DDR 1989/90Brandenburger Tor

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22.11.89

Leitgruppe für Erfinderschulen beim Bezirksvorstand Berlin der KDT

Erfinden - hier und jetzt

Politischer Aufbruch fordert technische Vernunft und Kreativität. Sie wachsen, wenn Technikerdenken dialektisch wird und zu unkonventionellen Handlungen führt. Ingenieure sind keine Befehlsempfänger. Realitätsfremde Thesen über Kreativität haben wir genug gehört. Kreativität besteht nicht in der Freiheit, aus dem Vollen zu schöpfen. Sie ist Fähigkeit, Spielräume zu schaffen, wo keine sind, ohne gegen Gesetze zu verstoßen, seien es die Gesetze der Gesellschaft oder die Gesetze der Natur. Soll technisch-ökonomisches Schöpfertum dem gesellschaftlichen Fortschritt dienen, muss es mit dem Begreifen dialektischer Widersprüche bei der Entwicklung technischer Objekte beginnen:

- Sehr gut, aber sehr billig. Sehr leicht, aber sehr sicher. Sehr produktiv, aber sehr ökologisch. Und das alles zusammen.

- Also: Höchste Ansprüche an Erzeugnisse und Verfahren trotz härtester Restriktionen beim Einsatz von Ressourcen.

Widersprüche sind stets verborgen im Verbund der konkreten Anforderungen, Bedingungen, Erwartungen und Restriktionen, im Netz der ABER aus dem Sozialen, dem Ökologischen, dem Ökonomischen und dem Technologischen.

Diese ABER herauszuarbeiten

- fordert Dialog heraus zwischen Leiter und Mitarbeiter, Ingenieur und Ökonom, Hersteller und Anwender;

- inspiriert die Mitarbeiter;

- führt zu anspruchsvollen, ins Schwarze treffenden Erfindungsaufgaben.

Bloß irgend etwas Originelles zu erspinnen ist Flucht in die Selbstbefriedigung. Not heißt Widersprüche fühlen. Widersprüche genau herausarbeiten und lösen - darum geht es. So verstehen wir das Erfinden. Dazu bieten wir an:

- Methode zum Herausarbeiten von Erfindungsaufgaben. Diese beginnt mit der Analyse der ABER beim speziellen Bedürfnis zur Entwicklung zum Beispiel eines Erzeugnisses. Aus ihrem Verbund werden die Widersprüche herausgearbeitet. Die Widersprüche bilden die Kerne der Erfindungsaufgaben. Sie zu bestimmen ist der halbe Weg zur Lösung.

- Verfahren zum Lösen dialektischer Widersprüche in der Technik.

- Vermittlung von Verständnis für Dialektik technischer Entwicklung.

- Know how der Formierung und Praxis interdisziplinärer Arbeitsgruppen.

- Das Arbeitsprinzip der Erfinderschulen zum Problemelösen.

Das Spektrum der Probleme, die für Erfinderschulen geeignet sind, reicht von Hochtechnologie bis klassische Mechanik, von Grundlagenforschung bis Rationalisierung, von Vorlauf bis Stabilisierung der täglichen Produktion.

Unser Angebot haben wir seit Jahren zur Überwindung der Stagnation entwickelt. Die Teilnehmer von Erfinderschulen wünschten stets: Leiter und Funktionäre einbeziehen! Wir freuten uns, wenn Leiter wenigstens Probleme zur Verfügung stellten und ihnen kompetente Mitarbeiter zuordneten. Es scheint sogar Leiter zu geben, die den Erfinderschulen die Ergebnisse neiden. Wenn einer Erfinderschule weder Probleme noch Expertenwissen offenbart werden, ist sogar der Bildungseffekt gefährdet.

Gefährlich ist die Meinung vieler Leiter: "Wir können nichts ans Erfinden denken, wir müssen produzieren." Gefährlich auch die Meinung vieler Ingenieure: "Jetzt muss der Staat Mittel auspacken, damit wir endlich Große Technik machen können!" Beide Haltungen entziehen der täglichen Produktion, was sie braucht: Zehntausende raffiniert einfache Lösungen, die mit wenig Aufwand realisierbar sind. Verdoppelt sich die Zahl raffiniert einfacher Lösungen, so verdoppelt sich der Spielraum, um aufwendige Entwicklung angehen zu können. Erfindungen braucht man für beides. Hier muss sich sozialistischer Unternehmergeist entfalten. Da kann sich kein Betrieb ausschließen. Ob darüber hinaus kleine, flexible Innovationsbetriebe zweckmäßig sind, wie sie K. Thiessen vorschlug (ND 17.11.89), muss geprüft worden.

Mitunter wird neue Technik von Arbeitern nicht angenommen. Schuld der Technik oder des Lohnsystems? Beides kommt vor. Da in Erfinderschulen Technik konzipiert wird, die nicht nur neu, sondern menschenfreundlich ist, können wir mitreden.

Wir halten für nötig:

- das qualifizierte Zusammenwirken von Arbeitern und Ingenieuren voranzubringen, die Stellung des Ingenieure in Betrieb entsprechend seiner gesellschaftlichen Verantwortung aufzuwerten;

- uns mit Ideologien, die Schöpfertum ins Abseits führen, auseinanderzusetzen;

- in die Ausbildungsprogramme der Hoch- und Fachschulen die Methode des Herausarbeitens von Entwicklungs- und Erfindungsaufgaben aufzunehmen;

- den Erfinderschulprinzip als ein Instrument der Kombinats- und Betriebsleitungen zu nutzen;

- die KOT-Betriebssektionen zu beratenden Organen der Betriebsleitungen zu entwickeln.

Vorsicht mit Auslandskrediten. Lassen wir den Ausverkauf unsrer Republik nicht zu! Die Kräfte unsrer Heimat sind enorm, wenn Bildung durch Trainieren schöpferischen Verhaltens veredelt wird. Es geht um die Erneuerung der sozialistischen Gesellschaft. "Es rettet uns kein höh'res Wesen...."

Dr. habil. Rainer T(...) (Leiter der AG)

aus: 1. DDR - weites Arbeitstreffen der Initiative Vereinigte Linke 25./26. November 1989, Konferenz Reader, Herausgeber: Initiative Vereinigte Linke Berlin

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