DDR 1989/90Brandenburger Tor

Impressum


Freie, geheime und gleiche Annexion

Von B(...) T(...), Vereinigte Linke, Dresden

Endlich sind die erlösenden Worte gesprochen, das Evangelium in der Wirrnis lautet: Brüder und Schwestern, beendet das landesweite Kleisterrühren und klebt keine falschen Plakate mehr. Legt nicht unnütz Kohlen unter den Wahlkampfkessel. Wir haben bereits für euch entschieden, gezeichnet: Die Bundesregierung des freiheitlich, demokratischen Rechtsstaates.

Die Botschaft hör ich wohl, mir fehlt der Glaube nicht dass sie ernst gemeint ist. Warum sonst hätte seine graue Eminenz, Herr Teltschik, die Lüge verlautbaren lassen sollen, die DDR sei zahlungsunfähig? Zwar kamen prompt Dementis von allen Seiten, aber manchmal genügen Falschmeldungen, um den "Flüchtlings"strom dann anschwellen zu lassen, wenn seine Tendenz fallend ist. Ein Schalk, wer nur dem Golodkowski dunkle Absichten zutraut. Viel logischer erscheint die Schlussfolgerung, dass ein Staat ohne eigene Finanzen fremdes Geld braucht. Wie wäre es denn mit der beinharten Westmark, sofort und flächendeckend, anstatt der Mark der DDR? Herr Pöhl Präsident der Bundesbank, schlug ob dieser Theorie die Hände über dem Kopf zusammen. Wie erstaunt waren die Fachleute, ihn nur wenige Stunden später Beifall klatschen zu hören. Weiß der Mann manchmal nicht, was er tut, oder war er zum Schnellkurs im Adenauerhaus?

Zum Glück gibt es in Ostberlin den Zentralen Runden Tisch. Die "Neuen" hörten den Taktstock aus Bonn pfeifen und fügten ihr Rezitativ ein: Die Regierung Modrow bekam kein Mandat für Verhandlungen, deren Ergebnisse dem nächsten Kabinett die Hände binden würden. Das war Unterstützung des Premiers im richtigen Moment und staatsmännischer Weitblick. Regelrecht dummnaiv guckt dagegen der wahre Grund des Erpressungsversuches mit der Mark aus seiner wortreichen Verkleidung. Den Wahlsieger, wahrscheinlich die SPD, und die künftige Regierung hätte eine vorher beschlossene Währungsunion bereits vor der Stimmabgabe entmachtet. Was gäbe es noch in Berlin zu entscheiden, wenn in Frankfurt festgelegt wird, wie viel Geld zu welchen Konditionen hier unter den Leuten ist? Jedes wäre weniger wert gewesen als der Pausentee während der Beratung der Experten. Damit wird klammheimlich ein Vorurteil der Linken bestätigt: Durch Wahlen ändert sich nichts, was sich nicht vorher geändert hat.

Kann der Wahlkampf nun also weitergehen, als wäre nichts gewesen, oder ist ein anderer Stil geboten? Das gesamtdeutsche Politkauderwelsch feiert Triumphe, halsbrecherische Versprechungen triefen von den Litfaßsäulen, je kürzer gedacht wird, umso griffiger sind die Slogans. Obwohl jahrzehntelang vorgestanzte Losungen den Menschen in der DDR das Nachplappern suggerierten, ist bei vielen das Misstrauen gegenüber Patentlösungen nicht verschwunden. Wenn jetzt die Rufer im Chor jedem Rucki-zucki gläubig vertrauen, beweisen sie nur ihre Angst vor dem Nachdenken.

Wen wundert es, dass die NDPD und die DBD keinen Platz in der überfüllten "Mitte" fanden. Ihre Ausladung heißt sinngemäß, wer noch fragt, will schlauer werden als die Mittelmäßigkeit. Damit wird die Tendenz beschrieben, dass sich jede politische Auseinandersetzung immer deutlicher auf ein einziges Problem reduziert: Annexion oder Selbstbestimmung (wenigstens ein Rest . . .). Unsere Gesellschaft wird sich bis zum 18. März noch deutlicher in zwei Lager spalten. Da helfen schon die Herren Kohl, Rühe oder Huber nach.

aus: Neues Deutschland, 45. Jahrgang, Ausgabe 43, 20.02.1990. Die Redaktion wurde 1956 und 1986 mit dem Karl-Marx-Orden und 1971 mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold ausgezeichnet.