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Ohne Frauen ist kein Staat zu machen

LVZ-Interviews zur Wahl / Von Kristin Polster

Exklusiv für LVZ:
Christina Schenk (UFV)

Die Gleichstellung von Frau und Mann ist bei uns verfassungsmäßig garantiert. Ist es dann nicht übertriebenes Emanzipationsstreben, einen Unabhängigen Frauenverband (UFV) zu gründen, der sich genau das zum Ziel setzt?

Nein, ganz und gar nicht. Denn diese verfassungsmäßige Gleichstellung ist weit entfernt von wirklicher Gleichstellung. Wir glauben, dass es noch immer Patriarchate gibt. Sicher ein Begriff, der nicht gern gehört wird. Aber er charakterisiert wohl am besten, was Frau und Mann auch heute noch an der freien Selbstbestimmung ihres Lebensmodells im Rahmen gesellschaftlicher Möglichkeiten hindert.

Frau  u n d  Mann?

Ja, natürlich. Wir können nicht für Interessen von Frauen eintreten, ohne die von Männern zu berühren. Indem wir Frauen helfen, helfen wir auch Männern. Frauen leben nicht im Vakuum. Deshalb wollen wir nicht die Möglichkeiten für Frauen denen des Männerdaseins anpassen sondern generell gleiche Chancen für beide.

Aber eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür - das Recht auf Arbeit für Frau und Mann und damit auf ökonomische Selbständigkeit - existiert doch unbestreitbar.

Schon, aber was ist denn mit Berufswahl, mit Bezahlung . . . Da gibt es nach wie vor den Vermerk "nur für männliche Bewerber". Ja, warum denn, kann man das nicht individuell prüfen? So kommt es dann, dass Dreiviertel aller berufstätigen Frauen in sogenannten Frauenberufen arbeiten, die minderbezahlt werden. Mit weniger Leistung schlechthin ist das nicht begründbar. Ich erinnere mich noch gut an die Schilder "Ich bin Bauarbeiter. Wer ist mehr?". Käme jemand auf die Idee "Ich bin Kindergärtnerin. Wer ist mehr?"

Sind Sie demnach auch gegen die angestrebten Teilzeitjobs für Frauen?

Gegen Teilzeitarbeit, nein. Für Frauen, ja. Warum denn schon wieder diese Einschränkung. Werden Frauen damit nicht schon wieder an Heim und Herd gedrängt? Zur industriellen Reservearmee abgestempelt?

Man kann es so sehen. Liegt hier aber nicht auch eine Chance für Mütter, für Partnerschaft, für mehr Harmonie in der Familie?

In jedem Fall. Die Möglichkeit aber, verkürzt zu arbeiten, muss für den Mann genauso bestehen. Solange er jedoch immer der Mehrverdiener sein wird, kommt gar nicht erst die Frage auf: Wer bleibt eher zu Hause? Dann ist es immer und immer wieder die Frau. Das ist ein ganz verdammter Kreislauf.

Ist es nicht ein bisschen einfach, die Ursachen dafür nur aufs Mehrverdienen zu reduzieren? Wird ein Mann, der genauso viel verdient wie seine Frau, nicht trotzdem lieber einmal zu viel als zu wenig abwägen, ob er zu Hause bleibt?

Ich denke, er muss ja nicht, aber er muss es erst einmal können dürfen. Teilzeitarbeit angestrebt, klar - nicht aber für Männer. Babyjahr garantiert, klar - aber für Väter nur als Kannbestimmung. Haushaltstag selbstverständlich, klar - aber nicht für den Herrn des Hauses.

Na gut, angenommen, die Möglichkeiten bestünden. Würden die Männer sie dann in Scharen nutzen? Haben sie nicht ein ganz anderes Rollenverständnis im (Familien)Leben als Frauen?

Genau, das ist ein weiterer Punkt. Wir wollen endlich weg von der seit Jahrtausenden betriebenen Rollenerziehung. Auch wenn es Eltern nicht wahrhaben wollen, noch viel öfter als gut ist es praktizierte Erziehung "Jungen sind stark, die weinen nicht; Mädchen sind lieb und helfen der Mama". Weiter geht's in den Schulbüchern "Mama kocht, und Papa arbeitet". Später dann fühlen sich manche Männer als "Helden", wenn sie mal abgewaschen haben, ohne wirklich eine Ahnung davon zu haben, was das bisschen Haushalt alles umfasst. Wir wurden quasi von Kindesbeinen an in bestimmte Klischees gepresst. Und, die bilden nun mal die uns meist unbewusste Einstellung zur individuellen Gestaltung einer Partnerschaft.

So ist also, was sie unter Gleichstellung verstehen - in den Gesetzen wie in den Köpfen - wohl kaum von heute auf morgen zu ändern.

Nein, das wird Ergebnis eines langen Weges sein, den man aber erst mal beschreiten muss. Starttermin: vorgestern.

Kann und wird sich aber die "Straßenverkehrsordnung" am Ortseingangsschild "Deutschland - einig Vaterland" nicht ändern?

Ganz sicher. Aber damit das eben nicht nur zu unserem Nachteil passiert, müssen wir etwas tun.

Was konkret?

Wir fordern vom Runden Tisch ein Ministerium für Gleichstellungsfragen. das jetzt und im Vereinigungsprozess dafür sorgt, dass bewahrenswerte Rechte für Frauen und Sozialmaßnahmen sich nicht in Luft auflösen.

Von welchen Forderungen würden Sie denn im Vereinigungsprozess nicht abgehen?

Auf jeden Fall muss das Recht auf ökonomische Unabhängigkeit erhalten bleiben. Denn das ist ja Grundlage jeglicher freier Lebensgestaltung. Unbedingt weiterbestehen müssen das Netz der Kinderbetreuungseinrichtungen, der Mieterschutz, das öffentliche, kostenlose Gesundheitswesen und auf jeden Fall auch das Recht auf selbstentschiedenen Schwangerschaftsabbruch. Eine Möglichkeit übrigens, in der die Frauen der Bundesrepublik sehr auf uns hoffen.

Mit der möglichen Privatisierung der Kinos, Videobenutzung und Einführung der Pornographie ist wohl auch die Frage der Gewalt gegen Frauen aktueller denn je.

Ja. Aber ich denke, man kann so etwas wie Pornographie beispielsweise nicht verbieten. Ich sage immer, jedes Volk hat die Pornographie, die es verdient. Aber man muss Bedingungen schaffen, dass niemand gezwungen ist, derart seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Unaktuell aber war die Frage der Gewalt auch bis dato nicht. Vergewaltigung in der Ehe, sexueller Missbrauch von Kindern, Vermarktung der Weiblichkeit - das alles passte nicht zum Sozialismus, ergo existierte es nicht.

Ihr eigentliches Anliegen ist aber doch die wirkliche Gleichstellung von Frau und Mann. Mir scheint, im bevorstehenden Vereinigungsprozess bleibt der UFV beim Kampf um Erhalt bestehender Rechte und Möglichkeiten stehen.

Gewonnene Werte werden wir nicht hergeben, aber stehen bleiben auf diesem Punkt müssen wir doch nicht. Auch in einem vereinten Deutschland bleiben noch genügend Dinge, die Wir anstreben.

Als da wären?

Na ja, was wir schon ansprachen, dass eben die Nutzung sozialpolitischer Maßnahmen ausschließlich in der Partnerschaft entschieden wird, dass Einkommensunterschiede abgebaut werden, dass bestimmte Bildungs- und Erziehungsinhalte über das Verständnis von Frau und Mann, überprüft werden, dass das Rentenalter gleich festgelegt wird. Denn welche logische Begründung gibt es dafür, dass Männer, die ohnehin eine geringere Lebenserwartung haben, länger arbeiten sollen . . .

Könnte es nicht sein, dass der Frauenverband für die Parteien eine Art Alibirolle übernimmt? So nach dem Motto, na ja, um Frauenfragen kümmern die sich ja.

Möglich. Aber wir bestehen ja auch, weil wir der festen Überzeugung sind, dass mit Parteien allein keine Basisdemokratie zu machen ist. Es gibt viele engagierte Frauen, z. B. in der SPD oder PDS, die aber doch in ihren Parteien in der Unterzahl sind und sich letztlich auch einfach um zu vieles kümmern müssen, als dass sie sich so konzentriert den Frauenproblemen widmen könnten wie es unsere Frauen tun. Das schließt ja nicht aus, sondern fordert geradezu, dass wir mit den Parteien zusammenarbeiten. Besonders intensiv im Wahlbündnis mit der Grünen Partei, weil ihre Forderungen und Ansichten, insbesondere zur Frauenfrage, uns am nächsten stehen.

Könnte man also sagen, der UFV macht Politik, um sich selbst aufzuheben?

Ganz präzise. Haben wir unsere Ziele erreicht, sind Frau und Mann gleichgestellt, wirklich gleichgestellt, am Ende des Weges, den wir gehen wollen, dann wird der UFV überflüssig sein.

aus: Leipziger Volkszeitung, Nr. 58, 09.03.1990, 96. Jahrgang, Gegründet 1894 als Organ für die Interessen des gesamten werktätigen Volkes

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