Für Chancengleichheit in Beruf und Familie

Eigenständige Interessenvertretung ist notwendig

Der Status von Frauen in der DDR war im internationalen Vergleich (die ehemalige BRD eingeschlossen) relativ hoch. Die SED-Propaganda verfälschte diese Tatsache seit den 70er Jahren zu der Behauptung, die Frauenfrage sei gelöst. Viele Frauen wussten es jedoch besser:

Noch immer ist die soziale Lage von Frauen in der Regel schlechter als die der Männer - das im Durchschnitt geringere Einkommen und der oft weitaus geringere Freizeitfonds von Frauen sind hierfür die wesentlichen Indizien. Ursache ist das Fortbestehen der herkömmlichen Rollenverteilung, die vorrangig die Frauen verantwortlich macht für Haushalt, Kinderbetreuung und Familienklima.

Noch immer haben Frauen weniger Möglichkeiten als Männer, selbstbestimmte Lebensentwürfe zu realisieren. Die noch weitgehend übliche Rollenverteilung führte im Zusammenhang mit der Berufstätigkeit für viele Frauen zu einer physischen und psychischen Überbelastung, die der Entwicklungschancen sowohl in der beruflichen als auch in der privaten Sphäre mehr oder weniger drastisch einschränkt.

Noch immer haben Frauen keinen ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entsprechenden realen Einfluss auf grundlegende Entwicklungsprozesse in der Gesellschaft. In den Führungspositionen von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur sind Frauen rar.

Die aus diesen drei Aspekten erwachsene "Frauenfrage" ist nicht primär ein soziales Problem, sondern vielmehr eine Frage nach dem Maß an tatsächlich realisierter Demokratie und als solche ein nach wie vor ungelöstes Strukturproblem aller gegenwärtigen Gesellschaften.

Im Herbst `89 konnte dies in der DDR endlich von engagierten Frauen erstmals öffentlich zur Diskussion gestellt werden. Die Forderung nach gleichen Chancen für Frauen und Männer in Beruf, Politik und Familie musste auf die Tagesordnung des politischen Wandeln gesetzt werden! Die Frage war nur, in welcher Form eine Interessenvertretung für Frauen dauerhaft und politisch effektiv zugleich organisiert werden sollte - als Frauenarbeitsgruppe in bereits bestehenden Parteien bzw. Bewegungen oder als eigenständige politische Vereinigung von Frauen. Ein großer Teil Frauen entschied sich für letzteres und gründete im Dezember `89 den UFV. Einmischung auf allen Ebenen war und ist die Devise.

Heute, fast ein Jahr danach, wird Umfragen zufolge die Kompetenz für die "Frauenfrage" in erster Linie dem UFV zugeschrieben. In den Parteien, in denen Männer ausnahmslos in der Mehrheit sind, werden Fraueninteressen hingegen sehr häufig als Rand- oder als nur soziales Problem angesehen.

Angesichts der Tatsache, dass der Belange von Frauen bei den fast ausschließlich männlichen Machern der staatlichen Einheil Deutschlands ganz offensichtlich keine Lobby haben (die lapidaren Sätze hierzu im Staats- und im Einigungsvertrag sprechen Bände), ist eine eigenständige politische Interessenvertretung für die Frauen, die ihren Platz in der Gesellschaft behaupten und ausbauen und sich nicht an den Herd zurückschicken lassen wollen, notwendiger denn je.

Christina Schenk
UFV

aus: PODIUM - die Seite der und für die BürgerInnen-Bewegung, Initiativen und Minderheiten, in Berliner Zeitung, Nr. 284, 46. Jahrgang, 05.12.1990