DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Was ist die Vereinigte Linke

Sie ist eine Initiative, die versucht, ein breites Bündnis linker Kräfte zu fördern, damit gemeinsame Positionen auch gemeinsam in Aktivitäten umgesetzt werden können. Der Name "Vereinigte Linke" beschreibt ein Ziel und einen Prozess.

Schon wieder vereinigen - wo doch gerade die demokratische Bewegung dabei ist, vielfältigste lebendige Formen zu finden?

Wir denken, dass in einer Zeit, da nicht nur die Zukunft unseres Landes, sondern auch die Existenz der Menschheit auf dem Spiel steht, gemeinsames Handeln einfach notwendig ist. Mit Vereinigung meinen wir nicht Vereinheitlichung oder Gleichschaltung. Die sich im Bündnis der Vereinigten Linken bisher Engagierenden reichen von Gewerkschaftern und unabhängigen Interessenvertretungen der Werktätigen über Antifa-Gruppen, Autonome, die neue KP oder den Bund unabhängiger Sozialisten bis hin zu Studentenzirkeln und einzelnen Leuten. Da sind sowohl Marxisten als auch Christen dabei.

Was heißt für euch "links"?

Links sind unserer Meinung nach alle, die nicht nur von einer gerechten Gesellschaft träumen, sondern die in jeder Zeit praktische Schritte für den Weg dahin auf die Tagesordnung setzen. Die also solche Verhältnisse anstreben, in denen die Menschen weder durch die Macht einer Minderheit noch durch die Interessen des Kapitals versklavt werden. Demokratie beispielsweise bedeutet, "von links gesehen", Volksherrschaft, und nicht Parteienherrschaft. Denn solange Macht delegiert werden muss, um eine Gesellschaft zu verwalten, wird es immer Korruption und Machtmissbrauch geben - und das auf jeder Ebene! Links heißt für uns auch offensiv und entwicklungsfähig.

Offensiv habt ihr euch ja bisher kaum gezeigt . . .

Es kommt darauf an, was man unter offensiv versteht. Einige verstehen darunter inzwischen Wahlschlachten. Uns geht es mehr um Inhalte, weniger um Statute, auch können wir bei niemandem abschreiben oder uns auf D-Mark-Finanzierung stützen. In erster Linie haben Linke die unmittelbare, authentische und direkte Selbstorganisation der Werktätigen in unserem Lande in den von ihnen selbst gewählten Formen zu unterstützen. So waren die Hälfte der Teilnehmer unseres Arbeitstreffens im November Delegierte aus Betrieben . . . Dort gingen die Diskussionen unter anderem darum: Wie kann für eine moderne, arbeitsteilige Gesellschaft die Leninsche Idee der Betriebsräte weiterentwickelt werden; wie können es die Arbeitenden erreichen, dass die reale Verfügungsgewalt in den Betrieben und Kommunen kompetent und demokratisch von ihnen selbst ausgeübt wird, also nicht aus den Händen von Bürokraten in die von Technokraten oder Kapitalisten übergeht.

Wie steht ihr zur Plan- bzw. Marktwirtschaft?

Abgesehen davon, dass es unserer Meinung nach in der DDR bisher keine Planwirtschaft, sondern Kommandowirtschaft gab, die die konkreten Verhältnisse und Notwendigkeiten ignorierte - eine planlose Planwirtschaft also -, halten wir eine schematische Gegenüberstellung nicht für konstruktiv. Beispielsweise funktioniert der moderne Kapitalismus viel planvoller, als wir uns das überhaupt vorstellen können. Aber im Gegensatz zu Verfechtern der so genannten freien Marktwirtschaft geht es uns darum, dass es einen demokratisch kontrollierten Interessenausgleich zwischen selbstverwalteten Betrieben und gesellschaftlichen, sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Interessen geben muss. Betriebsegoistische Interessen dürfen sich nicht auf Kosten oder gegen Bedürfnisse der gesamten Gesellschaft, einzelner sozialer Gruppen oder gar anderer Länder (Dritte Welt) durchsetzen.

Zu dieser gesamten Thematik liegen Arbeiten, Materialien und Konzepte vor. Aber: Rezepte gibt es nicht. Solange nicht die tatsächliche ökologische, wirtschaftliche und finanzielle Situation offengelegt ist, können wir auch nur theoretische Modelle anbieten, die für jeden Bereich der materiellen Produktion auf eine konkrete Ebene hochgehoben werden müssen.

Wie sieht eure Programmatik aus?

Hier einige Eckpunkte: Umwandlung von Staatseigentum in Volkseigentum, Verbot der Aneignung fremder Arbeit, Humanisierung und Verkürzung der Arbeit, ökologischer Umbau der Industriegesellschaft, Emanzipation von Frau und Mann, verfassungsrechtliche Verankerung von Antistalinismus, Antifaschismus, Antimilitarismus; Überwindung der Ungleichheit der Klassen zugunsten der Verschiedenheit der Individuen.

Das alles klingt verdächtig nach Sozialismus, der doch erwiesenermaßen gescheitert ist.

Da es ihn unserer Meinung nach noch nicht gab, kann er also auch noch nicht gescheitert sein. Dem, was die stalinistischen Verbrecher dafür ausgaben, fehlte bisher das Wichtigste: Demokratie und vergesellschaftete Produktionsmittel.

aus: Leipziger Volkszeitung, Nr. 306, 30./31.12.1989, 45.(96.) Jahrgang, Organ für die Interessen des werktätigen Volkes, Herausgeber: Bezirksleitung Leipzig der SED-PDS

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