DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Liebe, nun doch nicht vereinigte Freunde!

Wie etliche Leute habe auch ich Euer Arbeitstreffen schnell, enttäuscht und um eine Hoffnung ärmer verlassen. Zuerst erklärte ich mir das mit einer Gleichung: Im demokratischen Zentralismus entscheidet die Inkompetenz kraft ihrer Funktion, in der Basisdemokratie kraft ihrer Überzahl. Oder, wie es in einem älteren Scherzgedicht heißt: "Und die Mehrzahl der Dummen fasste den Beschluss, / Dass der Klügere immer nachgeben muss." Enttäuschung ist aber kein Argument, sagte ich mir ein paar Tage später, und ich würde mir und Euch gern zu bedenken geben:

WIR MÜSSEN LERNEN, dass die Wahrheit nicht in demokratischer Aussprache in die Welt kommen wird, - ich jedenfalls weiß um keine politische, natur- oder gesellschaftswissenschaftliche Wahrheit, der das nachzurühmen wäre.

WORAUF ES ANKOMMT, ist der Konsens derer, die eine Wahrheit entdeckt haben, und derer, die sie brauchen könnten, dass die Wahrheit nur von vielen befragt, beraten und angenommen imstande ist, sich auch durchzusetzen.

MIT ANDEREN WORTEN: das Studium der Wirklichkeit und der Theorien über die Gesellschaft ist weder wichtiger noch unwichtiger als das konkrete Erleiden, Erleben und Organisieren, und es wäre eine Chance zur Vereinigung und für eine Vereinigte Linke, ein so demokratisches geistig-politisches Leben zu organisieren. Noch gibt es kein Forum, in dem jeder tun kann, was er am besten kann: der Theoretiker theoretisieren, der Praktiker praktizieren und beide "Lager" gemeinsam, was sie nur gemeinsam vermögen. Keiner sollte in die Lage kommen, dass er/sie seine Theorie aristokratisch verteidigen oder er/sie die beschränkte unverzichtbare Erfahrung aufblasen muss; keine dieser Haltungen ist mir links, es sind sehr traditionelle Arroganz und sehr traditionelle Borniertheit.

WIR MÜSSEN UNS ERINNERN, dass der Verzicht auf Organisation, so mies unsere Erfahrungen mit Organisationen auch sein mögen, der Verzicht auf Wirkung, auf Einfluss und auf die Macht des Zusammenschlusses, die Kraft der Schwachen, ist. WORAUF ES ANKOMMT, ist ein Organisationsmodell, dass der Vielfalt der existierenden Strömungen und der nötigen Aktivitäten angemessen ist, mit ihnen lebt und reift und in sinnvoller Regelmäßigkeit auf seine weitere Brauchbarkeit hin überprüft wird.

MIT ANDEREN WORTEN: wenn wir eine Zeitung brauchen, müssen wir ihre Herausgabe organisieren und dürfen die Feinheiten der Organisation erst diskutieren, wenn wir sie in den Händen haben. Wenn wir andere Arbeitsformen brauchen, (Vorbereitungsgruppen für Demonstrationen und Gespräche, Sprechstunden und Kulturveranstaltungen und sogar parlamentarische Vertretungen), und ich glaube, wir brauchen sie, sollten wir analog verfahren. Wir sollten bis ins Detail nachfragen und überprüfen, wenn wir überprüfbares und Fragwürdiges geschaffen haben, wenn es gibt, worüber wir streiten könnten. Ein anderes Verhalten ist mir nicht links, sondern im ältesten Sinn scholastisch: "wieviele Engel haben auf der Spitze einer Nadel Platz, gesetzt es gäbe Engel und sie hätten Gründe, dort Platz zu nehmen?"

WIR MÜSSEN VOR ALLEM REALISTISCH SEIN! Wer sollte unsere sozialistischen Vorstellungen von Basisdemokratie, Selbstverwaltung, Kongressen der Werktätigen usw. verwirklichen, wenn nicht wir? Welches Interesse könnte ein Parlament, könnte der Staatseigentümer der Produktionsmittel, könnte der Gewerkschaftsapparat haben, die eigenen Existenzbedingungen aufzuheben? Wir müssen uns also wohl oder übel der Gefahr stellen, aufgesogen und korrumpiert zu werden, wenn wir in diesen Strukturen für neue Strukturen arbeiten. In den parlamentarischen Vertretungen, in der staatlichen Verantwortung und in den Gewerkschaften müssen wir die Überlegenheit der außerparlamentarischen und basisdemokratischen Arbeit demonstrieren, für ihre gesetzliche Fixierung eintreten. Um die Gefahr, ununterscheidbar zu werden, gering zu halten, brauchen wir Strategien und Arbeitsrichtlinien auf diesen Feldern; wir gerieten jedoch ins Abseits, wir versteinerten jedoch in Sektierertum und Extremismus, würden wir uns dieser Gefahr nicht stellen. An Quellen zu sitzen, sie nicht zu leiten versuchen und nur besser zu wissen, dass sie in Sümpfen enden, scheint mir erst recht nicht links!

Lasst uns ein theoretisch stichhaltiges Programm einer Vereinigten Linken ausarbeiten & lasst es uns in der Arbeit überprüfen!

Lasst uns die Wirksamkeit einer Vereinigten Linken organisieren & lasst die Wirklichkeit über die Zweckmäßigkeit der Organisationsvorstellungen entscheiden!

K.-P. Sch(...)

[ohne Datum]
aus: 1. DDR - weites Arbeitstreffen der Initiative Vereinigte Linke 25./26. November 1989, Konferenz Reader, Herausgeber: Initiative Vereinigte Linke Berlin

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