DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Zum Internationalen Frauentag:

Tag schlechten Gewissens?

Es ist etwas im Gange, Frauen tun sich zusammen, es gibt sie, die neue Frauenbewegung in der DDR.

Frauen, die genau wissen, was 40 Jahre DDR ihnen gebracht haben: einige Zugeständnisse und viele Zumutungen. Das Recht auf Arbeit und Selbstbestimmung, aber der Zwang zur Doppel- und Dreifachbelastung.

Es kann doch nicht alles sein, dass zu jedem Jubiläum und zum Tag des schlechten Gewissens, 8. März, ein paar zufriedene Frauengesichter auf Seite 3 die Zeitungen schmücken.

Innerhalb von drei Monaten hat sich der Unabhängige Frauenverband als Interessenvertretung von Frauen unterschiedlicher politisch-weltanschaulicher Grundsätze, verschiedener sexueller Prägung und verschiedener Nationalitäten konstituiert.

Was uns zusammenführt? Wir wollen die ungerechten patriarchalen Strukturen und Umgangsformen der Gesellschaft ändern hin zu Verhältnissen, die die Gleichwertigkeit der Geschlechter achten, die Andersdenkende und Andersseiende anerkennen, die auf Werte wie solidarisches Verhalten und Gewaltlosigkeit setzen. Wir wollen, dass Frauen angemessen in allen Leitungsebenen und Bereichen in Politik, Wirtschaft und Kultur vertreten sind.

Für die Bereiche des Sozialen, der Kindererziehung und Hausarbeit und die sozialen Berufe, die fast ausschließlich von Frauen ausgeübt werden, muss von Männern mehr Verantwortung wahrgenommen werden. Es muss eine Gesetzgebung geben, die es Frauen wie Männern ermöglicht, Berufstätigkeit und Elternschaft zu vereinbaren. Arbeitszeitverkürzung und Flexibilität sind erforderlich. Die Höherbewertung frauentypischer Berufe und Lohnangleichung zu männertypischen Berufen ist nötig.

Wenig wirksam aber sind die Gesetze, wenn sich nicht in unseren verfestigten Normen der Geschlechterrollen Entscheidendes verändert Die meisten Frauen hoben Erfahrung mit Diskriminierung und Gewalt gemacht. Wir wollen unsere Solidarität, unser Selbstbewusstsein und unseren Protest dagegensetzen.

Wir spüren einen starken Druck was die Zukunft angeht. Vertreter verschiedener politischer Parteien reden schon ganz selbstverständlich von der neuen Rolle, die der Frau zugewiesen wird, in Verbindung mit der Umorientierung auf die Marktwirtschaft. Das bedeutet, raus aus dem Berufsleben, aus gesellschaftlicher Anerkennung, zurück ins Haus, denn Kindergärten und Schulhorte wird es ohnehin nicht mehr geben. Soll das bedeuten, dass sich eine Gesellschaft keine Kinder mehr leisten kann? Oder, dass sie sich keine unabhängigen Frauen mehr leisten will?

Wir sollten ganz deutlich zeigen, dass wir denen keine Stimme geben, die uns einfach abschieben wollen. Die Programme der verschiedenen Parteien sind nach ihrer Frauenpolitik und nach sozialen Konzepten zu befragen.

Um selbst die Politik im Lande konsequent für Frauen und aus der Sicht von Frauen zu beeinflussen, stellt sich der Unabhängige Frauenverband den Wahlen gemeinsam mit der Grünen Partei auf einer Wahlplattform. Bis dahin ist noch viel Arbeit. Zeit zum Feiern wird vielleicht endlich sein bei einem Frauentreffen zur Walpurgisnacht auf dem Hexentanzplatz in Thale, wo Frauen aus verschiedenen Ländern dieses Jahr zusammenkommen werden. Das Hexen ist uns ja nichts Neues, wie hätten wir sonst die möglichst perfekten Hausfrauen, Berufsfrauen, Liebhaberinnen, Pflegerinnen, Mütter sein können. Doch nun zaubern wir für uns.

Ulrike Markert,
Unabhängiger Frauenverband

Neuer Tag, Nr. 57, 08.03.1990, 39. Jahrgang, Herausgeber: Verlag Neuer Tag

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