DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Frauen jetzt

"Soziales Aus für Frauen?"

Im Unabhängigen Frauenverband haben sich Frauen über weltanschaulich-politische, soziale, altersmäßige, sexuelle, nationale und religiöse Schranken hinweg zusammengeschlossen. Frauen hatten bisher keine Möglichkeit, auch nicht über die Mitgliedschaft in politischen Parteien und Organisationen, ihre frauenspezifischen Interessen, ihre Sicht auf gesellschaftliche Verhältnisse und ihre Vorstellung über deren Entwicklungsrichtung und -inhalte einzubringen. Diesen Anspruch meiden Frauen jetzt an - über eine eigenständige politische Interessenvertretung, den Unabhängigen Frauenverband (UFV).

Der Unabhängige ein Zusammenschluss autonomer Frauengruppen, -initiativen und -projekte sowie einzelner Frauen, setzt sieh dafür ein, dass Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft auch durch die weibliche Hälfte der Gesellschaft gestaltbar werden. Durch die Umbruchsituation in der DDR erhielt auch die Bewegung von Frauen für ihre Rechte massenhaften Auftrieb.

Die Ausgangslage für Frauen im Emanzipationsprozess stellt sich jedoch widersprüchlich dar. Zum einen wurden wesentliche Grundlagen für Frauenemanzipation geschaffen. Als Ergebnis einer verfehlten Frauenpolitik kam es aber andererseits zu deutlichen Rückschritten. Mit dem Ziel, die Geburtenrate zu erhöhen, schrieb eine staatlich verordnete Sozialpolitik vorrangig den Frauen die Zuständigkeit für Familie und Hausarbeit zu. Vermeintlichen ökonomischen Zwängt untergeordnet, verblieb die "störungsanfällige Frau" in minder bewerteten Berufen und Positionen.

Angesicht der gegenwärtigen Krise müssen Frauen befürchtest, als erste ins soziale Aus gestellt zu werden. Konkret heißt das für Frauen: Über 90 Prozent der Frauen befinden sich im Beruf oder in der Ausbildung und sichern sich damit eine weitgehende ökonomische Unabhängigkeit. Aber: Sie arbeiten zu 75 Prozent in minderbezahlten so genannten frauentypischen Berufen. Eine Folge dessen ist, dass auf Frauen nur 75 Prozent des männlichen Arbeitseinkommens entfallen. Bereits jetzt deutet sich im Zuge der Krise hohe weibliche Arbeitslosigkeit an. Mängel im Versorgungssystem müssen zunehmend durch weibliche Mehrarbeit kompensiert werden. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung weist Frauen noch heute 80 Prozent der anfallenden Hausarbeit zu. Droht Frauen im Zuge einer Rekapitalisierung der Wirtschaft der Rückschritt an Heim und Herd?

Aus der aufgezeigten Problematik ergeben sich zwei politische Grundziele für die Arbeit des Unabhängigen Frauenverbandes. Zum einen gilt es zu sichern, dass Frauen nicht hinter die erreichte Stufe der Selbstbestimmung und materieller Unabhängigkeit zurückfallen. Zum anderen müssen sich Frauen in den Reformprozess unseres Landes unüberhörbar einschalten und diesen im Sinne menschlicher Emanzipation vorantreiben.

Der Unabhängige Frauenverband formuliert einen neuen Anspruch an die politische Kultur. Männlichautoritären Ellenbogenmanieren und Leistungsstilen wollen wir frauenfreundliche Politikformen entgegensetzen - geprägt von Rationalität, Zeitsinn und praktischer Vernunft. Wir begreifen den Geschlechterwiderspruch als Machtverhältnis. Jahrzehntelange Ausgrenzung, Unterrepräsentation von Frauen in Politik und Parlamenten kann deshalb nur durch eine Quotierung für Frauen durchbrochen werden.

Der Unabhängige Frauenverband tritt für die Einrichtung eines Ministeriums für Gleichstellung ein. Die Ministerin für Gleichstellungsfragen sollte alle Gesetze, Maßnahmen und Verordnungen aus der Interessenlage von Frauen überprüfen und sollte Vorschläge zur Förderung von Frauen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens einbringen.

Der UFV ist für eine Lösung der deutschen Fragen, von der sich die Europäer nicht fürchten müssen. Der Verband steht für:

- die Einigung der deutschen Nation in einem wechselseitigen Reformprozess, der die innere Souveränität beider deutscher Staaten achtet,

- eine deutsch-deutsche Entmilitarisierung,

- die Umwandlung der militärischen Blöcke in politische Allianzen,

- eine Marktwirtschaft, die Ökologie, Demokratie und gerechte Sozialpolitik verbindet,

- die Förderung einer eigenständigen Entwicklung der so genannten dritten Welt und du Recht ihrer Völker auf Selbstbestimmung,

- eine umfassende Demokratisierung in Politik, Wirtschaft und gesellschaftlicher Öffentlichkeit bei Wahrung der neuen Formen von Bürgerdemokratie.

aus: Freies Wort, Nr. 54, 05.03.1990, 39. Jahrgang, Unabhängige Tageszeitung für Südthüringen

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