DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Briefe an die VL

Liebe Else!

Wir in der Bundesrepublik sind ja alle sehr froh, dass es nun eine schnelle Wiedervereinigung mit Euch geben soll.

Es wäre auch wirklich schade, wenn Eure gesicherten Stasi-Akten einfach so verstauben sollten, wo sie doch unser Bundesnachrichtendienst gleich weiter benutzen könnte!

Außerdem wird es auch Zeit, dass das kindliche Demokratiespiele in der DDR wieder aufhört, sonst kommt noch einer auf die Idee und will in Bonn auch einen "Runden Tisch". Unser Kanzler hat doch extra gesagt, dass er sich von der Straße nicht hineinregieren lässt.

Sonst hätte ja nicht mal Blüm seine Gesundheitsreform durchgebracht! Zum Schluss wollen gar welche, dass die Reichen immer ärmer und die Armen noch reicher werden?

Gottlob habt Ihr ja in der DDR bald die Möglichkeit, Euch in freien Wahlen für die gleichen Parteien zu entscheiden, die es bei uns schon lange gibt. Nur dass Ihr noch diese Linken dabei habt und dafür vorläufig auf zugkräftige Republikaner-Landesverbände verzichten müsst.

Macht Euch nur weiter keine Gedanken, dann ist es bei Euch bald genauso demokratisch wie bei uns.

Dann gute Nacht
Deine Elli

P.S. Ich verstehe gar nicht, dass es hüben wie drüben immer noch Unverbesserliche gibt, die gegen eine schnelle Wiedervereinigung sind.

Sollte man da nicht etwas tun?


Mein lieber Kali!

Stell Dir vor, gestern habe ich ganz noblen Besuch bekommen. Hält doch so ein schicker silbergrauer Schlitten und ein gutaussehender, seriöser Herr klingelt bei mir. Sogar eine Visitenkarte hat er gehabt. Na und er fragte ganz höflich, ob er mich mal sprechen könnte. Nachdem er sich interessiert in der Wohnung umgesehen hatte, rückte er dann mit der Sprache heraus.

Ein schönes Haus, sagte er, nur schade, dass es so heruntergekommen sein und als er damals noch in diesem, seinem Haus gewohnt hätte, wäre alles noch intakt gewesen.

Da wurde ich natürlich hellhörig.

Er plauderte weiter, er würde es schon wieder in Schuss bringen. Nun hätte es ja wieder Sinn, Geld in den alten Besitz zu stecken, wo man auch im Osten mit Wohnungen bald was verdienen kann.

Und jetzt kommt das Tollste. Er meinte, ich dürfe sogar in seinem haus wohnen bleiben, wenn ich die neue Miete bezahlen kann. Und wenn nicht, dann würde er gern eine billigere Wohnung vermitteln, er hätte da noch ein paar Häuser.

Die andere Wohnung wäre zwar kleiner, aber dafür scheint im Sommer auch nicht so die Sonne rauf, mittags und so, steht nämlich noch das Vorderhaus davor. Aber es wäre schön ruhig dort, wenn er erst die Türken rausgesetzt hätte.

Na, Karl, was sagst Du nun? Meine Zukunft ist gesichert, wohnungsmäßig.

Nun will ich am Ende bloß noch schnell von Meyers erzählen, die gerade mit dem Einfamilienhaus fertig geworden sind, allerdings auf einem Westgrundstück. Die hatten auch Besuch. Der war schon mit dem Architekten da, will wohl einen Supermarkt dort bauen. Da muss die Datsche natürlich wieder weg.

Schadet Meyers aber gar nicht, wollten schon immer was besseres sein.

Na, soviel für heute
Dein Timmi


Hallo Karlchen!

Wie geht es Dir so? Entschuldige, dass ich so lange nichts habe von mir hören lassen, aber schließlich hatte ich vor Deinem Brief aus der letzten Woche auch ziemlich lange nichts von Dir gehört.

Du schreibst, Euer Betrieb hätte jetzt endlich Kontakt zu einer Westfirma und dass die ganz schön aufräumen bei Euch. Dann kriegt Ihr Euer Gehalt wohl bald in DM, was? Obwohl, wenn ich überlege, dass sie ja auch Deine Abteilung aufzulösen gedenken ... Ich meine, was machst Du, wenn auch Du wegrationalisiert wirst? Ich weiß, die Uni hast Du mit Auszeichnung gemacht, aber wenn sie das Know-How gleich mitbringen, dann brauchen sie eben keine Entwicklungsabteilung mehr. Und das sieht in den meisten Betrieben ähnlich aus.

Natürlich kannst Du wieder als Werkzeugmacher arbeiten, so wie vor Deinem Studium. Schließlich brauchen sie ja jemanden, der die Maschinen bedient. Aber da machen Dir wohl die Facharbeiter Konkurrenz, was? Die verlangen ja nicht so viel Lohn wie Du.

Weißt Du, ich erinnere mich noch an alle Deine tollen Ideen, die dann immer wieder im Papierkorb Deines Abteilungsleiters gelandet sind, Du hattest gesagt, er sei neidisch auf Deinen Erfolg. Und jetzt? Wie lange, meinst Du, brauchen die überhaupt noch Deine Ideen, wenn alles gleich fix und fertig geliefert wird? Vielleicht solltest Du rüberziehen in die Stadt der Firmenleitung. Euer Betrieb ist doch bloß noch ein Ableger, oder? Wenn Du wirklich in deinem Beruf weiterkommen willst, dann nicht hier, glaube ich.

Na ja, vielleicht kommt es ja auch nicht so schlimm, und ich meine, wenn Du ein bisschen zurücksteckst, dann verdienst Du ja auch so Dein Geld.

Eins ist beruhigend für mich: Mein Job in der Brauerei werde ich so schnell nicht los, denn trinken wollen die Leute immer. Obwohl, wenn ich daran denke, dass es da eine Brauerei gibt in Westdeutschland, die das Bier vielleicht billiger herstellt ... Man müsste bei uns mal rekonstruieren, aber verkaufen geht ja viel einfacher. Das sollte man mal durchrechnen.

aus: Märkische Volksstimme, Nr. 55, 06.03.1990, 45. Jahrgang, Unabhängige Tageszeitung im Bezirk Potsdam, Herausgeber: Verlag Märkische Volksstimme

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