DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Welche Chance hat eine sozialistische Wirtschaftsreform in der DDR?

Unser Ausgangspunkt ist die Frage, ob und wie heute eine radikale Umwälzung der in der DDR herrschenden Verhältnisse auf einen Sozialismus der Demokratie und Freiheit hin möglich wird. Angesichts dieser Verhältnisse wird der dazu nötige Prozess zweifellos ein revolutionärer sein müssen, will man sich nicht von wesentlichen sozialen Zielen und Inhalten eines sozialistischen Gemeinwesens verabschieden. Damit wäre die heute bevorzugte und von mir übernommene Begrifflichkeit der "Reform" geeignet, den alten Zustand zu beschönigen oder die vor uns stehende Herausforderung zu verharmlosen. Wenn er von mir im Zusammenhang mit Fragen einer sozialistischen Ökonomie trotzdem benutzt wird, so nur in Zusammenhängen, wo konkrete Antworten in Bezug auf den Wirtschaftsmechanismus beim Übergang zu Formen solchen Wirtschaftens versucht werden sollen. Hier ist er insofern angebracht, als Radikalität in der Umwälzung aller die Menschen heute bei uns knechtenden und entmündigenden Verhältnisse mit dem Realismus eines die wirklichen Widersprüche erkennenden und anerkennenden Anpassungsübergangs hin zu Keimformen sozialistischen Wirtschaftens verbunden werden muss, der allen Gesellschaftsmitgliedern eine wirkliche Perspektive bietet. Dies wird im Falle des Wirtschaftsmechanismus auf gesellschaftlich gut abgestützte und sozial verträgliche Übergangsstrategien und in der wirtschaftlichen Praxis auf einen möglichst erschütterungs- und reibungsarmen Umbau hinauslaufen. Die Werktätigen dürfen nicht zum unfreiwilligen Opfer des Kampfes gegen die Polit- und Wirtschaftsbürokratie werden und sich neuerlich verraten sehen. Die einzige Garantie ist und bleibt die Selbsttätigkeit der werktätigen Massen, ihre Selbstorganisation und selbstbewusste Interessenvertretung. Im Übergang von Fremdbestimmung zur Mit- und schließlich Selbstbestimmung vollzieht sich ein revolutionärer Prozess, der seinen ökonomischen Ausdruck in der Herstellung realer Verfügungsgewalt sozialistischer Produzentenassoziationen und seinen sozialen Ausdruck in der realen Vergesellschaftung des produzierten Reichtum (Aneignung als Vergesellschaftung) suchen und finden wird. Doch wird dies von einem spannungsreichen Prozess der ständigen evolutionären wirtschaftsregulatorischen Anpassung begleitet sein müssen.

Abenteurertum wirkt nicht einfach nur kontraproduktiv, sondern destabilisiert den sozialen Organismus und bürdet die Lasten wieder den Werktätigen auf. Er gefährdet die sozialistische Perspektive genauso, wie ein prinzipienloser Ausverkauf an den Kapitalismus. Andererseits werden inkonsequente Reparaturen nur den Rückfall in die Agonie bewirken. Die Lösung liegt in der Verbindung einer revolutionären langfristigen Strategie insbesondere des wirtschaftlichen Umbaus und eines durchdachten Konzepts schrittweiser Anpassung des Wirtschaftsmechanismus. Bei Berücksichtigung des durch politbürokratisches Kommandoregime verursachten ruinösen Zustands der Wirtschaft und der durch die herrschende Sozialismusdemagogie zutiefst enttäuschten Bevölkerung ist heute wieder offen, wann und wie schnell Sozialismus endlich (und diesmal real) tragfähiger gesellschaftlicher Konsens wird. Es entscheidet sich heute das Schicksal dieser Perspektive vielleicht auf Jahrzehnte und nicht nur für unser Land.

Die Prämissen einer sozialistischen Wirtschaftsreform

1. Ebenso wie die außerökonomische Knechtung und diktatorische Verfügbarmachung des Arbeitsvermögens Einzelner oder sozialer Klassen oder Gruppen durch andere solche ist die sich reproduzierende ökonomische Ausbeutung durch soziale Klassen oder Gruppen (ökonomisch erzwungene Aneignung fremden Arbeitsvermögens) auszuschließen.

2. Ebenso wie die Verwirklichung von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und politische Selbstbestimmung des werktätigen Volkes ist die Selbstverwaltung der assoziierten Produzenten zu verwirklichen.

3. Ebenso wie die materielle Durchsetzung des Leistungsprinzips und die Stimulierung der Wirtschaftseinheiten nach Kriterien des effizienten wirtschaftlichen Handelns sind die gesellschaftlichen Kriterien sozialer Sicherheit und Gerechtigkeit für alle sowie ökologischer Verträglichkeit durchzusetzen.

Zwei Thesen zur Frage einer "sozialistischen Marktwirtschaft"

THESE 1: Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Planwirtschaft!

Es wird heute kaum noch bestritten dass sich das überkommene System der bürokratischen Kommandowirtschaft durch Konzeptlosigkeit und als "Planung" getarnter Voluntarismus charakterisieren lässt. Dies ist eine besonders schädliche Form von Planlosigkeit, da in Verbindung mit diesem auf riesige Apparate gestützten Kommandosystem schnell ebenso durchgreifende, wie irrationale Eingriffe in den Wirtschaftsorganismus möglich sind. Hier wird der Eindruck von "Planung" dadurch vorgegaukelt, dass die Folgen systemimmanent verschleiert und von demagogischer Erfolgspropaganda begleitet waren. Die beabsichtigte Planung (verstanden als direkt oder indirekt vermittelte zentrale perspektivische Wirtschaftsregulation, die systematisch und begründet ökonomische Notwendigkeiten, Relationen und Zielprojektionen berücksichtigt) war systembedingt und objektiv unmöglich, weil die Zentrale unfähig blieb, die auch nur minimal notwendigen ökonomischen Daten und gesellschaftlichen Informationen für solche Planung zu erhalten. Das Wirtschafts- und insbesondere Preissystem macht es der Volkswirtschaft bis hinunter zu den Betrieben unmöglich, die wahren Kosten zu ermitteln, die Gebrauchswertakzeptanz zu wessen und die Produktivität zu vergleichen. Obwohl Wert- und Preisregulative wirken sollen, werden letztendlich über einen aufgeblähten Apparat und über Gesetzblätter die Produktion und ihre Faktoren reglementiert. Die Kommandowirtschaft produziert so selbst und systemimmanent Planlosigkeit, ignoriert ökonomische Gesetze, verachtet die ökonomische Theorie und schafft statt dessen eine Heerschar von mehr oder weniger privilegierten Legitimations"wissenschaftlern" und beamteten Transmissionshelfern, die dieses System der ökonomischen Irrationalität und organisierten Verantwortungslosigkeit durchsetzen oder rechtfertigen helfen. Es muss zwangsläufig Disproportionalitat erzeugen und die Durchsetzung des Leistungsprinzips verhindern. Es ist systemimmanent innovationsfeindlich. Hinsichtlich des Inhalts von Volkswirtschaftsplanung ist es objektiv kontraproduktiv. Folgerichtig ist es in seiner Leistungsfähigkeit den spontanen Regulatoren einer (kapitalistischen) Marktwirtschaft, wo Produktion und Austausch mittels Geld und Preisen mehr oder weniger "spontan" geregelt werden, absolut unterlegen. in diesen Zusammenhang bleibt aber festzuhalten, dass hier zwar der Gegensatz von politbürokratischer Befehlswirtschaft und (kapitalistischer) Marktwirtschaft entwickelt wurde, nicht aber der von Plan- und Marktwirtschaft! Die Apologeten der kapitalistischen Marktwirtschaft sind sich mit denen der Befehlswirtschaft darin einig, dass letzteres System ein planwirtschaftliches sei und kolportieren hier ein grundlegendes Missverständnis vom Inhalt sozialistischer Planung! In der DDR ist dieses befehlswirtschaftliche System gerade dadurch, dass es nicht in reiner Form wirksam war, aber nichtsdestoweniger diesen Charakter hatte, bis zur Grenze seiner Leistungsfähigkeit ausgereizt worden. Ökonomische, Katastrophen wie die in Polen konnten so verhindert werden.

THESE 2: Eine Planwirtschaft der sozialistischen Übergangsgesellschaft erfordert die Integration von Regulativen des Marktes umgekehrt proportional zur Reife der tatsächlichen sozialistischen Vergesellschaftung.

Zweifellos erzeugt die kapitalistische Marktwirtschaft auch und gerade in Gestalt des monopolistischen Kapitalismus nach wie vor eine Scheidung von Armut und Reichtum, reproduziert das grundlegende Produktionsverhältnis des Kapitalismus und insbesondere die sozial besonders für die Lohnarbeiter oft katastrophalen sozialen Effekte. Der kapitalistische Markt bewirkt unreguliert nicht selten irrationale Auswüchse in Produktion und Konsum, enorme Verschwendung von gesellschaftlichem Arbeitsvermögen und Gütern sowie eine ökologische Verwahrlosung, die nur noch von der in real"sozialistischen" Ländern angerichteten übertroffen wird.

Andererseits wurde schon darauf verwiesen, dass eine kapitalistische Marktwirtschaft in Überlegenheit zur Kommandowirtschaft (nicht zur Planwirtschaft!) das Wertgesetz und damit das Leistungsprinzip, Innovation und Proportionalität - allerdings über verschleißreiche immanente Krisenzyklen - tendenziell durchzusetzen imstande ist. Sie verfügt mit ihrem Preissystem und der Logik der Kapitalflüsse über Instrumentarien, welche Informationen für die Richtung bewusster wirtschaftsregulierender Interventionen liefern und etwa mit den Banken und Kreditgesellschaften über Institutionen, die diese spezifisch kapitalistische "Planung" unter privatwirtschaftlichen Voraussetzungen realisieren helfen können. Die Legende einer "reinen" kapitalistischen Marktwirtschaft ist ein Mythos. Im Westen wird nicht nur auf betrieblicher, sondern schon lange sogar supranational vergleichsweise besser geplant, als im Osten - allein schon deshalb, weil hier Informationen über Produktion, Kosten und Bedarfsentwicklung verfügbar und nach Kriterien des Profits und der Marktbeherrschung (also systemimmanent kapitalistisch) angewandt werden. Die innovatorischen Potenzen sind hier größer, als in befehlswirtschaftlichen Systemen, wobei letztere sich ihre fehlenden Orientierungen von den Strategien marktwirtschaftlicher Braintrusts borgen (Mikroelektronik).

Was ist daraus für das Verhältnis von gesellschaftlicher Planung und Marktregulation in einer sozialistischen Ökonomie zu schlussfolgern?

Neben der verantwortungsbewussten gesamtgesellschaftlichen Planung infrastruktureller Bereiche (Verkehrs- und Teile des Transportwesens, Informations- und Kommunikationssysteme, Energiesysteme ect.) und der zentralen Verwaltung oder Verteilung bestimmter (etwa knapper) strategischer Ressourcen können (und müssen gerade gegenwärtig) marktgeregelte Bereiche (insbesondere Massengüter) zum Funktionieren gebracht werden, damit Proportionalität, bedarfsgerechte Produktion und Verteilung durchsetzbar werden. Solche Märkte liefern dann umgekehrt endlich zuverlässige Informationen als Grundlage für Ansätze zentraler Strukturprogramme bei Investitionen, für die Bemessung staatlicher Mittel bei Forschungsprojekten, für den Umfang und die Grenzen regulierender staatlicher Eingriffe in Form von Subventionen oder Stützungen. Die entscheidende Frage ist nicht "Markt- oder Planwirtschaft", sondern die Art der gesellschaftlichen Synthesis von Planung und ihr Verhältnis zu marktgeregelten Bereichen. In einer früher veröffentlichten Arbeit zu diesem Thema hieß es, "dass die Problematisierung offenkundig vorhandener Vergesellschaftungsdefizite auf der 'Plan-Markt'-Ebene genauso verfehlt waren, wie vereinseitigende 'Zentralisierungs/Dezentralisierungs'-Debatten oder 'Wert-Gebrauchswert'-Diskussionen: Die Verwendung von Wertkategorien als solcher sagt noch nichts hinlängliches über die Natur und den Stand der Vergesellschaftung ... aus; ebensowenig, wie allen die Existenz des Plans als gesellschaftliches Strukturprinzip die spezifische Form der Vergesellschaftung nachkapitalistischer Formationen charakterisiert. Tatsächlich geht es um das Verhältnis und die Voraussetzungen der Anwendung von materieller Rationalität (Bedürfnisse, Gebrauchswerte, gesellschaftliche und individuelle Prioritäten) und formaler Rationalität (Arbeitsökonomie und die Ökonomie begrenzter Ressourcen über deren Bewertung). Die "gebrauchswertunabhängige" Bewertung gesellschaftlicher Teilarbeiten über den Vergleich der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeiten ... (behält als solche) solange ihren Sinn, wie Kommensurierung (Vergleiche unabhängig voneinander betriebene Teilarbeiten) und Allokation ('optimale' Verteilung der gesellschaftlichen Arbeitsvermögens und knapper Ressourcen) nötig sein werden. Ihre konkrete Form erscheint als gesellschaftliches Verhältnis, welches auch den mehr oder weniger konstitutiven Inhalt der Wertkategorien selbst bestimmt. So ist die absolute Dominanz formalökonomischer Rationalität kapitalistischer Ökonomien vergegenständlicht im Profit als Motor der Wirtschaft und im Kapital als das dieser Zielfunktion zugrundeliegende Verhältnis. Hier fällt Kommensurierung der Teilarbeiten (als Privatarbeiten) über den Tausch und gesellschaftliche Synthesis (reguliert über das die Lohnarbeit kommandierende Kapital) zusammen. Die bekannten materiell-ökonomischen Irrationalitäten (bei hoher formalökonomischer Rationalität) sind die Folge." (Thomas Klein, Ist die DDR reif für eine Reform ihres gesellschaftlichen Systems? Kontext Juli 1989)

Zur Frage der Anwendung formalökonomischer Instrumentarien in den Wirtschaftsstrukturen unmittelbarer Vergesellschaftung (also vermöge kooperativem oder interessenbedingt konfrantativem Interessenausgleichs der Gesellschaftsmitglieder) hieß es: "...solange unterschiedliche Entscheidungsspielräume verschiedener Produzentenkollektive einer selbstverwalteten gemeinwirtschaftlichen organisierten Ökonomie mit unterschiedlichen Interessen sowie verschiedene Bedürfnisse gesellschaftlicher Konsumentengruppen existieren, ist formalökonomische Rationalität als Bindeglied zwischen wirtschaftlichen Entscheidungsträgern in allokativen Prozessen ebenso notwendig, wie die freie gesellschaftliche Auseinandersetzung über Ziel und Inhalt der materiellen Produktion des gesellschaftlichen Lebens. In dem Maße, wie Schritte in Richtung unmittelbarer Vergesellschaftung erfolgen, verlieren die Kategorien formalökonomischer Rationalität den ihren jetzt noch anhaftenden Charakter von Anleihen des realsozialistischen bürokratischen Wirtschaftsapparats bei den Techniken der kapitalistischen Weltwirtschaft, um produktive Motivierung ohne Demokratisierung, Effektivfierung ohne Selbstverwaltung, innovative Antriebe ohne freie gesellschaftliche Selbstorganisation 'einzukaufen'." (ebenda) Dies führt nun unmittelbar zu Fragen der Eigentumsverhältnisse (Formen gesellschaftlichen Eigentums und Grenzen des Privateigentums in Ökonomien des Übergangs zum Sozialismus).

Zur Frage des Eigentums in den sozialistischen Übergangsgesellschaften

Dem (in der Absolutheit der Verfügungsrechte gesetzlich durchaus eingeschränkten) kapitalistischen Privateigentum entspricht dessen Reproduktion auch seines juristischen Titels auf ökonomischer und rechtlicher Grundlage.

Dem realsozialistischem "Volkseigentum" entsprach bis jetzt die sich über Gesetze hinwegsetzende willkürliche Verfügungsgewalt von Gruppen politbürokratischer Alleinherrscher, deren Rechtstitel an dieser Option sich zwar nicht personell reproduziert und die ihre Privilegien nicht aus der direkten Kopplung mit dem erfolgreichen Wirtschaften der Unternehmen speisen, sich aber dafür jeder gesellschaftlicher Kontrolle zu entziehen vermochten. Dies reproduziert ein System gesellschaftlicher Verantwortungslosigkeit, dessen politischer Ausdruck, der Polizeistaat, auch das Volk, also den nominellen "Eigentümer" der Produktionsmittel, zum Eigentum dieser Alleinherrscher degradierte.

Wenn jetzt Funktionäre des (bisher) parteikonformen Staats oder die Generäle in den Kombinatsetagen befreit aufatmen, droht eine Allianz technokratischer Reformer aus den Reihen der Wirtschaftsbürokratie (die nach Freiheit von der Partei rufen) mit der qualifizierten Managerschicht (die nach mehr Markt rufen). Die neue Demagogie einer "sozialistischen Marktwirtschaft" enthält die Gefahr eines Tors hin zum Kapitalismus, wobei sich in Polen die neuen Emporkömmlinge bereits mit Hilfestellung der Staatsfunktionäre ganz gesetzlich Nationalvermögen privat anzueignen beginnen.

Wenn selbstverwaltete Wirtschaftseinheiten zum wirklichen Eigentum der Werktätigen werden sollen und letztere nicht umgekehrt als Verkäufer ihrer einzigen Ware Arbeitskraft zu neuen Lohnabhängigen, so erfordert dies die Selbstorganisation der Werktätigen über die Wiederherstellung ihrer gewerkschaftlichen Rechte hinaus. Den Arbeiterräten verantwortliche Betriebsleitungen und die zu erwerbende Fähigkeit verantwortungsbewussten Wirtschaftens sind nicht umsonst zu haben. Kriterien und Grenzen des Verfügungsrechts selbstverwalteter Betriebe sind an zu bestimmenden gesellschaftlichen Interessen auszurichten, gesetzlich zu regeln und in diesem Rahmen die Unabhängigkeit der Wirtschaftstätigkeit assoziierter Eigentümer zu garantieren. Im Kampf um diese Alternative wird sich auch ein gänzlich neuer Interessenkonflikt zwischen den Rechten jedes Werktätigen als Produzent (gewerkschaftliche Interessenvertretung gegenüber dem Betrieb) und seiner Eigenschaft als Eigentümer des Betriebs (personell repräsentiert durch von ihm gewählte Arbeiterräte im Betriebsrat) entfalten.

Zur Frage des Politischen Systems eines Selbstverwaltungssozialismus

Die Frage, in welchem Tempo unabhängige Kommissionen der Werktätigen (mit Unterstützung der bestehenden Gewerkschaften oder ohne sie) gebildet werden, ihre Delegierten zu einem landesweiten Kongress zusammentreten und weitreichende Beschlüsse zu Fragen der Mitbestimmung und der politischen Demokratie fassen, entscheidet gegenwärtig die Frage des künftigen politischen System. Hier entscheidet sich, ob die DDR auf ein System des parteienzentrierten Parlamentarismus mit "freien Wahlen" zutreiben wird, in dem die anerkannten Parteien mit ihren Aktionsprogrammen unterstellen, am besten die Interessen des Volkes widerzuspiegeln, oder die Werktätigen selbst diese Interessen formulieren und die Parteien sich mit ihren Aktionsprogrammen an ihnen zu orientieren haben. Hier entscheidet sich auch, ob die "Demokratisierung" am Werktor haltmacht. Augenscheinlich ist die Frage der Bildung von Räten in Betrieben und Territorien und ihr Funktionieren nach den Prinzipien der direkten Demokratie nicht nur eine Alternative zum parlamentarischen System, sondern würde in der beschriebenen Form auch die Rolle parallel existierender politischer Parteien in einem solchen System grundsätzlich ändern.

Zur Frage der Reformen und der Mechanismen des Übergangs

Preise und sozialer Grundbedarf

Das herrschende Preissystem ist das Ergebnis von Verwaltungsakten ohne Beachtung von Knappheitsrelationen mit zeitproportianal ansteigenden Abweichungen von den "Realpreisen". Sie lassen weder die Ermittlung der wirklichen betriebswirtschaftlichen Kosten zu, noch funktioniert der Gewinnindikator als Regulativ. Gäbe man sie und die Löhne sofort frei, so ist beim gegenwärtig erreichten Grad der Deregulation eine soziale Katastrophe vorprogrammiert - allein durch Entfaltung der zurückgestauten Inflation. Unter Wettbewerbsbedingungen müssten viele Betriebe schließen und Waren vom Markt verschwinden. Erneut hätte eine Zentrale dirigistisch einzugreifen.

Die Zentrale muss im Übergang (Preisreform und Einführung von Marktmechanismen) mit Restriktionen und gesetzgeberischen Akten den sozialen Grundbedarf an Gütern und Leistungen außerhalb marktregulierender Instrumentarien absichern und diese nicht dem wirtschaftlichen Gleichgewicht folgenden Bereiche zu einem Teil wieder diesem Gleichgewicht zuführen (z. B. Abbau von Subventionen zugunsten der Erhöhung der Einkommen). Angesichts der Wirtschaftskraft der DDR und des unter den bisherigen Bedingungen immerhin erreichten Lebensstandards ist dies (im Gegensatz zu anderen Ländern) leistbar.

Insbesondere kann man hoffen, dass mit einer stärker als die Einkommen steigenden Produktivität eine Inflation gebremst werden kann. Die Vollbeschäftigung ist ebenso (notfalls über Verausgabung gesellschaftlicher Fonds zur Umschulung im Rahmen des Strukturprogramms oder der Beschäftigung in nicht gewinnorientierten Unternehmen für die Sicherung des sozialen Standards) unter allen Umständen zu gewährleisten.

Für die Produkte des gehobenen Konsumgüterbereichs müssen unbedingt Marktregulative in Anwendung kommen.

Es ist klar, dass eine prosperierende Wirtschaft nicht nur immer leichter den Grundbedarf ohne Markt sichern kann, sondern sogar immer mehr Güter und Leistungen diesem Grundbedarf zuzurechnen imstande ist.

Zur Frage der Fonds und der Innovationen

Die Richtung von nötigen Veränderungen im Wirtschaftsmechanismus soll hier durch die kritische Analyse der herrschenden Verhältnisse angedeutet werden

Neben der dem verzerrten Preissystem geschuldeten ineffizienten Allokation der Produktionsfaktoren gab es einerseits weiche Budgetrestriktionen der Unternehmen (infolge deren branchenabhängigen ungesteuerten Zugangs zu Finanzierungsmitteln) und andererseits harte Budgetrestriktionen der privaten Haushalte (infolge der zentralen Lohnfondsfestsetzungen). Deshalb war die Nachfrage nach Inputgütern und Leistungen der Betriebe preisunelastischer, als ökonomisch verantwortbar und andererseits die Konsumgüternachfrage äußerst preiselastisch.

Die Folgen sind klar: Die Wirtschaftsstruktur wird durch Expansion der Investgüterindustrie nebst Gigantomanie und Verschwendung auf Kosten des Konsumgütersektors verzerrt, die künstliche Verbilligung der Produktionsfaktoren und ihre gleichzeitige Knappheit führt zur verschleierten Hortung (in Verbindung mit der Zurückhaltung von Reserven, um Planpolster zu schinden), womit neben dem Entzug aus dem produktiven Zyklus die Knappheit weiter zunimmt. Da sich selbst reproduzierende Knappheit alle Bereiche durchdringt, wird mit Sicherheit jedes knappe Gut abgesetzt, ohne dass ein Innovationsdruck auf dessen Produktion wirkt. Die monopolistischen Unternehmensstrukturen verhindern dies zusätzlich. Andererseits wird die Produktion unverkäuflicher Güter kaum bestraft, wem sie planmäßig erfolgt.

Dies sind die Effekte einer sich selbst und systemimmanent reproduzierenden innovationsträgen Unterversorgungswirtschaft. Sie stimuliert insbesondere eine dauernde Verschwendung des Faktors Arbeit und seine Disproportion (versteckte Arbeitslosigkeit im schwerindustriellen Bereich, wo der Faktor Arbeitskraft gehortet werden kann; Arbeitskräftemangel im niedrigbezahlten Konsumgüterproduktions- und Dienstleistungsbereich sowie der Landwirtschaft). Generell ist trotz hoher staatlicher Forschungs- und Ausbildungsausgaben der Anteil nicht praxisorientierter Forschung im bequemen Dickicht sich selbst genügender Wirtschaftsbürokratie überproportional hoch. Unternehmensforschung ist kaum stimuliert, da für die Unternehmen nicht lebenswichtig (s. o.) und die Ergebnisse kaum verkäuflich.

Es folgt: Der Innovationsdruck muss durch Reorganisation der Bilanzpositionspraxis, durch Entflechtung und Durchsetzung eines funktionierenden Binnenmarkts und mit Verstärkung der internationalen Zusammenarbeit sozialistischer Betriebe auch mit westlichen Unternehmen auf und für in- und ausländischen Märkte(n) (mit allen währungspolitischen Konsequenzen, aber auch bei Anwendung von Schutzmechanismen für die sozialistischen Eigentums- und Produktionsverhältnisse und Schutzzöllen) erzeugt werden. Kreditnahme und joint ventures bedeuten nicht das Todesurteil über den Sozialismus, wohl aber wird sich ein sattsam bekannter "real existierende Sozialismus" garantiert ausverkaufen, wenn er sich nicht zum Sozialismus "wenden" lässt.

Thomas Klein, 23.11.89

aus 1. DDR - weites Arbeitstreffen der Initiative Vereinigte Linke 25./26. November 1989, Konferenz Reader, Herausgeber: Initiative Vereinigte Linke Berlin

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