DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Bevor wir das Fürchten lernen

"Frauen, werdet endlich lebendiger!" sagte Steffi Spira zur Eröffnung des Gründungskongresses des Unabhängigen Frauenverbandes am 17. Februar. Dem geduldigen Papier zufolge gibt es längst die Gleichberechtigung. Dass wir jetzt dafür streiten müssen, hat auch mit der über vierzigjährigen Alleinherrschaft der ehemaligen SED zu tun. Unsere Aussichten, den verordneten Dornröschenschlaf auch psychisch abzuschütteln, sind nicht schlecht.

Der Dachverband gibt nichts vor. Ohne die Phantasie, das Selbstbewusstsein und die Aktivität der Frauen und ihrer Gruppen läuft nichts. Jede Frau kann in den UFV eintreten, interessierte Männer sind zur Mitgestaltung eingeladen. Die Gleichstellung von Frau und Mann ist uns wichtig. Auf ein mütterzentristisches Rollenbild wollen wir uns nicht länger beschränken lassen. Von Politik und Wirtschaft sind wir betroffen wie jedermann, also sollten wir auch mitreden - als der Unmündigkeit entwachsene Bürgerinnen, als (nicht unbeträchtlicher) Teil eines Volkes, das endlich seine Sprache wieder gefunden hat. Wir sind dabei, Unsicherheit und Kleinmut abzuschütteln. Ein forsches Antreten ist notwendig, um die Weichen für die Vollendung des revolutionären Umbruchs stellen zu helfen, solange es noch Weichen gibt.

Der Frauenverband wird - im Wahlbündnis mit der Grünen Partei - mit eigenen Kandidatinnen für die Volkskammerwahl antreten. Gemeinsam wollen wir das Schlimmste verhindern - ökologisch und sozial, politisch und ökonomisch. Der Einigungsprozess der deutschen Nation soll in wechselseitiger Reformentwicklung gestaltet werden. Brauchen wir in einem geeinten Deutschland zwei Armeen? Brauchen wir auch nur eine? Wofür? Wäre es nicht sinnvoller, die DDR und die BRD schrittweise zu entmilitarisieren und so Mittel für die längst überfällige ökologische Umgestaltung freizusetzen?

Einige weitere Programmpunkte aus unserer Wahlplattform:

- Das Recht aller auf eine Ökonomisch unabhängige Existenz.

- Die Abschaffung aller an die Ehe gebundenen Privilegien.

- Anerkennung Andersdenkender, -fühlender, -aussehender.

- Selbstbestimmung von Frauen über ihren Körper (das Recht auf die eigene Entscheidung über das Austragen oder den Abbruch einer Schwangerschaft).

Die Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen bemüht sich, ein Frauenzentrum aufzubauen. Das ist nicht leicht. Bislang gibt es kein Haus dafür, nur zwei kleine Büroräume in der Otto-Nuschke-Straße. Die Handvoll Aktivistinnen ist zunehmend gestresst durch Dauersitzungen an Runden Tischen, durch die Teilnahme an ungezählten Versammlungen und durch die berufliche Arbeit. Ideen gibt es viele, aber Zeit und Kraft fehlen. Und die Masse verharrt (noch?) im gewohnten Schweigen. Viele Männer wünschen nicht, dass sich ihre Frauen zum Feminismus bekennen. Als hätten wir etwas gegen Männer! Nicht gegen sie treten wir an, sondern gegen männliche Machtstrukturen, die letztlich unsere Erde bis an die Lebensgrenze hin deformiert haben (und die demzufolge alle, also auch die Männer, bedrohen).

Neun Gruppen bilden (bis jetzt) die Potsdamer Fraueninitiative. Sie befassen sich mit den Interessen und Nöten von Frauen, und sie setzen sich für Reformen ein, die unsere Gesellschaft lebens- und liebenswerter machen sollen. Die Garantie auf Arbeit und die Gleichstellung in Beruf, Politik und Gesellschaft muss gesetzlich verankert sein.

Die alten Gesetze lasen sich, als würden sie Frauen bei der Erziehung und im Beruf fördern. In der Praxis blieben die Männer davon zumeist unberührt. Drei Viertel aller Hausarbeiten werden von Frauen erledigt. Hauptsächlich wir betreuen die Kinder und ziehen sie groß, und das, obwohl hierzulande 91 Prozent der Frauen berufstätig sind. Auf hundert allein erziehende Mütter kommt ein allein erziehender Vater. Wie viel mehr freie Zeit am Tag hat der Mann?

Das weibliche Element muss in die Neugestaltung eingebracht werden. Es ist höchste Zeit, dass wir mitregieren. Wenn wir jetzt nicht lernen, Verantwortung zu übernehmen, werden wir später das Fürchten lernen müssen. Wir brauchen eine Natur, die überlebt und in der wir miteinander überleben können. Wir wollen gesellschaftliche Verhältnisse schaffen, die es jedem ermöglichen, seiner Einmaligkeit entsprechend zu leben - ob Frau, Mann oder Kind.

GABRIELE M.-GRAFENHORST
Unabhängiger Frauenverband
Initiative Potsdamer Frauen

aus: Märkische Volksstimme, Nr. 54, 05.03.1990, 45. Jahrgang, Unabhängige Tageszeitung im Bezirk Potsdam, Herausgeber: Verlag Märkische Volksstimme

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