DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Frauen werden sich, wenn nötig, auch einmischen

Eine Vertreterin des UFV meldet sich zu Wort

Nun haben wir eine neue Regierung. Wir wissen nunmehr auch, dass es kein Ministerium für die Gleichstellung der Frau gibt, dafür aber ein Ministerium für Familie und Frauen. Vorbild dafür ist offensichtlich die BRD.

Wie wird es mit Vorbildwirkungen weitergehen? Dass diese Frage nicht an den Haaren herbeigezogen ist, bewies die Volkskammerdebatte um die Regierungserklärung. Einer der heißen Diskussionspunkte war das heikle Thema Schwangerschaftsunterbrechung. Auch weiterhin werden Frauen in Ost und West interessiert verfolgen, welche Wege von der Regierung beschritten werden, und die Frauen werden sich auch, wenn es nötig ist, einmischen.

Der Unabhängige Frauenverband, für den ich zu den Kommunalwahlen kandidiere, reiht sich hier mit ein. Ich denke, wir müssen auf das Recht der freien Entscheidung jeder Frau über Austragen oder Unterbrechung einer Schwangerschaft pochen. Dabei müssen einer echten Beratung der Frau sowie dem Schutz und der Fürsorge für das geborene Leben wesentlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Wir benötigen Gleichstellungsreferate auf allen kommunalen Ebenen und Gleichstellungsbeauftragte in jedem Betrieb. Wir benötigen Frauenhäuser, Frauencafés und Frauenkulturzentren. Aber auch andere Dinge brennen auf den Nägeln. Ich denke hier besonders an die Kindereinrichtungen. Die bisherige Praxis einer staatlich verordneten Vollbeschäftigung für Mütter ist abzulehnen und wird es unter marktwirtschaftlichen Bedingungen nicht mehr geben. Ebenso ist aber auch die "marktwirtschaftlich" verordnete Zukunft des Großteils der Frauen am Kochtopf abzulehnen. Es geht um eine bedarfsgerechte Bereitstellung von Kinderkrippen-/Kindergartenplätzen bei wesentlicher Verbesserung der inhaltlichen Seite der Kinderbetreuung. Was die bedarfsgerechte Bereitstellung angeht, so ist das ein Punkt, um den die Frauen in der BRD auch schon lange kämpfen - sogar die Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth - bisher ohne Erfolg.

Uns Frauen betrifft jede Tagesfrage, ob sie nun wirtschaftlicher, innenpolitischer oder globaler Natur ist. Denn jede Maßnahme hat auch ihre Auswirkungen auf uns. Es wartet viel Arbeit auf uns. Packen wir sie an.

Dr. Beate Hilpmann, Dresden, 8038

aus: Sächsische Zeitung, Nr. 104, 05./06.05.1990, 45. Jahrgang, Tageszeitung für Politik, Wirtschaft und Kultur