DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Ein Anschluss unter dieser Nummer

Bis nach Amerika hat es sich inzwischen herumgesprochen, dass "neue" Frauen in der DDR etwas zu sagen haben - eine USA-Journalistin bat um ein Interview. Das "FÜR DICH"-Kontakttelefon machte es möglich, vermittelte ihr, wie auch der Frau aus Sputendorf, die gewünschte Adresse. Anruferinnen aus allen Himmels- und Denkrichtungen fühlten sich durch den Ina-Merkel-Artikel in der Nr. 51/89 angesprochen und wollen mitarbeiten.

Manche möchten "erst mal hören, was da so läuft", andere suchen Partnerinnen mit ähnlichen Problemen, einige bieten Forschungsergebnisse an oder wollen Projekte verwirklichen, in die bisher kein Weg führte. Nicht selten stecken wir bald mitten in den schönsten Telefondiskussionen - z. B. übers Babyjahr. Eine Erzieherin - aus Hellersdorf, kurz vor der Rente, findet nicht in Ordnung, dass Frauen ihre größeren Kinder während der Freistellungsmonate von früh bis spät in den Kindergarten bringen. Jutta R. aus Berlin ärgert sich über ihre alleinstehende kinderreiche Nachbarin, die ihre Sprösslinge morgens abliefert, um sich tagsüber mit Hundefreunden zum Kaffee zu treffen. Zu Recht verwahrt sich Frau H. dagegen, mit solchen "Rabenmüttern" in einem Atemzug genannt zu werden. Sie schreibt während des Babyjahres an einer wissenschaftlichen Arbeit und ist froh darüber, ihre Große in einer "ganz tollen Krippe mit Familienatmosphäre" zu wissen (Bezirk Potsdam).

Mit neuen Einheitsregelungen lassen sich verschiedene Lebensweisen von Frauen, ihre differenzierten Bedürfnisse sicher kaum fördern. Im Gegenteil. Es ist an der Zeit, endlich allen Müttern oder Vätern, die ihre Kinder bis zum 3. Lebensjahr zu Hause erziehen möchten, die erforderliche soziale Sicherheit zu gewähren. Dadurch könnte zugleich eine Menge Stress aus den Krippen verbannt werden, was wiederum jene Eltern, die sich aus beruflichen Gründen keine jahrelange Unterbrechung ihrer Arbeit leisten können, etwas von ihren ewigen Schuldgefühlen nehmen dürfte.

Wenn wir uns in der Unabhängigen Frauenbewegung für eine akzeptable Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Elternschaft aussprechen, so trifft das durchaus nicht überall auf Verständnis. Manche Männer und auch Frauen, die noch nicht aus patriarchalen Denkmustern herauskommen, meinen im männlich geprägten Leistungsprinzip das Allheilmittel für unser krankes Gemeinwesen zu sehen. Doch immer mehr DDR-Bürgerinnen lehnen sich auf gegen drohenden Sozialabbau, der Frauen besonders hart trifft.

Über kapitalistisches Unternehmergebaren ihres Chefs beschwerte sich Monika K. aus Berlin. Mit dem Almosen einer verlängerten Ausgleichszahlung bei Umstrukturierung in der Wirtschaft will sich Claudia W. aus dem Mansfeld-Kombinat nicht abspeisen lassen. Sie fordert Umschulungsprogramme und die Garantie des gesetzlich verbrieften Rechts auf Arbeit, wohl wissend, dass auch Gesetzespapier geduldig ist.

Beispiel für nervende Arbeitssuche: Galina N., Hochschulabsolventin mit sehr guten Deutsch-Kenntnissen, verheiratet mit einem DDR-Bürger, putzt seit Mai die einschlägigen Klinken. Analoge "Fälle" kamen in unserer Presse bisher nur als Beweis für ein anderes "menschenverachtendes System" vor. In der Frauenbewegung glaubt die Sowjetbürgerin Solidarität zu finden. Und sie ist nicht die einzige Ausländerin, die aus dem Abseits treten möchte, um andere Frauen vor ähnlich bitteren Erfahrungen zu bewahren. Wichtig für uns könnte beispielsweise das Studium nordischer Wahlgesetze sein - eine Finnin wies uns darauf hin.

Nur Zustimmung zur neuen Frauenbewegung am Kontakttelefon? Ja - bis auf zwei sehr verwandte Ausnahmen. Eine habe ich für Sie aufgeschrieben.

Sabine R(...), FÜR DICH-Kontakttelefon, guten T...

Frau Fl: Also, das will ich Ihnen mal sagen, Ihre Veranstaltung da in der Volksbühne, die war ja fürchterlich. Für uns Ältere war das nichts. Ich komme aus ganz einfachen Verhältnissen, konnte studieren, mein Mann auch, wir haben hier alles mit aufgebaut für unsere Kinder und Enkel. Das lassen wir uns jetzt nicht kaputtmachen. In meiner DFD?Gruppe, da hab' ich meine Heimat.

S. R.: Die will Ihnen doch auch niemand nehmen, das ist ja schön für Sie. Nur zeigt eben die Vergangenheit, dass der DFD diese Heimat nicht für alle Frauen sein konnte.

Frau FI.: An uns Ältere denkt jetzt keiner mehr. Von denen, die hier alles aufgebaut haben, wird sich keiner in dieser neuen Frauenbewegung wohl fühlen.

S. R.: Warum nicht? Es ist uns schon klar, dass gerade die Frauen Ihrer Generation am meisten Leid zu tragen hatten. Deshalb wollen wir auch für sie eintreten, wollen verhindern, dass Preissteigerungen zum Beispiel Witwen besonders hart treffen, fordern Rentenerhöhungen besonders für die Frauen mit dem geringsten Einkommen.

Frau Fl.: Fordern kann jeder. Wir wissen doch, dass die Mittel dafür nicht da sind. Wir richten uns ein, kommen mit unserm bisschen aus. In unserer DFD-Gruppe sind wir uns da einig. Dort fühlen wir uns wohl.

S. R.: Dann gönnen Sie Frauen mit anderen Interessen doch auch ihre Gruppe. Ich denke, es bringt, nichts, wenn wir uns voreingenommen begegnen ...

Oder? Sind DFD und Unabhängige Frauenbewegung zu starke Gegensätze? Wir sind gespannt, wie Sie das sehen. Aber auch zu allen anderen Dingen, die Ihnen auf der Seele brennen, können Sie sich äußern. Die ersten Leserbriefe sind schon da.

aus: FÜR DICH, 4/90, 28. Jahrgang

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