"Die haben unsere Kompromissbereitschaft ausgereizt bis zum Ende"

Christina Schenk, Spitzenkandidatin des Unabhängigen Frauenverbands (UFV) zur Entscheidung ihrer Organisation, doch im Bündnis 90 zu bleiben

taz: Die Bündnispolitik des UFV steht wahrlich unter einem schlechten Stern. Ihr seid erneut von euren basisdemokratischen PartnerInnen beschissen worden, indem sie euch um euren zugesicherten sicheren Listenplatz gebracht haben. Warum seid ihr nicht aus dem Bündnis ausgestiegen?

Christina Schenk: Es liegt nicht an der Bündnispolitik des UFV, dass es wieder zu einem unbefriedigenden Ergebnis für uns gekommen ist, sondern an der fortbestehenden sexistischen Denk- und Verhaltensweisen auch bei den BürgerInnenbewegungen. Wir haben weniger Illusionen als vorher, was den Bewusstseinszustand im Bezug auf die Frauenfrage betrifft, aber wir haben nach längerer Debatte beschlossen, im Bündnis zu bleiben.

Warum?

Von Anfang an haben wir gesagt, außerparlamentarische Arbeit reicht nicht, auch wenn sie Schwerpunkt bleiben wird; zumal im Parlament auch keine Aussichten auf demokratische Mitgestaltung bestehen. Die Frage ist auch, ob wir das wollen in diesem System. Dennoch wollen wir unbedingt ins Parlament, wenn auch nicht um jeden Preis. Den jetzigen aber halten wir gerade noch für akzeptabel.

Was ist attraktiv an der Parlamentsarbeit?

Wir sind die einzige Organisation innerhalb der BürgerInnenbewegung, die die Geschlechterfrage in jedem Punkt klar zur Sprache bringt. Dafür wollen wir die Bühne des Parlaments und die Öffentlichkeit nützen. Außerdem gibt es eine Menge Frauen in Ost und West, für die wir eine Art Hoffnungsträgerin sind und die uns ermuntern, das Feld nicht den anderen Parteien allein zu überlassen.

Gab es innerhalb des Bündnisses Proteste gegen eure Ausbootung in Thüringen?

Soweit ich weiß nicht. Es gab wohl Bedauern und Ängste, dass der UFV das Bündnis platzen lässt. Aber sie haben unsere Kompromissbereitschaft ausgereizt bis zum Ende.

Peinlich ist doch auch, dass sich erneut die grüne Spitzenkandidatin Vera Wollenberger gegen euch ausspielen lässt, da sie den angeboten ersten Platz auf der Thüringer Landesliste entgegen der Empfehlung des Koordinierungsrates des Bündnisses angenommen hat. Wie soll zukünftige Frauenpolitik im Parlament mit solchen Kandidatinnen möglich sein?

Wir haben uns natürlich auch gefragt: Wie sollen denn die Lernprozesse im Bündnis vorangehen, wenn wir nicht ständig Reibungspunkte bieten. Das betrifft auch Vera Wollenberger. Die ist natürlich als Frau nicht per se eine Feministin.

Eine eurer Aufgaben ist also die feministische Erziehungsarbeit im Bündnis.

Das ist nicht unserer Aufgabe, sondern allenfalls ein Nebeneffekt. Unsere Hauptaufgabe im Parlament wird sein, rüberzubringen, dass es eine Organisation gibt, die Fraueninteressen und die Hierarchie in der Gesellschaft thematisiert.

Interview: Ulrike Helwerth

aus: taz Nr. 3247 vom 29.10.1990