DDR 1989/90Brandenburger Tor

Impressum


"Die Frauenbewegung ist kein Haus für gefallene Mädchen"

Interview mit Dr. Ina Merkel

Was hat dir das letzte Jahr gebracht?

Ina Merkel: Eine Desillusionierung, oder wenn man es positiv fassen will, einen neuen Blick auf die Realität.

Wie denkst du heute über die Rolle der Bürgerbewegungen?

Ina Merkel: Ich denke, dass die Politik seitens der Bürgerbewegungen immer noch von einer Art retrospektivem Denken, vom Blick zurück beherrscht wird. Sie formulieren ihre Forderungen und politischen Inhalte aus einer alten und zugleich schon wieder neuen Position des Widerstands gegen ein herrschendes System. Und sie praktizieren auch die alten Widerstandsformen: Hungerstreik, Demonstrationen, Flugblätter. Diese hatten aber ihre immense Bedeutung für die politische Kultur nur in eben jener Übergangszeit und auch nur für das Gebiet der ehemaligen DDR. Für die jetzigen gesellschaftlichen Systeme sind solche politischen Aktionen, momentan jedenfalls, fast bedeutungslos - kein verantwortlicher Politiker schert sich wirklich darum, was die Leute auf der Straße wollen. Und auch die Bürgerbewegungen zielen im Grunde mit ihren Forderungen an den Leuten vorbei. Sie bieten ihnen keine lebbaren Alternativen an, außer der, sich zu verweigern.

Das stimmt doch so nicht. Immerhin sind die Bürgerbewegungen jetzt in den Parlamenten verankert - das ist doch auch eine neue Qualität: ihre Politikfähigkeit.

Ina Merkel: Das ist zugleich ihr Dilemma: weil sie um die Wählergunst werben, müssen sie sich zwangsweise auf dem politischen Parkett wie Parteien bewegen. Sie entwickeln feststehende Programme, sie verpflichten ihre Mitglieder auf bestimmte Inhalte und gehen dabei Kompromisse ein - in Wählerbündnissen z. B. - die sie letztlich um ihre Spezifik bringen.

Und sie beginnen, parteiähnliche Strukturen aufzubauen, die ihnen ein "effektives" Arbeiten, schnelle Entscheidungen ermöglichen. Das bedeutet, sie entwickeln einen Apparat, sie bringen hochbezahlte Politfunktionäre hervor. Und damit geben sie im Grunde die ihnen eigentümliche Form einer pluralistischen, basisdemokratischen, sich ständig wandelnden Bewegung auf.

Dabei spielen sicher psychologische Momente eine nicht zu unterschätzende Rolle: Wer einmal am eigenen Leib erfahren hat, wie man mit Hilfe von besonderen Informationen oder auch durch das Großgemachtwerden in einer willkürlich auswählenden Medienlandschaft an persönlichem Einfluss und Wertschätzung gewinnt, wer einmal über Macht verfügte, der kann sich vermutlich nur schwer davon wieder lösen.

Das Dilemma, das du formulierst, sehe ich bei den anderen Bürgerbewegungen. Betrifft es denn in gleichem Maße die Frauenbewegung?

Ina Merkel: In gewisser Weise spitzt es sich im Frauenverband sogar noch zu, denn Macht setzt zugleich patriarchalische Strukturen voraus. Damit ist aber der feministische Anspruch, die eigene Entwicklung nicht auf Kosten anderer Individuen durchzusetzen, zutiefst gefährdet. Frauen stehen damit unter doppeltem Druck: Sie müssen in die patriarchalischen Strukturen hinein, um sie brechen zu können. Doch indem sie in ihnen agieren, leisten sie ihren spezifischen Beitrag zu ihrer Erhaltung. Am Ende verhalten sie sich wie Männer, um politisch wirksam werden zu können. Vor diesem schier unlösbaren allgemeinen Problem steht heute der Frauenverband auch im Besonderen. Die ursprüngliche Idee der mehr als tausend Begründerinnen in der Volksbühne war eine pluralistische: über alle Ideologien, über Parteizugehörigkeit, über Altersgrenzen und soziale Unterschiede hinweg wollten sich die Frauen ihrer gemeinsamen Interessen versichern. Dies schien am Anfang einfach zu sein, weil diese Interessen auf der Hand lagen: wir wollten die sozialistische Gesellschaft so reformieren, dass Frauen besser darin leben könnten. Dieser damalige Grundkonsens ist längst zerbrochen. Aber statt sich immer wieder neu der Gemeinsamkeiten zu versichern, die es ja dennoch gibt, und sich zusammen neue politische Strategien auszudenken, hat sich der Verband "parteipolitisch" profiliert.

Von Wahl zu Wahl wird die starke Linksausrichtung verbunden mit der Radikalisierung des feministischen Konzepts deutlicher. Dafür bekommt der Verband auch die Quittung - es wenden sich ganze Frauengruppen ab, die ehemalige Sympathie ist zu großen Teilen verspielt.

Aber gibt es denn überhaupt eine Alternative? Muss sich der Frauenverband nicht in die Bündnisse hineinbegeben, um überhaupt noch eine politisch relevante Kraft zu bleiben?

Ina Merkel: Ich habe mehrfach dafür plädiert, sich nicht als Verband an den jeweiligen Wahlen zu beteiligen, zumal der Effekt - keine Frau in der Volkskammer, eine Frau im Berliner Stadtparlament - nach meinem Dafürhalten nicht den Aufwand rechtfertigte. Das hatte auch den Grund, dass die Basisarbeit in diesem Gehetze von Wahl zu Wahl liegen blieb und der Verband seine innerdemokratischen Strukturen sträflich vernachlässigen musste. Ich denke, es hätte praktikable Alternativen gegeben. Wir hätten beispielsweise versuchen können, eine Lobby für unsere politisch starken Frauen aufzubauen, die ihnen sichere Listenplätze bei möglichst vielen Parteien und Bürgerbewegungen hätte sichern können, ohne dass sie sich parteipolitisch einem Fraktionszwang hätten beugen müssen. Es gab solche Angebote - nicht nur von der PDS. Auf diese Weise hätten wir einen personenbezogenen Wahlkampf führen können - nicht nur für unsere Frauen sondern auch zugunsten frauenpolitisch engagierter Kandidatinnen anderer Parteien.

Was waren die ursprünglichen Ziele der Frauenbewegung in der DDR, und was hat man jetzt womöglich schon aufgegeben?

Ina Merkel: Ich glaube, dass die mögliche Basis der Frauenbewegung in der ehemaligen DDR eine andere ist als in der BRD. Hier hat eine starke soziale Egalisierung stattgefunden. Fast alle Frauen haben ihr Leben lang gearbeitet, und die meisten haben dabei wenig verdient. Alle hatten sie einen übermäßig langen Arbeitstag, und Frauen haben die Mehrarbeit geleistet für fehlende Dienstleistungen oder das mangelhafte Warenangebot. Wenn man auf diese unmittelbaren, alltäglich bedeutsamen Lebensbedingungen sieht, waren Akademikerinnen, Arbeiterinnen und Ingenieurinnen in einer durchaus vergleichbaren Lage. Sie hätten auch gleiche Interessen haben können, z.B. an der Erhaltung eines Systems von Kinderkrippen und Kindergärten, und an seiner Verbesserung selbstverständlich. Das war mal unser gemeinsamer Ausgangspunkt: festzustellen, wir sind überarbeitet, wir haben zu wenig mit unseren Kindern zu tun, wir werden um unser Leben beschissen, wir bekommen am Ende weniger Lohn als die Männer, eine Rente zum Heulen und kaum Aufstiegschancen. Wir hätten uns zusammen tun sollen, um die Verkürzung des Arbeitstages zu erreichen, auch für die Männer, damit sie sich nicht vor den reproduktiven Arbeiten drücken können. Statt dessen, guckt jetzt jeder weg, wenn der Nebenmann/die Nebenfrau arbeitslos wird. Oder das Beispiel Umweltschmutz. Ich denke vielleicht sind Frauen für diese Probleme sensibilisiert, weil sie mit den Kindern mitleiden, wenn diese schon mit Allergien auf die Welt kommen, oder in den Großstädten keine Luft mehr kriegen.

Ich denke, dass es eine Reihe von Ansatzpunkten gäbe, wo vernünftigere Entscheidungen hätten getroffen werden können, wenn mehr Frauen in die Politik einbezogen worden wären, also wenn Männer ihre Plätze ein Stück weit geräumt hätten. Das genau ist aber nicht passiert. Es sind weniger Frauen im Parlament als je zuvor, der Staatsvertrag ist unter Männern ausgehandelt worden. Und die Frauenbewegung konnte sich als politische Bewegung nicht durchsetzen. Sie hat es nicht mal geschafft, frauenfreundliche Politikformen auszubilden. Das Allerhöchste war noch der Kinderbetreuungsdienst zu Tagungen. Aber da kann ich die Kinder auch wieder nur abgeben und nicht mit ihnen zusammen an der Politik teilnehmen. Mir tut es noch heute leid, dass wir nie mit unseren Kindern an den Runden Tisch gezogen sind, sie während der endlosen Statements und Antragsdebatten einfach gewindelt haben oder gefüttert. Im Gegenteil, wir haben von uns selbst erwartet und gefordert, dass alles andere zugunsten der Politik zurückstehen muss. Insofern hat auch der Frauenverband den typischen weiblichen Konflikt an die Adresse der Frauen zurückverwiesen. Splitting oder Rotationssysteme konnten nicht greifen, weil sie auch sozial nicht vom Verband abgesichert waren. Wir haben aus falsch verstandener Angst vor einer inneren Politokratie unsere Politikerinnen nicht einmal bezahlt, sondern uns nur einen Mitarbeiterinnenstab geleistet.

Ihr habt also bittere Erfahrungen gesammelt in dem Jahr. Die Männer waren nicht bereit, von ihrer Macht ein Stück abzugeben. Seid ihr gescheitert?

Ina Merkel: Ich würde das nicht so resignativ sehen wollen. Meine Hoffnung ist immer noch die, dass sich die DDR-Frauen nicht alles gefallen lassen, dass sie sich zur Wehr setzen, wenn es an die Substanz von 40jähriger ökonomischer Unabhängigkeit geht, wenn die Kindereinrichtungen geschlossen werden, wenn sie trotz ihrer Qualifikation oder Umschulung jahrelang keine Arbeit bekommen. Ich weiß nicht, ob sie ihre Biographie, ihre Herkunft, ihre Traditionen so einfach ablegen werden, als ob nichts gewesen sei. Sicher werden viele die ihnen jetzt angebotenen Rückzugsmöglichkeiten ins Private erst einmal nutzen wollen und sie werden dies auch als etwas Entspannendes erfahren.

Wir brauchen jetzt alle einen langen Atem, um zu verfolgen, in welche Richtung sich alles bewegen wird. Momentan gibt es ein paar Knackpunkte, an denen es irgendwie nicht weitergeht und für deren Lösung die Bürgerbewegungen leider auch keine Idee haben. Massenarbeitslosigkeit ist so ein Gefahrenpunkt. Die fortgesetzte Vermännlichung der Gesellschaft ein weiterer.

Hat deiner Meinung nach die bundesdeutsche Frauenbewegung in den letzten Jahren etwas bewirkt?

Ina Merkel: Das kann ich so nicht einschätzen, dafür weiß ich zu wenig von ihr. Nach meinem Gefühl haben wir ein gemeinsames Problem: wir tendieren immer wieder dazu, die Frauenfrage als soziale Frage zu formulieren. Nach demselben Muster, nach dem soziale Randgruppen behandelt werden - obwohl wir Frauen wahrlich keine sind, und natürlich spricht auch keiner von weiblichen Minderheiten. Aber im Grunde ist es dieselbe Struktur: es wird versucht den Frauen das Leben in den existierenden Zusammenhängen erträglicher zu machen, mit einem gewissen Wohltätigkeitsanspruch im Hintergrund. Sich als Frau für andere Frauen einzusetzen, das ist oftmals nicht frei davon zu meinen, man wisse qua Geschlecht, was andere Frauen wollen und brauchen. Dieser fürsorgliche Aspekt war ein wichtiges Motiv für die Gründung vieler Frauenprojekte. Aber die Frauenbewegung ist kein Haus für gefallene Mädchen. Sie braucht eine weitergreifende Strategie. Ich denke, solche Strategien werden immer wieder neu zu suchen sein, sie bewegen sich mindestens in den beiden extremen Polen von: "Frauen an die Macht" und "Keine Frau für dieses System".

Die westdeutsche Frauenbewegung hat unzweifelhaft Verdienste in Bezug auf die Entwicklung einer feministischen Theorie und eines feministischen Bewusstseins. Aber sie steht heute vor dem Phänomen, dass sich zwar das große I im offiziellen Sprachgebrauch durchzusetzen beginnt, dass sie an den Universitäten Professorinnen für Frauenforschung installieren konnten und in den Kommunen Gleichstellungsbeauftragte und dass sich dennoch die reale Lage für Frauen in diesem hochindustrialisierten patriarchalischen System verschlechtert hat. Die Stellen werden zwar offiziell für Männer und Frauen ausgeschrieben, am Ende tragen dann aber seltsamerweise immer wieder Männer den Sieg davon.

Was könnten die Bürgerbewegungen für die Gestaltung neuer Formen in die künftige Politik einbringen?

Ina Merkel: In der bisherigen Geschichte haben sich Bürgerbewegungen immer neue Organisationsformen gegeben. Das war ihr Vorteil. Sie fanden sich meist aufgrund einer besonderen Interessenslage zusammen, und wenn ihre Forderungen erfüllt waren oder sich überlebt hatten, dann haben sie sich auch wieder aufgelöst. Parteien haben diese innere Kraft nur selten. Ich hoffe in diesem Sinne auch auf die Bürgerbewegungen, die erst noch entstehen werden. In ihnen wird immer wieder neu die Fähigkeit stecken, nach neuen Formen der außerparlamentarischen Demokratie zu suchen und die Öffentlichkeit zu mobilisieren.

Der Runde Tisch war eine solche neue Form, den die Bürgerbewegungen hervorgebracht haben. In ihm wurde historisch eine neue Form der gesellschaftlichen Konsensbildung vorweggenommen. Deshalb musste er erst einmal verschwinden.

Ich denke, dass wir auch heute noch andere Formen als die der bestehenden parlamentarischen Demokratie brauchen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass er als Runder Tisch der parlamentarischen und außerparlamentarischen Opposition - als eine symbolische Institution - wieder aufleben könnte. Der Witz des Runden Tisches bestand ja gerade darin, politischen Kräften Stimme und Öffentlichkeit zu geben, die nicht durch Wahlen legitimiert waren und die auch nicht als Vertreter der Massen dort saßen und dennoch gemeinschaftliche Interessen vertreten haben. Heute hat es manchmal den Anschein, als seien auch die Bürgerbewegungen dem Mythos Masse aufgesessen, indem sie meinen, man müsse sich demokratischen Mehrheiten beugen, als ob die Mehrheiten unbedingt vernünftig sind. Es wird immer kleine Gruppen besonders sensibilisierter oder vorausschauender Individuen geben, die quer zur Masse stehen und mit denen dennoch die Verständigung not tut.

Wie verhalten sich die Bürgerbewegungen zu Fragen der Frauenpolitik?

Ina Merkel: In der Tendenz halte ich sie alle für frauenfeindlich. Sie haben aber begriffen, so wie die anderen Parteien auch, dass sie um die Frauenfrage nicht drum herumkommen. Sie müssen sich daher wenigstens den Anschein von Frauenfreundlichkeit geben. Reine Männerbünde an der Spitze sind heute nicht mehr öffentlich tragbar, jedenfalls nicht im linken politischen Spektrum. Das heißt aber nicht, dass die Frauen in den Bürgerbewegungen Macht hätten, das heißt nicht, dass sie strukturell etwas bewirken können, dass sie aus ihrer Alibirolle herauskommen. Wenn es um die Wurscht geht, bekommen Frauen höchstens einen Zipfel zu fassen.

Wie wird sich deiner Meinung nach das Verhältnis der Bürgerbewegungen zu den politischen Parteien jetzt, nach der Vereinigung entwickeln?

Ina Merkel: Da kann ich aber wirklich nur vage Vermutungen äußern. Es gibt eine starke, zweckrationale Tendenz, sich an die Grünen zu binden, oder gebunden zu werden. Das werden aber nicht alle Protagonisten der Bürgerbewegungen mitmachen. Demokratie Jetzt hat sich von Anfang an der SPD nahe gefühlt und es gibt sicher noch andere Affinitäten, die mir nicht im einzelnen bekannt sind.

Ein einfacher Einverleibungsprozess wird aber nach meinem Dafürhalten nicht möglich sein, denn die Bürgerbewegungen in den ostelbischen Gebieten haben eigene, unverwechselbare Typen hervorgebracht, die für westdeutsche Verhältnisse mindestens ungewöhnlich sind. Man findet dort so jemanden wie Wolfgang Ullmann eher in anderen politischen Lagern.

Auf Dauer gesehen steht für alle die Frage: zusammengehen oder wieder zurück in die außerparlamentarische Opposition, mit weniger politischem Handlungsspielraum als je zuvor.

aus: Die Andere, Nr. 43, 14.11.1990, Beilage, Unabhängige Wochenzeitung für Politik, Kultur und Kunst, Herausgeber: Klaus Wolfram

Δ nach oben