DDR 1989/90Brandenburger Tor

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"Vereinigte Linke" im Diskurs mit Linken

Sprecherrat aus Rostock: "Wir lassen uns zur Wahl aufstellen, damit links überhaupt etwas steht" / 15 Aktive kämpfen für Basisdemokratie

Mit Thesenpapieren, der neuen "Plattform" und Karikaturen unterm Arm waren sie angereist: H(...) K(...) und C(...) K(...) vom Sprecherrat der "Vereinigten Linken Rostock", um mit Bremer Linken zu diskutieren. Zur Wahl werde sich die "Vereinigte Linke", zu der u.a. auch die unabhängige Frauenliste und der Arbeitskreis zur Militärreform gehören, schon stellen: "damit links überhaupt etwas steht." Chancen hätten sie aber keine.

Was verbirgt sich hinter Sprecherrat und VL? , wollten die BremerInnen wissen. Entstanden sei die "VL Rostock" im November über eine Kontaktadresse in der Zeitung. Die Mitgliederkartei verfüge über 50 Personen, bis zu 30 kämen zu den Vollversammlungen und aktiv mitarbeiten würden - "na ja, so 10-15". Da jede Arbeitsgruppe eine SprecherIn in den Sprecherrat schickt, sind dort inzwischen acht Menschen aktiv. Basisdemokratische Institutionen wollen die Vereinigten Linken installieren, die bisher beharrlich an Eigenstaatlichkeit und Sozialismus festhielten.

Was heißt für Euch denn überhaupt "basisdemokratisch"? H(...) K(...) (trotz seinem Weggang vom "Neuen Forum" noch in dessen bildungspolitischer Arbeitsgruppe engagiert) beschreibt die ersten politischen Erfolge: In Rostock habe sich inzwischen z.B. ein Bürgerrat zur Kontrolle und Beratung der verschiedenen Gremien gebildet. In diesem paritätisch besetzten Kreis sei u.a. auch die "Bürgerinitiative Erhaltungswohnen" vertreten - Leute aus der "nicht sehr gern gesehenen Hausbesetzerszene" Rostocks, die seit zwei bis acht Jahren "schwarz wohnen", wie es ddr-deutsch heißt. Diese Bürgerinitiative werde damit ein Stück weit legalisiert, zumindest aber parlamentarisch unterstützt.

Ein anderes Beispiel basisdemokratischer Errungenschaften der jüngsten Zeit seien die Räte in den Schulen, in denen außer dem Schulleiter auch LehrerInnen, Eltern und die Schüler selbst vertreten seien. "In Rostocker Schulen werden jetzt die Inhalte nicht mehr von oben (über Kreis-, Bezirks- und Stadtleitung), sondern direkt vom Schulleiter bestimmt." Gemeinsam mit den Räten legen sie fest, was in Staatsbürgerkunde gelehrt wird und welche "Löcher" im Fach Geschichte zu stopfen sind.

Auch die neu zu installierenden Betriebsräte sollen mit einem basisdemokratisch begründeten Vetorecht ausgestattet werden "Errungenschaften, die wir auf jeden Fall auch über die Wiedervereinigung hinaus erhalten wollen", beteuern K(...) und K(...) kämpferisch. Und die BremerInnen staunen. Waren sie doch ursprünglich im Konsul-Hackfeld-Haus angetreten, um über einen "3. Weg" und "Brückenköpfe des Sozialismus" zu reden, und um vor den immer noch als Wiedervereinigungsgegner geltenden "Vereinigten Linken" belehrend auf die Gräuel des Kapitalismus und seine imperialistischen Prinzipien hinzuweisen. Dezent wurden die derart Unverbesserlichen belehrt: "Das wissen unsere Leute seit Jahren aus der SED-Propaganda. Aber sie glauben und verstehen es nicht angesichts der Tatsache, dass es den hier Ausgebeuteten sooo viel besser geht als uns" (K(...)). Außerdem habe die DDR über die jahrelang gewährten Milliardenkredite auch daran schon partizipiert. "Unser Widerstand gegen Eigenstaatlichkeit und Marktwirtschaft geht bei dieser ungeheuren Geschwindigkeit der Entwicklung den Bach runter", gesteht der Sprecherrat ein. Die DDR müsse jetzt ganz klar weltmarktfähig werden und die BRD müsse dafür den Preis zahlen. Sozialismus sei nur noch als Weg, nicht mehr als Modell denkbar. "Wir sind auf Eure Kritik angewiesen. Denn wir wissen gar nicht, was z.B. die Umwandlung des VEB (volkseigener Betrieb) Schiffbau in eine Aktiengesellschaft konkret bedeutet", erklärte die Vereinigte Linke Rostock in Bremen.

ra

aus: taz-Bremen Nr. 3028 vom 08.02.1990

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