DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Engagierte Sachwalter sozialer Interessen

Kaum Medien für UFV-Gründungskongress

Der Medienrummel um den Gründungskongress des UFV geriet am vergangenen Sonnabend und an den nachfolgenden Tagen fast ins Grenzenlose. Das Fernsehen der DDR brachte es am Sonnabend auf etwas mehr als 1 1/2 Minuten Sendezeit, was im Unterschied zur Berichterstattung über andere Gründungskongresse, Delegiertenkongresse u. ä. schon fast unlautere Wahlkampfhilfe vermuten lässt. Das ND vom Montag, dem 19.2.1990, berichtete in sage und schreibe 5 Sätzen über das Ereignis. Dabei schien man keine Unkosten gespart zu haben, um diese ausführliche Berichterstattung zu ermöglichen. Immerhin zeichnen zwei Namen für diesen Artikel verantwortlich. Junge Welt und Berliner Zeitung hatten sogar noch Platz für ein Foto.

Aber was hätte man auch mehr berichten sollen? Gab es doch nichts vordergründig Sensationelles. Es kam weder zu medienwirksamen Auszügen einzelner oder mehrerer Delegierter noch drohte eine Spaltung der Frauenbewegung in der DDR.

Oder ist es in heutiger Zeit bereits sensationell, wenn in einer Bewegung Frauen unabhängig von ihrer Weltanschauung und politischen Bindung konstruktiv miteinander umgehen, Trennendes beiseite schieben, um gemeinsam für die Erhaltung sozialer Grundwerte, vor allem des Grundrechts auf Selbstbestimmung, für alle Gesellschaftsmitglieder zu kämpfen?

Insofern hätte man nur über einen angespannten Arbeitstag der Delegierten berichten können, die in einer 10stündigen Konferenz äußerst diszipliniert ein Mammutprogramm, das über die Diskussion und Verabschiedung von Statut, Programm und Wahlplattform bis hin zur Wahl der Sprecherinnen reichte, abarbeiteten.

Berichtenswert wäre auch gewesen, was Frauen an Erreichtem den anderen mitteilen konnten.

Wie sie es schafften, gegen die z. T. massiven Widerstände von männerdominierten Bewegungen und Parteien an die Runden Tische zu kommen;

wie die soziale Frage, ständig aufgeworfen von den Vertreterinnen des UFV, zu einer der zentralen Fragen der Runden Tische geworden ist;

wie die Frauen ihren Forderungen nach Gleistellungsbeauftragten in den Räten, Räumlichkeiten und finanziellen, Mitteln Nachdruck verliehen und Teilerfolge erzielen konnten.

Berichten könnte man auch über die wachsende Akzeptanz des UFV unter den Frauen (und nicht nur unter Frauen), die sich in dem Maße, wie ihre sozialen Ängste wachsen, verstärkt an den UFV wenden und ihn als Sachwalter ihrer Interessen empfinden.

Und das alles ohne westliche Hilfe.

Christiane Schindler
Unabhängiger Frauenverband

In der Aula der Brecht-Oberschule in Berlin-Mitte diskutierten rund 300 Frauen - aufgerufen von der "Lila Offensive" - unter dem Motto "Frauen, wehrt Euch gegen Sozialabbau"

aus: Podium, die Seite der neuen Parteien, Initiativen und Gruppierungen in der Berliner Zeitung, Jahrgang 46, Ausgabe 47, 24.02.1990