DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Offener Brief

an alle, die Linksradikale zu Kriminellen stempeln

In den letzten Wochen veranstalteten Teile unserer Presse im Verein mit verschiedenen politischen Gruppierungen eine wahrhafte Hetzkampagne gegen die "Linksradikalen". Dabei werden verschiedene Taktiken angewandt: Einmal werden Linksradikale mit Faschisten gleichgesetzt, ein andermal wird unterstellt, ihre Bestrebungen gingen dahin, eine totalitäre Diktatur zu errichten, und schließlich werden sie schlichtweg als Terrorbanden beschimpft. Es geht darum, sie als Kriminelle hinzustellen und damit bei breiten Kreisen der Bevölkerung unmöglich zu machen.

Wir sollten zunächst einmal klären, wovon wir reden, wenn wir "Linksradikale" sagen.

Radikal bedeutet "von der Wurzel her", grundsätzlich. "Links" bezeichnet politische Strömungen, die der Ausbeutung menschliche Arbeit und der Herrschaft über Menschen kritisch gegenüberstehen.

Linksradikal sind deshalb jene, die sowohl die Herrschaft des Finanzkapitals als auch die Herrschaft einer totalitären Bürokratie, wie wir sie 40 Jahre lang erlebten, grundsätzlich in Frage stellen. Im Unterschied zur heutigen Sozialdemokratie sind die Linksradikalen nicht der Meinung, dass es ausreiche, die Allmacht der Banken und transnationalen Konzerne durch Gesetze und staatliche Regulierung zu beschränken. Stattdessen streben sie eine unmittelbar selbstbestimmte, auf Räten u. a. Selbstverwaltungsorganen beruhende Gesellschaft an. Das und nichts anderes bedeutet Linksradikalismus.

Zweifellos teilen die meisten Bürger dieses Landes nicht die Ansicht, dass eine Gemeinschaft freier, mündiger Bürger, die in ihren Angelegenheiten selbst das letzte Wort reden und es nicht "denen da oben" überlassen, zu verwirklichen ist. Das ist nach 40 Jahren "kommunistischen" Machtapparates und Ideologiebombardements des modernen Kapitalismus nicht verwunderlich. Aber das berechtigt noch niemanden, die Linksradikalen zu kriminalisieren und an den Rand der Gesellschaft zu drängen.

Ich bekenne mich hiermit öffentlich zu meiner linksradikalen Gesinnung: Was das ist, habe ich oben versucht, deutlich zu machen. Wer wirft den ersten Stein? Unter dem Honecker-Regime durfte ich diese Gedanken nicht öffentlich aussprechen. Wenn ich jetzt die Wahlplattformen einiger sich demokratisch nennender Parteien lese, dann fürchte ich, dass wir bald wieder soweit sind. Diejenigen, die linksradikale Ideen vertreten, sind eine nicht unbedeutende Minderheit in unserem Land. Sie wurden vom alten Regime mindestens genauso brutal verfolgt wie alle anderen Oppositionellen. Sie haben mindestens genauso entschlossen und aufopferungsvoll dafür gekämpft, dass dieses Regime endlich zu Fall kam. Wer hat das Recht, jetzt einen Rufmord zu inszenieren? Und was kommt nach dem Rufmord? Wann wird man sie in Internierungslager sperren, um sie "vor dem Volkszorn zu schützen", sowie Rosa Luxemburg? Ich möchte mich hiermit einer öffentlichen Diskussion stellen, in den Spalten dieser Zeitung - bevor es zu spät ist.

J. B(...), VL

aus: plattFORM Freies Wochenblatt für mündige Bürger, Nr. 6, 13.02.1990, auf der Rostocker "Plattform" stehen: Neues Forum, SPD, DA, Grüne Partei, Demokratie Jetzt und Vereinigte Linke