Brunhild Friedel

Was heute möglich scheint, hätte sich mancher nicht träumen lassen. Ich mir meine Kandidatur auch nicht. Eine Kandidatur für Frauen. Seit mehr als zehn Jahren interessiert mich das Leben von Frauen besonders. Wie kommt es, dass vor allem Frauen die Kirchen füllen. Männer aber das Wort führen? Wie kommt es, dass von all den gut ausgebildeten Frauen unseres Landes nur etwa 20 Prozent Leitungstätigkeit ausüben? Was ist dran an dem Seufzer "Als Frau musst du eben besser sein als ein Mann, sonst wirst du nicht anerkannt"?

Ich habe das Leben der Frauen, denen ich begegnet bin, aufmerksam beobachtet. Uns verbindet mehr, als wir ahnen. Was so mancher vor uns als persönliches Geschick erscheint, hat Ursachen und Folgen, die für jede gelten: Trotz gesetzlich verankerter Gleichberechtigung leben wir in einer Männergesellschaft, und zwar in beiden Teilen Deutschlands. Frauen fühlen sich für die Familien stärker verantwortlich und werden durch die Gesetzgebung auch hauptverantwortlich gemacht. Wenn es um familiäre Belange geht, zweifelt niemand an der Kompetenz der Frauen. Geht es jedoch um Wirtschaft und Politik, haben Männer das Sagen. Die Frauen sind ins Grübeln gekommen, weltweit: Was muss sich an diesem Muster ändern, damit wir gemeinsam überleben?

Unser Verstand sagt uns, dass wir nur verteilen können, was vorhanden ist. Wenn also die westliche Wirtschaft auf dem Territorium der DDR ein Wirtschaftswunder inszenieren will, muss woanders gespart werden. Das bedeutet aber mehr Elend, noch mehr Hunger für Kinder, Frauen und Männer.

Frauen werden einen ganz anderen Aspekt in die Politik einbringen: Weil sie selber Leben tragen, nähren und schützen, werden sie nicht fahrlässig mit dem Leben umgehen. Wir wollen auf Qualität achten: eine gesunde Umwelt, ein maßvolles Haushalten, ein gutes Gleichgewicht zwischen Familienzeit, Berufstätigkeit und gesellschaftlichem Engagement für beide Geschlechter.

Wir wenden uns mit Entschiedenheit gegen die drohende Ausgrenzung großer Bevölkerungsgruppen. Jede Person ist wichtig, ob sie nun alt oder jung, behindert, farbig oder religiös gebunden ist, ob sie nun eine Frau liebt oder einen Mann. Eine Frau weiß, dass sie allein nie alles schaffen kann. Sie wird deshalb darauf achten, dass die guten Möglichkeiten im anderen Menschen auch zum Zuge kommen. So arbeiten wir in Gruppen mit unterschiedlicher Interessenlage basisdemokratisch miteinander. Unser Statut schließt zentralistische Machtstrukturen aus.

Was wir uns auch nicht träumen ließen ist, dass unsere unabhängige Existenz als Frauen jetzt von Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg bedroht ist. Der Unabhängige Frauenverband setzt sich ein für Gleichstellungsbeauftragte, die auf allen Ebenen der Exekutive Sorge tragen, dass Frauen gleich behandelt und nicht ausgegrenzt werden Die Ministerin Tatjana Böhm ist eine von uns.

Brunhild Friedel, Jahrgang 1952 - gelernte Physiklaborantin und Pfarrerin.
Sie hat zwei Töchter und einen Sohn, lebt in Dresden und arbeitet ehrenamtlich in der Erwachsenenseelsorge. Die Vollversammlung des UFV wählte sie im Februar in den Sprecherinnenrat. Lieblingsfarbe: lila.

aus: Sächsische Zeitung, Nr. 53, 03./04.03.1990, 45. Jahrgang, Tageszeitung für Politik, Wirtschaft und Kultur, Herausgeber: Verlag Sächsische Zeitung