der Geschlechter, eingeschlossen die der Frau, was z. B. eine Aufwertung der Rolle der Frau auf allen Ebenen der Gesellschaft bedeutet. Wir fordern deshalb auch verbesserte Gesetzeswerke für Mutter und Kind. In der Gesellschaft bedarf es einer viel größeren Sensibilisierung für diese Problematik. Das Elternrecht zu verwirklichen, bedeutet nach unserer Ansicht, dass der die Kinder betreut, der sich dazu berufen fühlt.

Sechstens: Zeit zur Besinnung, um nicht den Sachzwängen hinterher zu rennen. Die "Demokratie der Straße" soll uns nicht verloren gehen. Aber nicht überall kann sie das Alleinbestimmende sein. Unsere beiden deutschen Staaten sollen zusammenwachsen. Bei diesem Prozess wollen wir DDR-eigenes einbringen. Wir wünschen uns mehr Alltagssicherheit, weniger Ängste um das Morgen.

Mit Ingo (Harry) K(...) sprach
unser Redaktionsmitglied Hilde Thormeyer

aus: Ostsee-Zeitung, Nr. 49, 27.02.1990, 39. Jahrgang